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Samstag, 11. Februar 2012
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Sie & Er Wo sind bloß seine Spiegelneuronen?

08.06.2010 ·  Alt ist die Frage, warum Frauen und Männer so verschieden sind, und gerade richtig für neurowissenschaftliche Enthüllungen - auch wenn tatsächliche Einsichten der Hirnforschung dafür gar nicht herhalten können. Anmerkungen anlässlich einer einschlägigen Neuerscheinung.

Von Georg Rüschemeier
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Warum schlafen Männer nach dem Sex immer ein, während Frauen doch viel lieber reden würden? Warum können Männer nicht zuzuhören? Dafür aber umso besser einparken?

Die kalifornische Psychiaterin und Bestsellerautorin Louann Brizendine hat die Antwort auf alle einschlägigen Fragen: Es ist das in männlichen Hormonen gebadete Hirn, das ihm keine andere Wahl lässt. Nachdem sich ihr Buch "Das weibliche Gehirn" vor drei Jahren bestens verkaufte, war die soeben auf Deutsch erschienene Fortsetzung ("Das männliche Gehirn - Warum Männer anders sind als Frauen") schon aus verlegerischer Sicht unvermeidlich. Inwieweit das neue Werk der an den Eliteuniversitäten Yale und Harvard ausgebildeten und in San Francisco lehrenden Medizinerin "die gängigen Stereotype über Männer ins Wanken" bringt, wie es ihr Verlag behauptet, ist allerdings kaum nachzuvollziehen. Die Vorstellung von Männern, die unter Einfluss eines "Testosteron-Tsunamis" den Befehlen ihres "Steuerknüppels in der Hose" beinahe willenlos gehorchen, gehört schließlich zu den hartnäckigsten Klischees überhaupt.

Die lange Reihe vergleichbarer Ratgeber begann 1992 mit dem seither über 40 Millionen Mal verkauften Bestseller "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" des amerikanischen Therapeuten John Gray. Nachdem die sechziger und siebziger Jahre vom Behaviorismus und dem feministischen Glauben geprägt gewesen waren, alle Unterschiede in den Köpfen von Mann und Frau seien Folge von Erziehung und Kultur, schwang die populäre Debatte über "Nature and Nurture" wieder in Richtung eines Biologismus, dem zufolge die Geschlechter bereits von Natur aus auf zwei verschiedenen Planeten geboren würden.

Wissenschaftlich der Anstrich

So weit, so wenig überraschend. Neu ist Brizendines konsequenter Neuro-Ansatz, der sich mit Hunderten von Fußnoten und Literaturverweisen, die zusammen rund die Hälfte des Buches ausmachen, einen hochwissenschaftlichen Anstrich gibt. Brizendine kokettiert damit, dass es ihren Thesen wohl an "political correctness" mangele, sie angesichts der wissenschaftlichen Beweislast aber schlicht nicht anders könne.

"Leider sind Brizendines Bücher vor allem wissenschaftlich unkorrekt", schimpft Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Das beginne mit schlichten Falschaussagen wie jener aus Brizendines erstem Buch, in dem sie behauptet hatte, Frauen würden pro Tag rund 20 000 Wörter schnattern, während die wortkargen Männer nur 7000 von sich gäben. Nachdem der bloggende Linguistikprofessor Mark Liberman von der University of Pennsylvania diese Behauptung als urbanen Mythos entlarvt hatte, publizierte Science schließlich die entsprechenden Ergebnisse einer Studie, in der 400 Teilnehmer mit tragbaren Aufnahmegeräten ausgestattet worden waren. Das Endergebnis lautete: 16 215 (Frauen) gegenüber 15 669 Worten (Männer) pro Tag, eine angesichts der hohen individuellen Unterschiede statistisch nicht signifikante Differenz.

Nicht ganz so leicht zu widerlegen ist Brizendine, wenn sie Forschungsergebnisse einfach nur haltlos überinterpretiert. Dass Testosteron als "Männermacher" schon beim Ungeborenen das Wachstum von "Aggressions- und Sex-Zentren" und den Tod von "Schaltkreisen für Empathie und Kommunikation" im männlichen Gehirn verursache, gehört zu jenen Behauptungen, die sich aus der zitierten Literatur kaum ablesen lassen.

