Home
http://www.faz.net/-gwz-73ae5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Risiko Genmais? Den Doppelbeleg, bitte! Windelweiches Wissen

Katerstimmung in der Forschung: Immer öfter sorgen spektakuläre Einzelergebnisse für Aufruhr, bevor sie reproduziert sind. Dagegen muss man was tun. Ein Vorschlag.

© ZB Vergrößern Gentechnisch veränderter Mais darf in Deutschland nicht angebaut werden

Die Symptome sind klar und die Prognose schlecht: Die harten Wissenschaften - „hard sciences“ -, wie man im Musterland der Naturwissenschaften sagt, sind schwer angegriffen. Erhöhte Temperatur. In der „New York Times“, diagnostizierte Andrew Revkin: „Single-Study Syndrome“. In dem von ihm behandelten Fall handelte es sich sogar um eine besonders perfide Form von „Einzelstudiensydrom“. Ein französischer Forscher, der seit sieben Jahren zu beweisen versucht, dass gentechnisch veränderte Nahrungs- und Futtermittel schwer krank machen, hat mit einem Aufsatz in der Fachzeitschrift „Food and Chemical Toxicology“ die Welt in Aufruhr versetzt: Transgener Mais, so Gilles-Eric Seralini, sollen in zweijährigen kontrollierten Fütterungsversuchen vermehrt Krebs bei Ratten erzeugt haben. Drei französische Minister und ein Großteil der Medien reagierten hysterisch, zehn Jahre Forschung, inklusive Zulassungsverfahren, wurden mit einem einzigen Aufsatz infrage gestellt. Auf der anderen Seite wütete die Fachwelt: „Beliebig“, „betrügerisch“, „bestellt“, „unsauber“, „verfälscht“ - kein abschätziger Kommentar fehlt bisher, und am Ende wurde die halbseidene Arbeit auch noch als „Unstatistik des Monats“ der Lächerlichkeit preisgegeben. Das Gutachtersystem hatte versagt, offenkundig. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat das der Agentur AFP gegenüber jetzt bestätigt: Die Schlußfolgerung sei nicht ausreichend belegt,  die verwendeten Tiere ungeeignet und in der Menge zu klein für die Fragestellung, die statistische Auswertung mangelhaft 

Joachim  Müller-Jung Folgen:

Und trotzdem gilt: Seralinis Arbeit wird die Behörden, auch die für die Zulassung verantwortliche Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), noch länger beschäftigen. Wie lange sie als Hauptbelastungsmaterial gegen die grüne Gentechnik verwendet wird, ist unabsehbar.

Arsenbakterien: Natur und Wissenschaft, Gloss © Science, AAAS Vergrößern Foto der Zeitschrift „Science“ vom 02.12.2010: Die vermeintlichen Arsen-Bakterien unter dem Elektronenmikroskop.

Damit wird auch einer der größten Schwachpunkte der Studie zum wichtigsten Faktor ihrer Virulenz: Sie steht wissenschaftlich da wie ein einsamer Monolith. Es ist die einzige Langzeitstudie mit den Fremdgenen, die in der Round-up-toleranten Maissorte NK603 verwendet werden. Weder hat jemand die Experimente reproduziert, noch mit dem gleichen oder mit einem statistisch geeigneteren Verfahren ausgewertet.

Ähnliches ist von einer Studie zu sagen, die jetzt in der Zeitschrift „Science“ (Bd. 337, S. 1453) von Forschern der University of Exeter angeprangert wird. Bei der kritisierten Untersuchung geht es um die Wirkung von „Neonicotioid“-Pestizide auf Honigbienen. Französische Forscher des Agrarforschungsinstituts INRA hatten nach der Modellierung der Pestizidwirkung auf Bienenvölker in „Science“ (Bd. 336, S. 348) berichtet, dass die verwendeten Nicotinoide imstande seien, ganze Bienenvölker auszulöschen. Die britischen Kollegen kontern, nachdem sie das Modell überprüft haben: Unmöglich. Kein experimenteller Beleg und keine Beobachtung lege den radikalen Schluss nahe, vielmehr sei man in dem Computermodell von völlig unrealistischen Fortpflanzungsraten der Bienen ausgegangen, und die Pestizid-Aufnahme der Bienen sei überzogen dargestellt. Die „Korrektur“ hat nicht verhindert, dass die französische Arbeit für Verunsicherung gesorgt hat und die Zulassung eines Nicotinoid-Saatgutbeizmittels im eigenen Land vorläufig ausgesetzt wurde.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Genauere Atomuhr Lichtwellen schlagen den Takt

Die präziseste Atomuhr der Welt tickt in der Sekunde 430 Billionen Mal. Sie arbeitet mit optisch angeregten Strontium-Atomen Mehr Von Rainer Scharf

16.05.2015, 17:00 Uhr | Wissen
Designer Jacopo Foggini Kreative Entwürfe

Der Italiener Jacopo Foggini verblüfft immer wieder mit originellen Kreationen, organischen Formen und leuchtenden Farben. Bei seinen Ideen greift er auf einen Werkstoff zurück, der normalerweise in der Autoindustrie verwendet wird. Mehr

31.01.2015, 13:32 Uhr | Stil
Roboter mit Handicap Helferlein hilft sich selbst

Auch Roboter sind vor Verletzungen nicht gefeit. Doch das Handicap ist kein Beinbruch mehr. Denn die Maschinen haben gelernt, wie man auch hinkend schnell vorwärts kommt. Mehr Von Manfred Lindinger

28.05.2015, 12:05 Uhr | Wissen
Indien Billige Binden erleichtern Frauen den Alltag

In Indien gilt die Menstruation als Tabuthema, nur etwa jede zehnte Frau verwendet Binden. Stattdessen benutzen viele Frauen unhygienische Stoffstücke. Jetzt hat ein Mann eine Maschine entworfen, mit der Binden günstig hergestellt werden können. Mehr

16.01.2015, 12:45 Uhr | Gesellschaft
Exoplanetenforschung Im Licht des Heimatsterns

Der Exoplanet 51 Pegasi b wird spektroskopiert - erstmals sogar im sichtbaren Licht. Damit kommen unbekannte Eigenschaften der fernen Welt zum Vorschein. Mehr Von Jan Hattenbach

26.05.2015, 08:00 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.10.2012, 17:10 Uhr