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Seattle Der Kongreß tanzt um den Klon

17.02.2004 ·  Wie in Seattle zwei koreanische Biowissenschaftler zu Botschaftern für die Forschung an embryonalen Stammzellen und für das therapeutische Klonen gemacht wurden.

Von Joachim Müller-Jung
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Am zweiten Tag nach ihrem großen Auftritt in Seattle waren sie immer noch nicht mit den Füßen auf den Boden gefallen. Zwei Forscher im Schwebezustand. Und mit den beiden neuen südkoreanischen Berühmtheiten, Hwang Woo-suk und Moon Shin-yong, tanzte der ganze schöne Wissenschaftskongreß. Von ein paar Ausnahmen abgesehen.

Hans Schöler zum Beispiel, der Stammzellforscher der University of Pennsylvania, der in wenigen Wochen als Institutsdirektor zur Max-Planck-Gesellschaft nach Deutschland zurückkehrt, wurde in den Gesprächen nicht müde, vor der Überschätzung der soeben publizierten Klonexperimente mit menschlichen Zellen zu warnen. Aus 176 entkernten Eizellen haben die beiden Koreaner durch Kerntransfer von Cumuluszellen 30 Blastocysten hergestellt und daraus immerhin eine Linie embryonaler Stammzellen gewonnen. Keine Frage: An der Universität von Seoul wurde mit ein paar technischen Kniffen ein Experiment auf den Weg gebracht, das die einen begeistert als den Beginn einer neuen medizinischen Ära bejubeln und mit dem Begriff "therapeutisches Klonen" schmücken, das andere hingegen als Irrweg betrachten oder gar als den Irrsinn der Wissenschaft schlechthin. Nie zuvor jedenfalls war das Klonen durch Kerntransplantation und die Kultivierung derart manipulierter menschlicher Zellen über das Achtzellstadium der Embryonen hinaus nachgewiesen worden. Ein Durchbruch also, der in dem in Seattle versammelten Kreis gefeiert werden durfte, auch wenn es für den einen oder anderen töricht erschien, wie Hwang und Moon ihren biotechnischen Coup immer wieder geschickt wie einen Durchbruch hin zu einer Therapie insinuierten. Die medizinische Tauglichkeit der klonierten Stammzellen wurde in dem Experiment weder angepeilt noch geprüft.

Der ideale Auftakt

Denkwürdig freilich war die Bekanntmachung allemal, nicht zuletzt, weil sie vor allem als Inszenierung für die Wissenschaftskommunikation Maßstäbe setzt. Die Pressekonferenz mit Hwang und Moon bildete den idealen Auftakt für das weltweit größte Wissenschaftlertreffen in Seattle. Die "American Association for the Advancement of Science", kurz AAAS, in deren Publikationsorgan "Science" die Arbeit der südkoreanischen Forscher am Tag nach der Pressekonferenz abgedruckt wurde, hatte sich effektvoll in Szene gesetzt. Und genau wie es angefangen hatte, sollte es vier Tage später enden: mit zwei visionären Symposien zur Klon- und zur Stammzellforschung, in deren Mitte - "kurzfristig", wie man mitteilte -- Moon und Hwang ihren Platz finden sollten. Sie wurden aufgenommen im Kreis einiger der renommiertesten westlichen Forscher auf diesem Gebiet. Dazwischen, auch das war offenkundig Teil der professionellen PR-Dramaturgie, sollte der südkoreanische Forschungsminister Young-il Park einen Hauptvortrag in einem der prächtigen Ballsäle des Konferenzzentrums halten. Park sagte zwar unplanmäßig - und vermeintlich auch "kurzfristig" - ab.

