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Stammzell-Forschung „Biopolitischer Friedensvertrag“

13.12.2006 ·  Die Bundesregierung sucht nach „Alternativen“ zum geltenden Stammzellgesetz. Der Streitpunkt zwischen Forschern und Kirchen: Wie kann man sicherstellen, daß nicht speziell für die Forschung Embryonen zerstört werden?

Von Christian Schwägerl
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Die biopolitsche Revision kommt offenbar noch viel schneller als erwartet. Erst vor vier Wochen hatte Angela Merkel die Wissenschaft aufgefordert, mit ihr zusammen nach „Alternativen“ zum geltenden Stammzellgesetz zu suchen. Nur eine „grenzenlose Freigabe“ der Forschung mit menschlichen Embryozellen schloß die Kanzlerin dabei aus. Am gestrigen Dienstag kündigte Merkels Verbindungsmann im Parlament, Norbert Röttgen, bereits an, daß der Bundestag schon bald über eine Neuregelung entscheiden wird.

Merkel betreibt also ihre neue Biopolitik im Eiltempo. Doch wie soll die Revision aussehen? Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften nutzt die Gunst der Stunde. Ihr Präsident Günter Stock schlägt eine Alternative zu den geltenden Restriktionen vor, die Merkels Kriterien erfüllen dürfte. Die Lösung firmiert unter dem Namen „rollender Stichtag“. Bisher dürfen deutsche Forscher nämlich nur Stammzellinien nutzen, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Weil es in Deutschland keine eigenen Kulturen embryonaler Stammzellen geben darf, sind Wissenschaftler auf einen Import etwa aus Amerika, Australien und Israel angewiesen.

Zellen stark mit tierischem Material befrachtet

Mit dem fixen Stichtag wollte der Bundestag sicherstellen, daß nicht eigens für die deutsche Forschung Embryonen aus der künstlichen Befruchtung abgezweigt und zerstört werden, um ihre Stammzellen zu nutzen. Die Akademie warnt nun aber davor, daß dieser fixe Stichtag die deutsche Forschung auf Dauer von der internationalen Spitzenforschung abhängt und daß zudem die verfügbaren Zellen stark mit tierischem Material befrachtet sind, was ihre Anwendung in der klinischen Praxis verbietet.

Ein „rollender Stichtag“ würde bedeuten, daß nur Stammzellen genutzt werden dürfen, die in einer gewissen Frist vor dem aktuellen Datum gewonnen wurden, etwa sechs Monate oder ein Jahr. „Das würde sicherstellen, daß nicht eigens für die deutsche Wissenschaft embryonale Stammzellen gewonnen werden, aber zugleich könnten wir in der Spitzenforschung mitmachen“, sagt Stock. Den Vorschlag des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Huber, den Stichtag einfach zu verlegen, etwa auf den 31. Dezember 2005, beurteilen Stock und seine Stammzellfachfrau Anna Wobus dagegen kritisch.

Dauerhafter biopolitischer Friedensvertrag

„Die wirklich interessanten neuen Linien, die gut wachsen und frei von jeglichem tierischen Material sind, wurden erst in diesem Jahr erzeugt“, warnt Wobus. Ein neuer fixer Stichtag würde auch bedeuten, daß man in wenigen Jahren schon wieder über eine Verschiebung reden müßte, wenn etwa krankheitsspezifische Zellinien vorliegen. „Mit einem rollenden Stichtag könnte man die Debatte schließen“, sagt Wobus. Eigene deutsche Stammzellinien seien, da das internationale Angebot inzwischen riesig sei, gar nicht nötig: „Man könnte zu einem dauerhaften biopolitischen Friedensvertrag kommen.“

Die Akademie gibt sich mit ihrem Vorstoß noch bescheidener als die DFG, die zuletzt gefordert hat, den Stichtag ganz abzuschaffen. Im Gegensatz zu Stocks Akademie hat die DFG aber auf die Aufforderung der Kanzlerin bisher nicht reagiert, auch die Max-Planck-Gesellschaft, an deren Spitze mit Peter Gruss - immerhin ein Stammzellforscher - steht, schweigt. Dahinter steckt wohl mehr als das Beharren auf den bereits erhobenen Forderungen. Die Wissenschaftsstrategen sind wohl ins Bild gesetzt, was die Regierung hinter den Kulissen plant, und mit dem neuen Kurs zufrieden. Konservative Biopolitiker zeigen sich entsetzt: Der Stammzell-Kompromiß aus dem Jahr 2002 gehört für die Bundeskanzlerin schon heute der Vergangenheit an.

Quelle: F.A.Z., 13.12.2006, Nr. 290 / Seite 34
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