03.01.2007 · Das Prinzip der Kommunikation mit teuren Signalen entwickelt sich in der menschlichen Kulturgeschichte zum Prinzip der Angeberei. Frei nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber.
Von Eckart VolandTrotz aller philosophischen, religiösen und politischen Motivation, die eine auf Solidarität angelegte Moral erfährt, und trotz aller erzieherischen Bemühungen um ihre Implementierung sind ihrem Erfolg Grenzen gesetzt. Die evolutionäre Sollbruchstelle heißt „altruistische Vorleistung“, und die Folge ist das so genannte Allmendeproblem: Es hätte zwar jeder etwas davon, wenn alle ehrlich ihre Steuern zahlten (diese könnten dann nämlich theoretisch gesenkt werden), aber der persönliche Lohn einer unehrlichen Steuererklärung ist größer. Allgemein gilt: Wenn öffentliche Interessen mit Eigeninteressen kollidieren, siegt meist das Eigeninteresse.
Die persönliche Investition in das Gemeinwohl ist eine eher unwahrscheinliche Angelegenheit. Aber ausgeschlossen ist sie keineswegs. Schließlich spendet Max Mustermann einen keineswegs unerheblichen Betrag für Katastrophenopfer, krebskranke Kinder, die Nationalstiftung Denkmalschutz oder andere gute Zwecke. Die gängigen soziobiologischen Erklärungen zur Entstehung gesellschaftlichen Zusammenhalts greifen hier offensichtlich nicht, denn weder sind Geber und Nehmer miteinander verwandt, noch ist Wechselseitigkeit zu erwarten. Stattdessen ist es das „Handicap-Prinzip“, das in diesen Fällen Solidarität generiert und soziale Gemeinschaften zusammenhält - und dies trotz und gerade wegen des evolutionären Prinzips Eigennutz.
„Teure Signale“
Das Handicap-Prinzip wurde schon in der letzten Folge dieses Kurses vorgestellt (Siehe: Grundkurs in Soziobiologie (15): Angeberei als Hochkultur). Dahinter verbirgt sich eine biologisch uralte Kommunikationsform, mit der in der Darwinischen Welt persönlicher Nutzenmaximierer Ehrlichkeit und Verlässlichkeit garantiert werden kann. Handicaps, auch „teure Signale“ genannt, sind zum Beispiel das Pfauenrad, der Nachtigallengesang oder die Löwenmähne, alles Merkmale, die zwar auf den ersten Blick keine biologische Nützlichkeit erkennen lassen, aber dennoch in der Evolution Bestand haben. Ihr Geheimnis ist, dass sie ansonsten verborgene Eigenschaften, allen voran die Gesundheit ihres Trägers anzeigen und genau deshalb bei der Partnerwahl eine entscheidende Rolle spielen. Was man nicht sehen kann, nämlich das, was Biologen metaphorisch „gute Gene“ nennen, wird kommuniziert und zwar auf eine fälschungssichere Art und Weise.
Das Prinzip der Kommunikation mit teuren Signalen entwickelt sich in der menschlichen Kulturgeschichte zum Prinzip der Angeberei. Thorsten Veblen, ein amerikanischer Ökonom norwegischer Abstammung, hatte schon im neunzehnten Jahrhundert von „demonstrativen Müßiggang“ und „demonstrativer Verschwendung“ gesprochen, als er seine „Theorie der feinen Leute“ formulierte. Er hat damit gleichsam eine sozialwissenschaftliche Zwillingsschwester zur biologischen Theorie geschaffen. Feine Leute, damit sie als solche erkennt werden können (und damit sie sich selbst als solche erkennen können), investieren in luxuriöse Verschwendung. Hier ist er, der Pfau in uns: Angeberei als Investition in kommunikative Ehrlichkeit über verborgene Eigenschaften. Arme Schlucker am Rande der Existenz, immer zur Produktivität und Sparsamkeit gezwungen, können sich Luxus einfach nicht leisten. Ihr Leben bleibt dem Imperativ der Nützlichkeit verhaftet.