Aber den Plänen der Organisatoren sollte dies keinen Abbruch tun. Denn sie hatten da noch die beiden Protagonisten dieses Schauspiels an der Hand, die ihre Sache wie ihre wissenschaftliche Arbeit verläßlich, ja geradezu enthusiastisch erledigten. Von einem Interviewtermin zum nächsten hasteten sie. Entlastung sollten zwei ihrer wissenschaftlichen Adjutanten bringen, die man ebenfalls mitsamt Anhang aus dem fernen Asien hat anreisen lassen - alles selbstverständlich ungeplant und kurzfristig. Eines der hartnäckigsten Gerüchte, das vom ersten Tag an durch die Hallen der Veranstaltung in Seattle ging, lautete etwa so: In aller Eile habe man bei "Science" die Fachwelt in Bewegung gesetzt und das Paper der südkoreanischen Klonforscher begutachten und druckreif von der Redaktion editieren lassen.

Idee vor eineinhalb Jahren geboren

Im Gespräch mit Moon, Hwang und ihren Mitarbeitern klingt das anders: Vor anderthalb Jahren hatten sie demnach zum erstenmal den Gedanken gefaßt, das an Mäusen schon recht weit gediehene "therapeutische Klonen" mit menschlichen Zellen zu versuchen. "Im Februar 2003 haben wir mit den ersten Experimenten begonnen, und im Juni das Paper eingereicht", sagt Moon (56), der als der ältere der beiden und Klinikchef so etwas wie die Vaterfigur des Unternehmens ist. Wenn sie nebeneinandersitzen, wie stets auf der Konferenz, sprechen sie allerdings von "Brüdern" und "Freunden".

Unweigerlich wird dabei, wer dies erlebt hat, an jene unvergeßliche Darbietung im römischen Universitätsspital La Sapienza vor drei Jahren erinnert, als der berüchtigte römische Gynäkologe Severino Antinori und der amerikanische Veterinär und Agrarbiotechniker Panayiotis Zavos zusammen am Tisch saßen und ihren Plan präsentierten, mit dem ersten Klonen von Menschen einen neuen Meilenstein der Reproduktionsmedizin zu setzen. Ein kongeniales Duo: Hwang (51) ist wie Zavos Agrarbiotechniker und Nutztierexperte, Moon gilt wie Antinori als IVF-Pionier, er wurde als Schöpfer des ersten Retortenbabys in Südkorea im Jahre 1985 bekannt. Damit enden allerdings die Parallelen. Denn anders als die halbseidenen Prahlhanse Zavos und Antinori, deren krankhafter Ehrgeiz und Ego längst einen Keil in die fragwürdige Partnerschaft getrieben hat, haben Hwang und Moon ihre Ziele bisher sämtlich erreicht. Vorbildliche Forscher, genauso wie es sich die größte Wissenschaftsvereinigung der Welt für zwei Werbeträger wünscht. Das von Antinori und Zavos ausgelöste Fiasko hingegen hat das gesamte Gewerbe in Mißkredit gebracht.

Helden der AAAS

Nun also konnte die AAAS, die sich stets für die Forschung an embryonalen Stammzellen und für das therapeutische Klonen verwendet hat, in Seattle ihre Helden präsentieren. Daß ausgerechnet zwei Südkoreaner und nicht Amerikaner dabei die Hauptrolle spielten, wird die Organisatoren in ihren eingeübten Warnungen vor der Abwanderung talentierter Forscher wegen der allzu restriktiven Stammzellregulierung noch bestärkt haben. Hwang ist dabei so etwas wie der Prototyp des positiven Weltveränderers, ein Musterknabe - auch, oder vielleicht gerade, weil er aus ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen in einer Hundert-Seelen-Gemeinde stammt und damit ein amerikanisches Ideal spiegelt. Vier Stunden Schlaf genügen ihm, sagt er. Morgens um sechs besucht er den öffentlichen Baderaum im Viertel, danach koreanisches Yoga, den Rest bis Mitternacht verbringt er im Labor und auf der Farm bei den Tieren - sieben Tage die Woche. Seine größten Meriten hatte er sich bisher im Tierstall verdient. Nicht weniger als vierzig Klontiere, hauptsächlich Kühe und Schweine, hat er schon hergestellt, und das mit einer Effizienz, für die er von vielen anderen Klonforschern beneidet wird. Wenn sich ein solcher Meister und Innovator, wie Hwang in Seattle ungezählte Male, mit den Worten "verbieten ist keine Lösung" an die Lenker und Denker dieser Welt wendet, dann haben auch die Organisatoren dieses Wissenschaftsspektakels ihre Ziele erreicht.