Vom Corpus callosum zur Ganzheitlichkeit

Was lässt sich überhaupt real über den Unterschied in den Köpfen von Mann und Frau sagen? Tatsächlich ist das durchschnittliche Männergehirn rund zehn Prozent schwerer und besitzt auch entsprechend mehr Nervenzellen. Ob dies aber zu einer wie auch immer gearteten unterschiedlichen mentalen Leistungsfähigkeit führt, ist höchst umstritten. "Wir wissen heute einerseits sehr viel über die kognitive Psychologie des Menschen und gleichzeitig auch über die Neurobiologie und Struktur des Gehirns. Wie sich das eine jedoch aus dem anderen ergibt, ist noch weitgehend ungeklärt", sagt Onur Güntürkün, Biopsychologe von der Universität Bochum und Mitherausgeber eines Fachbuchs über die Neurowissenschaft des kleinen Unterschieds.

Dieser zeigt sich auch in einigen speziellen Hirnregionen wie der Amygdala, dem Hippocampus oder der präoptischen Region, die bei Mann und Frau in Größe oder Aufbau abweichen. Doch über die funktionelle Bedeutung der meisten dieser Unterschiede lässt sich ebenfalls nur spekulieren. So beweist der bei Frauen etwas stärker ausgebildeter Corpus callosum, die Verbindung zwischen den Gehirnhälften, keineswegs, dass Frauen besser ganzheitlich denken könnten, wie Brizendine schreibt. Das Mehr an Nervengewebe könnte auch eine kontrollierende Funktion besitzen und den Datenverkehr zwischen den Hemisphären sogar hemmen, warnt Güntürkün.

Doch selbst wenn man kognitiv relevante Unterschiede in der Hirnanatomie von Mann und Frau als gegeben nimmt, müssen ihnen diese nicht automatisch in die Wiege gelegt sein. Denn das Gehirn von Mann und Frau ist, wie selbst Brizendine zugibt, alles andere als ein fest verdrahteter Rechner, sondern wächst mit seinen Aufgaben. Zahlreiche Studien zeigen, wie sich beispielsweise die antrainierten Orientierungsfähigkeiten von Taxifahrern in der Anatomie des am Langzeitgedächtnis beteiligten Hippocampus niederschlagen. Oder wie die motorischen Areale zur Kontrolle der Finger bei Konzertpianisten an Größe zunehmen. "Die Evolution hat unserem Gehirn die Möglichkeit zum Lernen und zum Entwickeln von Kulturtechniken geschenkt", meint Lutz Jäncke. Und das könne unser Denkorgan im Wortsinn formen.

Ein kleiner Unterschied

Wesentlich deutlicher wird das kaum entwirrbare Wechselspiel von Anlage und Erziehung in der Diskussion über die kognitiven und charakterlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. An Stereotypen mangelt es da nicht: Männer denken angeblich analytischer, dafür alle 52 Sekunden an Sex; Frauen sind emotionaler und fürsorglicher. Für fast jede Aussage lässt sich auch eine entsprechende Studie finden.

Vor fünf Jahren machte sich die Psychologin Janet Hyde von der University of Wisconsin mal die Mühe, sämtliche in der Literatur verfügbaren Daten in einer großen Metaanalyse zusammenzufassen. Heraus kam eine Liste von 124 untersuchten Eigenschaften. Angefangen beim Ins-Wort-Fallen über die sexuelle Erregbarkeit bis hin zum abstrakten Denken schienen sich Mann und Frau tatsächlich signifikant zu unterscheiden. Doch Signifikanz ist in der Statistik nur die halbe Miete - sie sagt nur etwas darüber aus, mit welchem Grad an Sicherheit ein Unterschied zwischen zwei Mittelwerten nicht einfach nur per Zufall aus den stets streuenden Messwerten entstanden ist. Für die praktische Bewertung mindestens ebenso wichtig ist die sogenannte Effektstärke. Das ist jenes statistische Maß, das die Differenz zwischen zwei Mittelwerten mit der Variabilität innerhalb der beiden verglichenen Datensätze verrechnet. Bezogen auf die Effektstärke erwiesen sich knapp 80 Prozent der gemessenen Geschlechtsunterschiede als so klein, dass ihnen in den meisten Wissenschaften außerhalb der Psychologie kaum praktische Bedeutung beigemessen würde.

