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Sonntag, 12. Februar 2012
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Schönheitschirurgie Riskante Manipulationen

05.06.2009 ·  Avantgarde einer vermeintlichen sexuellen Körperoptimierung oder gefährlicher Atavismus? Immer mehr Frauen lassen sich von schlecht ausgebildeten Ärzten ihre Genitalien operieren.

Von Martina Lenzen-Schulte
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Als hätten sie sich abgesprochen, veröffentlichten vor kurzem amerikanische, britische und deutsche Fachjournale Warnungen vor der Zunahme kosmetischer Operationen an den Genitalien der Frau. In der Zeitschrift "Geburtshilfe und Frauenheilkunde" (Bd. 69, S. 19) und im "Deutschen Ärzteblatt" (Bd. 106, S. A500) weist die Psychotherapeutin Ada Borkenhagen von den DRK-Kliniken in Berlin mit Kollegen gleich zweifach auf diesen "gefährlichen Trend" hin. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Propagierung eines genormten Schönheitsideals, was Form und Aussehen der weiblichen Genitalien angeht, und verweist auf die derzeit noch viel zu wenig bekannten Risiken solcher Eingriffe.

Unter den schönheitschirurgischen Eingriffen weisen Genitalkorrekturen eine der höchsten Wachstumstendenzen auf. Die Korrekturen der Schamlippen wurden im Jahr 2005 in Deutschland auf tausend Fälle beziffert, mit einer derzeit nicht zu schätzenden Dunkelziffer. "Wenn wir auch keine exakten Erhebungen vorweisen können, so zeichnet sich den Berichten der Kollegen zufolge dennoch klar ab, dass sich die Anfragen von Frauen nach kosmetischen Genitaloperationen in jüngster Zeit häufen", bestätigt Günter Germann, Chefarzt der Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der BG Unfallklinik in Ludwigshafen, und Präsident der Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen in Deutschland.

Verschiedene Ziele

Die Operationen, von denen die Rede ist, verfolgen unterschiedliche Ziele. Zum einen geht es darum, etwa über eine Verkleinerung der Schamlippen rein äußerlich den Schamhügel so zu verändern, dass er dem von einschlägigen pornographischen Zeitschriften und Filmen entworfenen Wunschbild entspricht. Zum zweiten werden unter dem Begriff "Designer-Vagina" oder "Scheidenverjüngung" Eingriffe zusammengefasst, die eine Verengung der Scheide anstreben. Das soll dem Zweck dienen, eine von Frauen - mitunter bedingt durch viele Geburten - als zu weit empfundene Vagina zu straffen.

Drittens wird angeboten, mit unterschiedlichsten Verfahren und Operationen erogene Zonen oder die Klitoris der Frau zu manipulieren, um das sexuelle Lustempfinden zu steigern. Nicht ästhetisch funktionelle, sondern kulturell-soziale Gründe sind es viertens, die junge, in erster Linie muslimische Frauen dazu bewegen, eine "Revirgination" oder "Hymenoplastik" anzustreben, bei denen das sogenannte Jungfernhäutchen wiederhergestellt werden soll.

Standards fehlen

Auch wenn die Operationen durch Fachbegriffe wie "Vaginoplastie" begrifflich aufgewertet werden sollen, fehlen gleichwohl wissenschaftliche Standards. Die Eingriffe sind weder was das operative Vorgehen noch was einen nachvollziehbaren Erfolg betrifft exakt definiert. Weder Ärzte noch Patientinnen hätten eine klare Vorstellung davon, was sich tatsächlich hinter einer "Straffung" oder Vaginoplastie der Scheide verberge, rügt Michael Goodman, der als plastischer Chirurg in Davis in Kalifornien praktiziert, in der Zeitschrift "Obstetrics & Gynecology" (Bd. 113, S. 154).

Auch die populär gewordene Unterspritzung des als G-Punkt bezeichneten Areals zwischen Scheide und Harnröhre mit Kollagen bewegt sich im Ungefähren. So ist wissenschaftlich umstritten, ob eine solche erogene Struktur anatomisch überhaupt sicher abzugrenzen ist.