Am zweiten Tag nach ihrem großen Auftritt in Seattle waren sie immer noch nicht mit den Füßen auf den Boden gefallen. Zwei Forscher im Schwebezustand. Und mit den beiden neuen südkoreanischen Berühmtheiten, Hwang Woo-suk und Moon Shin-yong, tanzte der ganze schöne Wissenschaftskongreß. Von ein paar Ausnahmen abgesehen. Hans Schöler zum Beispiel, der Stammzellforscher der University of Pennsylvania, der in wenigen Wochen als Institutsdirektor zur Max-Planck-Gesellschaft nach Deutschland zurückkehrt, wurde in den Gesprächen nicht müde, vor der Überschätzung der soeben publizierten Klonexperimente mit menschlichen Zellen zu warnen. Aus 176 entkernten Eizellen haben die beiden Koreaner durch Kerntransfer von Cumuluszellen 30 Blastocysten hergestellt und daraus immerhin eine Linie embryonaler Stammzellen gewonnen (F.A.Z. vom 13. Februar). Keine Frage: An der Universität von Seoul wurde mit ein paar technischen Kniffen ein Experiment auf den Weg gebracht, das die einen begeistert als den Beginn einer neuen medizinischen Ära bejubeln und mit dem Begriff "therapeutisches Klonen" schmücken, das andere hingegen als Irrweg betrachten oder gar als den Irrsinn der Wissenschaft schlechthin. Nie zuvor jedenfalls war das Klonen durch Kerntransplantation und die Kultivierung derart manipulierter menschlicher Zellen über das Achtzellstadium der Embryonen hinaus nachgewiesen worden. Ein Durchbruch also, der in dem in Seattle versammelten Kreis gefeiert werden durfte, auch wenn es für den einen oder anderen töricht erschien, wie Hwang und Moon ihren biotechnischen Coup immer wieder geschickt wie einen Durchbruch hin zu einer Therapie insinuierten. Die medizinische Tauglichkeit der klonierten Stammzellen wurde in dem Experiment weder angepeilt noch geprüft.

Denkwürdig freilich war die Bekanntmachung allemal, nicht zuletzt, weil sie vor allem als Inszenierung für die Wissenschaftskommunikation Maßstäbe setzt. Die Pressekonferenz mit Hwang und Moon bildete den idealen Auftakt für das weltweit größte Wissenschaftlertreffen in Seattle. Die "American Association for the Advancement of Science", kurz AAAS, in deren Publikationsorgan "Science" die Arbeit der südkoreanischen Forscher am Tag nach der Pressekonferenz abgedruckt wurde, hatte sich effektvoll in Szene gesetzt. Und genau wie es angefangen hatte, sollte es vier Tage später enden: mit zwei visionären Symposien zur Klon- und zur Stammzellforschung, in deren Mitte - "kurzfristig", wie man mitteilte -- Moon und Hwang ihren Platz finden sollten. Sie wurden aufgenommen im Kreis einiger der renommiertesten westlichen Forscher auf diesem Gebiet. Dazwischen, auch das war offenkundig Teil der professionellen PR-Dramaturgie, sollte der südkoreanische Forschungsminister Young-il Park einen Hauptvortrag in einem der prächtigen Ballsäle des Konferenzzentrums halten. Park sagte zwar unplanmäßig - und vermeintlich auch "kurzfristig" - ab. Aber den Plänen der Organisatoren sollte dies keinen Abbruch tun. Denn sie hatten da noch die beiden Protagonisten dieses Schauspiels an der Hand, die ihre Sache wie ihre wissenschaftliche Arbeit verläßlich, ja geradezu enthusiastisch erledigten. Von einem Interviewtermin zum nächsten hasteten sie. Entlastung sollten zwei ihrer wissenschaftlichen Adjutanten bringen, die man ebenfalls mitsamt Anhang aus dem fernen Asien hat anreisen lassen - alles selbstverständlich ungeplant und kurzfristig. Eines der hartnäckigsten Gerüchte, das vom ersten Tag an durch die Hallen der Veranstaltung in Seattle ging, lautete etwa so: In aller Eile habe man bei "Science" die Fachwelt in Bewegung gesetzt und das Paper der südkoreanischen Klonforscher begutachten und druckreif von der Redaktion editieren lassen.