"Die Ähnlichkeiten zwischen den Geschlechtern sind in fast allen Bereichen sehr viel größer als die Unterschiede", fasst Janet Hyde zusammen. Doch in all dem Datenwust finden sich auch einige deutliche Divergenzen. Männer können beispielsweise nicht nur weiter werfen, was angesichts der größeren Muskelmasse wenig erstaunt. Sie treffen auch wesentlich besser. Sie haben durchaus lockerere Vorstellungen über One-Night-Stands. Selbst das Stereotyp vom physisch aggressiveren Mann erwies sich als recht zutreffend.

Beeinflussbarkeiten vieler Art

Ähnliches gilt für den vielzitierten Unterschied im räumlichen Vorstellungsvermögen, wenn es beispielsweise darum geht, dreidimensionale Figuren in Gedanken zu drehen - eine Fähigkeit, die gern mit der Geschicklichkeit beim Einparken von Autos in Verbindung gesetzt wird. Doch selbst bei deutlichen Abweichungen der Mittelwerte voneinander überschneiden sich die Messergebnisse von Männern und Frauen in erheblichem Umfang. Sehr viele Frauen sind demnach aggressiver als sehr viele Männer.

Von Mars und Venus kann also kaum die Rede sein, bestenfalls sind Männer aus Hamburg und Frauen aus Kiel. Doch sind sie dort bereits auf die Welt kommen? Der lange als naturgegeben akzeptierte Fakt einer mathematischen Minderbegabung von Mädchen zeigt in Wahrheit den großen Einfluss des gesellschaftlichen Umfelds: In den Vereinigten Staaten belegen dank spezieller Förderprogramme heute ähnlich viele Mädchen wie Jungen Mathematikkurse. Dadurch hat sich die Schere zwischen den Geschlechtern weitgehend geschlossen. Wohl scheinen Jungs in Geometrie immer noch ein wenig besser abzuschneiden als Mädchen. Doch ihre bessere Raumwahrnehmung könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass sie von ihren Eltern eher ermuntert werden, draußen auf Erkundungstour zu gehen.

Manchmal führen Geschlechtervorurteile auch nur zur "selfullfilling prophecy". 1994 ließen Psychologen der Universität Princeton Männer und Frauen in einem Videospiel antreten, in dem sie sich gegenseitig bombardieren sollten. Konnten sich die Spieler dabei sehen, verhielten sie sich den Erwartungen entsprechend: Die Männer warfen deutlich mehr Bomben als die Frauen. Das änderte sich jedoch sofort, wenn die Spieler anonym blieben. Frauen wurden dann zu den aktiveren Bombern. Ein ähnlicher Effekt zeigte sich, wenn man Frauen vor einem Mathematiktest sagte, Männer hätten sich dabei bereits als besser erwiesen - allein der Hinweis ließ die sonst geschlechtsunabhängige Leistung bei den Probandinnen absacken.

Im Neurotalk

Wie sehr und warum sich Gehirn und Geist von Mann und Frau unterscheiden, welche Rolle dabei Natur und Kultur spielen - das wird sich wohl nie ganz auseinanderklamüsern lassen. Louann Brizendines konnte einer Klientin allein schon dadurch aus einer Beziehungskrise helfen, dass sie ihr erklärte, ihr Mann benutze eben "seine temporal-parietalen Verknüpfungen häufiger als seine Spiegelneuronen, weil das männliche Gehirn aufgrund seiner Struktur schneller nach Lösungen sucht, als Mitgefühl zu zeigen".

Das klingt natürlich besser als: "Er meint es doch nur gut." Zur Wissenschaft wird die Sache dadurch allerdings nicht.

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