11.03.2007 · Die erste „Stammzellen-Investoren-Konferenz“ auf europäischem Boden lud in Frankfurt ein. Die Teilnehmer freuten sich über eine „Goldgräberstimmung“. Doch noch ist das Geschäft mit den Stammzellen am Kapitalmarkt vor allem eines: eine Achterbahnfahrt.
Von Joachim Müller-JungDa wuchs also zusammen, was zusammengehört: Kapital und Stammzellen. Viele haben es schon vor Jahren vorausgesehen, und von Milliardenumsätzen redeten ja schon damals keineswegs nur Unternehmensberater und Lobbyisten. Auch Politik und Wissenschaft mischten stets kräftig mit im Konzert der Zweckoptimisten.
Nun also war es vor wenigen Tagen in Frankfurt am Main soweit, in der europäischen Börsen- und Finanzmetropole, wo man schon viele große Sterne am Aktienhimmel hat aufgehen - und manche auch wieder verglimmen - sehen: Die erste „Stammzellen-Investoren-Konferenz“ auf europäischem Boden lud in das erste Hotel am Platze.
Stammzellen bleiben ein Anlagerisiko
Deutsches Aktieninstitut meets Deutsche Gesellschaft für Regenerative Medizin, Stammzellforscher trafen auf Firmengründer, Ärzte auf Anleger. So saßen sie also da, sechs oder sieben Dutzend mögen es gewesen sein, Seite an Seite im Festsaal des Steigenberger und schnupperten sich ab, tauschten sich im reinsten Börsenenglisch über Wachstumsraten und Kapitalrunden aus, freuten sich über eine „Goldgräberstimmung“ und ließen sich auch von kühlen Analysten wie Heiko Geiger von der Deutschen Börse nicht beeindrucken, der sich zwar grundsätzlich „einen zweiten Neuen Markt“ vorstellen kann, der aber die gegenwärtige Situation eher geprägt sieht von „Spannungen“ zwischen Erwartungen und Möglichkeiten.
Mit anderen Worten: Stammzellen bleiben einstweilen ein beträchtliches Anlagerisiko. Auch Rüdiger von Roosen vom Deutschen Aktieninstitut sieht den Markt mit den neuen Medizinrohstoffen bis auf weiteres eher als Tummelplatz für professionelle denn für Privatanleger.
Wo nur anfangen bei dem Riesenpotential?
Dabei sahen die Fundamentaldaten, wie der Börsianer sagen würde, zumindest aus wissenschaftlicher Perspektive gar nicht mal so schlecht aus. Jürgen Hescheler von der Universität Köln etwa präsentierte so beeindruckende Videosequenzen von pulsierenden Herzmuskelzellen, die aus embryonalen Stammzellen hergestellt worden waren, dass manchem Investor womöglich das Herz höher zu schlagen begann.
Aber das war längst nicht alles. Ob als Organersatz oder als „Screening-Systeme“ für Arznei- und Toxikologietests, ob als „Vehikel“ für Diagnostika oder für die Gentherapie, in den Augen des Experten steckt für die industrielle Zelltherapie und Gewebezucht - kurz Tissue Engineering - noch viel mehr drin, als man in ein paar knappen Konferenzminuten erläutern könnte.
Mit dieser Schwierigkeit hatten sie alle zu kämpfen, die über die neuen Wunderwaffen der Medizin zu berichten hatten: Wo nur anfangen bei dem Riesenpotential? Dieter Hoelzer, Hämatologe an der Frankfurter Uniklinik und ein Urgestein der deutschen Stammzellforschung, rechnete mal hoch - schließlich ging es ums Geld: 171 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr 2020.
Vom Staat im Stich gelassen
Heute liegt man noch bei etwa sechzig Millionen Dollar, nimmt man die fünfzehn größten börsennotierten Stammzellgesellschaften zusammen - Aktienwert: dreieinhalb Milliarden Dollar. Die Marktkapitalisierung stimmt, auch für Kai Pinkernell, deutscher Mediziner und Mitbegründer von „Cytori Therapeutics“.
Das mittlerweile in San Diego beheimatete Unternehmen verspricht Brustrekonstruktionen bei Krebspatientinnen und die Instandsetzung infarktgeschädigter Herzmuskel, und das quasi am Operationstisch in null Komma nichts mit den aus Fettzellen gewonnenen Stammzellen.
Nächstes Jahr soll das erste „Produkt“, die Brustrekonstruktion, in Europa auf den Markt kommen. Drei Studien liefen derzeit; kleine Studien freilich, wie bei vielen solcher vergleichsweise noch kleinen Firmen. Risikokapital hin oder her, viele von ihnen fühlen sich, wenn es um die Marktentwicklung ihrer Stammzellprodukte geht, ebenso wie die Forscher von den Pharmakonzernen („die wollen fertige Produkte haben“) und vom Staat im Stich gelassen.
Nichts für schwache Nerven
So ist das derzeit mit den Stammzellen am Kapitalmarkt: eine Achterbahnfahrt. Einerseits sieht man sich viel näher am Ziel als allgemein gedacht, was in Frankfurt etwa mit der Leipziger Nabelschnurblutbank „Vita 34“ von Eberhard Lampeter deutlich gemacht werden sollte, der schon seit sechs Jahren mit der Einlagerung von Stammzellen schwarze Zahlen schreibt.
Oder mit der jungen Firma „t2cure“ des Frankfurter Kardiologen Andreas Zeiher, der seine „Service-Agentur“ für Vorläuferherzzellen aus Knochenmark auf Basis einiger bahnbrechender klinischer Experimente mit adulten Stammzellen zur Infarkttherapie aufgebaut und nun eine Multicenterstudie mit mehr als zwölfhundert Patienten angekündigt hat.
Andererseits wähnt man sich meilenweit entfernt vom Paradies. „Wir brauchen Zeit, um zu beweisen, dass es funktioniert“, sagte Hescheler, „und Investoren, die zehn bis fünfzehn Jahre dauernde klinische Studien finanzieren.“ Nichts für schwache Nerven auf dem Börsenparkett. Es sieht nach einer großen Geduldsprobe aus.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Jüngste Beiträge