Im Gespräch mit Moon, Hwang und ihren Mitarbeitern klingt das anders: Vor anderthalb Jahren hatten sie demnach zum erstenmal den Gedanken gefaßt, das an Mäusen schon recht weit gediehene "therapeutische Klonen" mit menschlichen Zellen zu versuchen. "Im Februar 2003 haben wir mit den ersten Experimenten begonnen, und im Juni das Paper eingereicht", sagt Moon (56), der als der ältere der beiden und Klinikchef so etwas wie die Vaterfigur des Unternehmens ist. Wenn sie nebeneinandersitzen, wie stets auf der Konferenz, sprechen sie allerdings von "Brüdern" und "Freunden". Unweigerlich wird dabei, wer dies erlebt hat, an jene unvergeßliche Darbietung im römischen Universitätsspital La Sapienza vor drei Jahren erinnert, als der berüchtigte römische Gynäkologe Severino Antinori und der amerikanische Veterinär und Agrarbiotechniker Panayiotis Zavos zusammen am Tisch saßen und ihren Plan präsentierten, mit dem ersten Klonen von Menschen einen neuen Meilenstein der Reproduktionsmedizin zu setzen. Ein kongeniales Duo: Hwang (51) ist wie Zavos Agrarbiotechniker und Nutztierexperte, Moon gilt wie Antinori als IVF-Pionier, er wurde als Schöpfer des ersten Retortenbabys in Südkorea im Jahre 1985 bekannt. Damit enden allerdings die Parallelen. Denn anders als die halbseidenen Prahlhanse Zavos und Antinori, deren krankhafter Ehrgeiz und Ego längst einen Keil in die fragwürdige Partnerschaft getrieben hat, haben Hwang und Moon ihre Ziele bisher sämtlich erreicht. Vorbildliche Forscher, genauso wie es sich die größte Wissenschaftsvereinigung der Welt für zwei Werbeträger wünscht. Das von Antinori und Zavos ausgelöste Fiasko hingegen hat das gesamte Gewerbe in Mißkredit gebracht.

Nun also konnte die AAAS, die sich stets für die Forschung an embryonalen Stammzellen und für das therapeutische Klonen verwendet hat, in Seattle ihre Helden präsentieren. Daß ausgerechnet zwei Südkoreaner und nicht Amerikaner dabei die Hauptrolle spielten, wird die Organisatoren in ihren eingeübten Warnungen vor der Abwanderung talentierter Forscher wegen der allzu restriktiven Stammzellregulierung noch bestärkt haben. Hwang ist dabei so etwas wie der Prototyp des positiven Weltveränderers, ein Musterknabe - auch, oder vielleicht gerade, weil er aus ärmlichen bäuerlichen Verhältnissen in einer Hundert-Seelen-Gemeinde stammt und damit ein amerikanisches Ideal spiegelt. Vier Stunden Schlaf genügen ihm, sagt er. Morgens um sechs besucht er den öffentlichen Baderaum im Viertel, danach koreanisches Yoga, den Rest bis Mitternacht verbringt er im Labor und auf der Farm bei den Tieren - sieben Tage die Woche. Seine größten Meriten hatte er sich bisher im Tierstall verdient. Nicht weniger als vierzig Klontiere, hauptsächlich Kühe und Schweine, hat er schon hergestellt, und das mit einer Effizienz, für die er von vielen anderen Klonforschern beneidet wird. Wenn sich ein solcher Meister und Innovator, wie Hwang in Seattle ungezählte Male, mit den Worten "verbieten ist keine Lösung" an die Lenker und Denker dieser Welt wendet, dann haben auch die Organisatoren dieses Wissenschaftsspektakels ihre Ziele erreicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2004, Nr. 41 / Seite N1
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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