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Sprachvereinfachung Zwischen Esperanto und Pidgin

22.06.2011 ·  Kann man Sprachen vereinfachen, um sie leichter erlernbar zu machen? An Ansätzen hat es nicht gemangelt und den Versuch, vereinfachte Varianten einer Sprache zusammenzustellen, könnte man vielleicht doch noch einmal unternehmen.

Von Hans-Martin Gauger
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Jedes Kind lernt jede Sprache, in die es hineingeboren wird, ganz unabhängig davon, wo es herkommt. Und es können auch zwei oder mehrere sein. Kleinkinder sind also alle äußerst sprachbegabt. Erwachsene, die immer noch gut mit Fremdsprachen zurechtkommen, sind also in diesem Punkt infantil geblieben.

Ein erster Bruch geschieht um das achte Jahr herum, was bedeutet, dass man nicht unbedingt von Geburt an in einer bestimmten Sprache leben muss, um in ihr perfekt zu werden: Man kann auch noch später hinzustoßen. Das Gehirn bewahrt sich hier eine Zeitlang eine Elastizität, die sich danach reduziert. Dies tut sie mit der Pubertät ein weiteres Mal. Danach mehren sich die individuellen Unterschiede. Insgesamt jedoch wird es schwierig und schwieriger, eine fremde Sprache zu lernen. Aber es geht, wie jeder weiß, immer noch, vor allem wenn es eine Notwendigkeit ist. Denn so schwierig das Sprachenlernen im Erwachsenenalter ist, so drängend ist - gerade angesichts unserer gegenwärtigen Mobilität - die Tatsache, dass man in neuer sprachlicher Umgebung minimale Sprachkenntnisse braucht: Man muss ein bisschen verstehen und sich verständlich machen können.

In diesem Dilemma liegt die Frage nahe: Könnte man Sprachen nicht - für begrenzte Zwecke - so vereinfachen, dass dieses minimale Ziel leichter erreichbar wird? Aber was kann das überhaupt heißen: eine Sprache vereinfachen? Erstens, dass man in bestimmten Situationen, wenn man also etwa hierzulande mit Fremdsprachigen Deutsch redet, sein Sprechen vereinfacht. Etwas sehr anderes wäre es aber, zweitens, sozusagen institutionell eine planmäßig einfacher gemachte Variante neben der allgemeinen Sprache zu schaffen.

Zeitwörter zu Grundformen

Was das Erste angeht, ergibt sich eine solche Vereinfachung des Sprechens im Grunde von selbst. Nur machen dies viele reichlich ungeschickt. Wenn ein Ausländer etwas nicht versteht, sind viele nur in der Lage, was sie gesagt haben und nicht verstanden wurde, ganz genauso noch einmal zu sagen - genauso schnell, genauso undeutlich, nur etwas lauter. Hier geht es also zunächst um klare Artikulation, die Vermeidung von Nuscheln, auch um die möglichste Vermeidung, was vielen schwerfällt, von Dialekteinschlägen (zudem gibt es ausgesprochene Nuscheldialekte), dann um Langsamkeit, vor allem aber auch um die so hilfreiche lautliche Trennung der Wörter, dass man sie einzeln wahrnehmen kann.

Auch sollte man seltene Wörter vermeiden: Statt "wenig hilfreich" sollte man eher "schlecht" sagen oder, noch einfacher, "nicht gut", man sollte auch möglichst in einfachen und aneinandergefügten, nicht also in ineinandergefügten Sätzen reden, was man allerdings beim Sprechen ohnehin meist tut. Also, wie die Grammatiker sagen, keine Hypotaxe, sondern Parataxe, nicht Über- und Unterordnung, sondern ein Nebeneinander möglichst gleich gebauter Sätze.

Außerdem kann man die Zeitwörter auf die Grundform reduzieren, also auf den Infinitiv. Somit, wie man dies schon aus der sogenannten Gastarbeitersprache der fünfziger Jahre kennt: "Du Schaufel holen", was eine Anweisung sein kann, aber auch, je nachdem, eine Aussage zur Vergangenheit ("du hast sie geholt") oder zur Zukunft ("du wirst sie holen"). Vor allem sollte man, was oft übersehen wird, feste Ausdrücke, sogenannte idiomatische, also einer bestimmten Sprache eigentümliche Wendungen vermeiden - statt "Dann kommen wir in Teufels Küche" also lieber "Dann kriegen wir Probleme". Auch verstehen Ausländer Fremdwörter meist eher: "Probleme" eher als "Schwierigkeiten" und "monoton" eher als "eintönig".

Kreolisierung als Sprachschlüssel

Wäre nun eine quasi institutionalisierte einfachere Sprachvariante (siehe: "Kann man das nicht etwas klarer sagen?") eine Lösung? An sich geht schon das "Esperanto", das der polnische Arzt Ludwig L. Zamenhof 1887 geschaffen hat, in diese Richtung. Allerdings wurde da nicht eine bestimmte Sprache vereinfacht, sondern eine neue und dann stark vereinfachte geschaffen: Alle Hauptwörter gehen auf -o aus, alle Zeitwörter auf -i, alle Eigenschaftswörter auf -a, die Mehrzahl wird immer durch ein angehängtes -j signalisiert, und jedes Wort wird auf der vorletzten Silbe betont.