Die Jäger produzieren öffentliche Güter
Im Tierreich sind teure Signale, die man gemäß ihrer Funktionslogik auch durchaus als „ehrliche Signale“ bezeichnen kann, in verschiedenen sozialen Zusammenhängen evolviert, so in der Konkurrenz um Rangpositionen, wo sie helfen, kampflos Hierarchien zu verhandeln, und vor allem in der sexuellen Konkurrenz, wo sie Rückschlüsse auf Partnerqualitäten erlauben. Diese Arenen der Signalevolution haben sich nahtlos in die menschliche Kulturgeschichte verlängert.
Die ostafrikanischen Hadzabe leben heute noch trotz Westkontakt und beginnender Modernisierung in nicht unerheblichem Umfang vom Jagen und Sammeln, also jener Subsistenzform, die bis vor rund 10.000 Jahren die gesamte Menschheitsgeschichte gekennzeichnet hat. Die jagenden Männer sind dabei beispielhaft generös. Wenn sie gemeinschaftlich, sagen wir, eine Giraffe erlegt haben, darf die gesamte Dorfgemeinschaft an der reichen Beute teilhaben. Die Jäger dienen dem Gemeinwohl und produzieren öffentliche Güter. Ein wahrlich schönes Beispiel für Gemeinsinn.
Zehrende und riskante Großwildjagd
Auf den ersten Blick scheint dieses Beispiel allen ökonomischen und soziobiologischen Theorien massiv zu widersprechen, denn wo bitteschön ist hier der Eigennutz versteckt? In der Tat ist dieses Beispiel widerspenstig, denn wenn doch die Kollegen für das nötige Protein sorgen, könnte man sich eigentlich ruhig zurücklehnen, vielleicht bei der Nachbarin vorbeischauen und warten, bis das Giraffensteak serviert wird. Tatsächlich aber tun Hadzabe genau das nicht. Sie konkurrieren mit ihrer Arbeitsleistung als Jäger und verteuern so freiwillig ihren altruistischen Einsatz für das Gemeinwohl.
Des Rätsels Lösung liegt auch hier in der Damenwelt. Die Nachbarin wird den Tunichtgut eben in der Regel nicht zu sich bitten, sondern nur Augen haben für den Tüchtigen. Er maximiert durch seine Beteiligung an der Kraft zehrenden und riskanten Großwildjagd seine Reputation, und die ist auf dem Markt der Partnerwahl stark nachgefragt.
Angeberei produziert Moral
Männer jagen freiwillig, obwohl sie keine unmittelbaren materiellen Vorteile davon tragen, wohl aber der Reputation wegen, und die tauschen sie gegen sexuelle (und gelegentlich politische) Vorteile ein. Reputation erreicht man durch Mut, Ausdauer, Kraft, motorisches Geschick und all jene Eigenschaften, die bei den Hadzabe einen Mann zu einem Mann werden lassen und deshalb auch zu einem begehrenswerten Partner. Untersuchungen der amerikanischen Anthropologin Kristen Hawkes zeigen, dass es sich als Hadzabe-Mann genetisch lohnt, zu arbeiten und in die eigene Reputation zu investieren. Erfolgreiche Jäger zeugen mehr Kinder und ihre Kinder überleben besser.
Generosität haben diejenigen, die es sich leisten können, immer schon strategisch zur Steigerung ihrer sozialen Anerkennung eingesetzt. Was in der Lebensbilanz des Pfaus als Investition in ein teures Signal verbucht wird, taucht nirgendwo anders als Einnahme auf. Bei moralfähigen Lebewesen wie uns Menschen hingegen ist verschwenderische Großzügigkeit sowohl ein Zeichen für die materielle Situation des Spenders als auch von Nutzen für den Empfänger. Angeberei produziert hier Moral, weshalb in der viel gebrauchten Empfehlung „Tue Gutes und rede drüber“ eine gehörige Portion evolutionärer Weisheit steckt, und davon profitiert Max Mustermann ebenso wie der Denkmalschutz.