23.05.2005 · Südkoreanischen Wissenschaftlern ist ein Meilenstein in der Forschung gelungen, der schon bald einen therapeutischen Einsatz von Stammzellen möglich erscheinen läßt. Das Heilpotential scheint verlockend. Die ethische Debatte um Chancen und Risiken der Stammzellenforschung ist neu entbrannt.
Von Christian SchwägerlWissenschaftler in Südkorea haben erstmals mit Hilfe des Klonverfahrens die Körperzellen kranker Menschen in einen embryonalen Zustand zurückversetzt.
Sie haben damit einen neuen Weg zur Erforschung und möglichen Heilung schwerer Leiden beschritten. Die Kontroverse um ethische Grenzen der Stammzellforschung wird zugleich wieder entfacht. Nach Informationen dieser Zeitung will Bundeskanzler Schröder (SPD) seine Bemühungen intensivieren, deutschen Wissenschaftlern Forschungsarbeiten wie in Südkorea zu ermöglichen.
Körpereigenes Ersatzgewebe züchten
Wie die Forscher Hwang und Moon von der National University of Seoul in der Zeitschrift „Science“ berichten, haben sie von insgesamt elf Patienten im Alter zwischen zwei und sechsundfünfzig Jahren durch Klonen embryonale Stammzellen gewonnen. Neun der Geklonten sind querschnittsgelähmt, einer leidet an einem erblichen Immundefekt und einer an Diabetes. Ziel der Forscher ist es, mit Hilfe des Klonens Ersatzgewebe zu züchten, das vom Körper nicht abgestoßen wird und die Arbeit kranken oder abgestorbenen Gewebes übernehmen kann.
Hwang und Moon haben abermals Biomediziner und Forschungspolitiker mit Tempo und Tragweite ihrer Arbeit verblüfft. Bereits im vergangenen Jahr hatten sie als erste die Klontechnik am Menschen demonstriert. Die Gewinnung von Klonzellen kranker Menschen führt nun näher zum klinischen Einsatz des Klonens, der nach Aussagen der beiden Forscher aber noch mehrere Jahre entfernt ist. Zu den Zielen gehört, unmittelbar nach einem Unfall den geschädigten Nervenstrang der Wirbelsäule zu regenerieren.
Schröder will biopolitischen Kurswechsel
Durch Erfolgsnachrichten wie diejenige aus Südkorea fühlt sich Kanzler Schröder in seinem Plan bestätigt, die Koalition und die Öffentlichkeit für einen biopolitischen Kurswechsel zu gewinnen, der spätestens im Fall eines Sieges bei der Bundestagswahl erfolgen soll, hieß es in der Regierung. Schröder will offenbar die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen am 14. Juni zu einem Plädoyer für das "therapeutische Klonen" und für eine unbeschränkte Stammzellforschung auch in Deutschland nutzen. Derzeit ist Forschung nur an importierten embryonalen Stammzellen möglich, wovon neun Forschergruppen Gebrauch machen.
Der Kanzler bereitet seine Mitarbeiter und Ministerien Schritt für Schritt darauf vor, auf eine Abschaffung der geltenden Regeln des Embryonenschutzes hinzuwirken. Von der Regierung soll vor der Wahl 2006 aber keine Initiative für eine Lockerung der Regeln angestoßen werden, hieß es. Schröder hat schon den SPD-Vorsitzenden Müntefering auf seine Seite gezogen, der eine Fraktionsinitiative starten könnte. Der Kanzler setze aber auch auf die Rückendeckung von Wirtschaftsminister Clement, Forschungsministerin Bulmahn und Justizministerin Zypries.
Regierungssprecher bestätigt die Überlegungen
Die Bundesregierung hat indes bekannt gegeben, daß sie zwar derzeit keine Lockerung des Embryonenschutzes in Deutschland anstrebe. In zwei Jahren sollen die gesetzlichen Regelungen nach Angaben von Regierungssprecher Béla Anda aber überprüft werden. „Deutschland ist bereit, sich in diesem sensiblen Bereich zu bewegen“, bekräftigte Anda. Eine grundsätzliche Öffnung der Stammzellenforschung sei aber nicht geplant. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) werde bei der Verleihung einer Ehrendoktorwürde an der Universität Göttingen am 14. Juni seine Position zur Stammzellenforschung darstellen.
Auch Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SDP) sehe derzeit keinen Bedarf für einen lockereren Embryonenschutzes, schließt aber künftige Gesetzesänderungen nicht aus. „Die Gesetzesbasis für die Grundlagenforschung in Deutschland ist ausreichend“, sagte ein Ministeriumssprecher. Wenn therapeutische Anwendungen möglich würden, müsse man neu nachdenken.