Dass sich Esperanto im großen Stil durchgesetzt hätte, wird man nicht behaupten - als Grund wird gern angeführt, Esperanto sei eben eine "künstliche" Sprache. Doch umgekehrt sind auch sogenannte natürliche Sprachen eben nicht natürlich, sondern geschichtlich geworden. Allerdings sind auf geschichtlichem Weg tatsächlich auch reduzierte Sprachen entstanden: die sogenannten Pidgins. Sie bilden sich, wenn Menschen, die keine gemeinsame Sprache haben, trotzdem miteinander sprechen. Das war besonders im Zuge der Kolonialisierung zu beobachten, auf der Grundlage des Englischen, Französischen, Spanischen, Portugiesischen oder Niederländischen. Solche Fast-Sprachen sind zweckgebunden, haben nur geringen Wortschatz, kaum Grammatik und funktionieren nur in engem praktischen Rahmen. Wenn aber ein Pidgin in den folgenden Generationen zur Muttersprache wird, entsteht aus ihm eine sogenannte Kreolsprache.

Bis vor kurzem glaubten nicht wenige Sprachwissenschaftler, man komme bei einer solchen "Kreolisierung" an das Geheimnis der Sprache, der Sprachentstehung heran. Namentlich der halbgeniale Nordamerikaner Dereck Bickerton hat dies propagiert, und zwar auf der Grundlage dessen, was der auf seine Weise tatsächlich geniale Nordamerikaner Noam Chomsky lehrt: Man redet von einem "Bioprogramm der Sprache" und setzt kühn die pränatale Existenz einer dem Embryo mitgegebenen Grammatik voraus (siehe Sonntagszeitung vom 12. Juni). Doch Bickertons auf die Kreolsprachen gerichtete Erkenntniserwartungen haben sich nicht erfüllt: Die Jagd nach dem Wesen der Sprache auf diesem Wege wurde abgeblasen.

Suche nach dem Grundwortschatz

In unmittelbare Nähe einer institutionalisierten und gemachten Vereinfachung kam ein Projekt im England der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Da sollte ein sogenanntes "Basic English" geschaffen werden. Dahinter standen zwei Gelehrte von beträchtlichem Kaliber: Charles K. Ogden und Ivor A. Richards. Das Projekt richtete sich nicht nur als freundliche Hilfe an solche, die Englisch lernen wollten, sondern es sollte für diese Sprache den Weg zur allgemeinen Weltsprache ebnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten Franzosen etwas Ähnliches und schufen ein "français élémentaire". Unter dem Gesichtspunkt des unbedingt Erforderlichen wurde etwa der Wortschatz sortiert: Man stellte 270 sogenannte "grammatische Wörter" zusammen, also Wörter wie "pour" oder "parce que", dann 380 Hauptwörter, 200 Zeitwörter, 100 Eigenschaftswörter und 50 weitere Wörter, die man für wichtig genug hielt, und kam so auf genau 1000 Wörter. Beide Projekte aber sind inzwischen versandet. Man schreckte vor solcher Vereinfachung zurück. Zudem war sie schließlich für das zunehmend omnipräsente Englisch gar nicht mehr nötig. Immerhin wurde das "Basic English" Bestandteil der Literatur: Es wurde zur Vorlage für George Orwells berühmtes "Newspeak" in seinem Roman "1984".

Ansätze in dieser Richtung gab es auch im Deutschen. Da waren die bisher noch kaum erforschten Bemühungen zunächst in der deutschen Kolonialzeit, dann solche unter den Nazis. Von Peter Kühn wurde 1979 ein "Grundwortschatz" des Deutschen zusammengestellt. Außerdem gibt es entsprechende Bemühungen im Universitätsfach "Deutsch als Fremdsprache". Auch das Goethe-Institut, für den Erwerb des Deutschen zuständig, hat sich in dieser Richtung bemüht, etwa um die Erstellung vergleichbarer Stufen im sogenannten Lernerniveau: vom elementaren A1 bis zum avancierten C2.

In Teufels Küche

Leicht ist es jedenfalls nicht, eine Sprache zu vereinfachen, nicht einmal für begrenzte Zwecke. Und es ist auch nicht ohne weiteres ratsam. Unproblematisch ist es nur, wenn man, wie angedeutet, sein Sprechen innerhalb bestimmter Situationen vereinfacht, wenn es also darum geht, mit Fremdsprachigen zu reden. Es gibt aber auch Probleme innerhalb einer Sprachgemeinschaft: bei Behinderten, auch schon bei weniger gut Ausgebildeten, bei stark ihrem Dialekt Verhafteten oder schließlich bei Alten. Alter kann jedenfalls, rein für sich selbst, eine Behinderung sein, auch eine sprachliche. Als ich 1985 für die "Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung" ein Buch zur Kritik am heutigen Deutsch zusammenstellte und auch den berühmten alten Carl Friedrich von Weizsäcker um einen Beitrag bat, schrieb mir dieser nun wirklich Hochgebildete: "Wenn man älter ist, ist man in der veränderten Welt nicht mehr ganz zu Hause, also auch nicht in ihrer Sprache."

Den Versuch, eine vereinfachte Variante einer Sprache zusammenzustellen, könnte man vielleicht doch noch einmal unternehmen. Als Versuch. Aber der Reichtum der allgemeinen Sprache muss gewahrt werden. Die schöne Wendung "in Teufels Küche kommen" mit dem altertümlich vorangestellten Genitiv darf schon einmal durch "Probleme kriegen" ersetzt werden. Verschwinden aber darf sie nicht.

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