Paradoxe Umkehrung

Verwundert nimmt man auch den paradoxen Bedeutungswandel zur Kenntnis, den operative Eingriffe an und um die weibliche Klitoris erfahren haben ("Journal of the History of Medicine and Allied Sciences", Bd. 63, S. 323). Bereits vor gut hundert Jahren wurden Operationen im Bereich der Klitoris praktizier. Es handelt sich dabei um die Entfernung einer kapuzenartigen Hautfalte, die heutzutage als "clitoral unhooding" bezeichnet wird.

Wird dieser Eingriff heute zur Steigerung des Lustempfindens den Frauen angepriesen, diente er seinerzeit einem ganz anderen Zweck. Man wollte damit die Neigung der Frauen zur Masturbation eindämmen und ihr Sexualempfinden "normalisieren": Die Frau sollte sich einzig durch den Geschlechtsverkehr mit einem Ehemann stimuliert fühlen. Unversehens entpuppen sich genital-kosmetische Avantgarde-Operationen so im Licht der Medizinhistorie als Unterwerfung unter patriarchalisch-atavistische Normvorstellungen.

Schwer einschätzbare Risiken

Ob die inzwischen bereits in einschlägigen Frauenzeitschriften gleichsam als neue Stufe der sexuellen Befreiung gehandelten Verfahren tatsächlich dieser Etikettierung standhalten, ist nicht nur solcher Widersprüche wegen zweifelhaft. Auch die Risiken der Eingriffe sind derzeit kaum abzuschätzen. In den Schleimhäuten im Genitalbereich enden so viele sensible Nerven wie in kaum einer anderen Körperzone.

Ob und in welchem Ausmaß hier durch Schnitte oder Narben die Empfindungsfähigkeit beeinträchtigt wird, ist so gut wie nicht untersucht. "In welchem Ausmaß das wiederholte Spritzen von Kollagen oder ähnlichen Substanzen zu entzündlichen Knoten oder zu einer Zystenbildung führt, ist ebenfalls unbekannt", nennt Günter Germann weitere, denkbare Komplikation, die man auch von anderen Körperregionen kennt.

Restaurierte Jungfräulichkeit

Aus ganz anderen Gründen umstritten sind schließlich Operationen, die der Wiederherstellung der Jungfräulichkeit dienen. Anatomisches Substrat der Debatte ist das Hymen, eine Art Schleimhautfalte am Ausgang der Scheide, sein Einreißen wird mit der Entjungferung gleichgesetzt. Allerdings kommt es nicht immer, sondern entgegen dieser weitverbreiteten Fehlannahme nur in der Hälfte der Fälle zu einer Blutung.

Dessen ungeachtet boomt in vielen Ländern das Geschäft mit der plastisch-chirurgischen Rekonstruktion des Jungfernhäutchens. Einziger Zweck des Eingriffs ist die Blutung in der Hochzeitsnacht. In europäischen Ländern mit hohem Anteil an muslimischer Bevölkerung, zum Beispiel in Frankreich, nehmen einschlägig spezialisierte Ärzte den Eingriff mehrmals im Monat vor und stellen den jungen Frauen Jungfräulichkeitszertifikate für den prospektiven Ehemann und dessen Familie aus.

Zu neunzig Prozent türkische Frauen

In den Niederlanden gibt es bereits eine eigene Aufklärungsbroschüre "Hymen" zu dieser Thematik. Auf eine steigende Nachfrage in Deutschland und der Schweiz wies Verina Wild vom Ethik-Zentrum der Universität Zürich unlängst im "Deutschen Ärzteblatt" (Bd. 106, S. C284) hin. Diejenigen, die die Operation wünschten, sind zu 90 Prozent junge türkische Frauen. Wild plädiert in diesem Artikel für eine Abwägung sowohl der individuellen Bedürfnisse der Frauen als auch der gesellschaftlich-kulturellen Problematik.

Das Verständnis für die Not der Frauen sollte nach Auffassung verantwortungsbewusster Ärzte nicht dazu führen, dass die Risiken in der Betrachtung hinangestellt werden. Es gibt kein verbindliches Operationsverfahren, und die Tatsache, dass sich Ärzte untereinander anlernen, belässt den Eingriff in einer bedenklichen Grauzone, außerhalb der sonst geforderten Ausbildungsstandards. Auch hier gilt, dass Narben, Entzündungen und Verklebungen das spätere Sexualleben langwierig beeinträchtigen können. Die Revirgination ist deshalb nicht allein eine Frage der politisch korrekten Bewertung.

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