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Retortenbabys Kleines Volk aus der Schale

21.06.2006 ·  Seit 28 Jahren gibt es sie, die Kinder aus dem Reagenzglas. Und ihre Zahl wächst und wächst: Weltweit gibt es schon mehr als drei Millionen Retortenbabys. Die meisten davon in Europa und Nordamerika.

Von Joachim Müller-Jung
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Drei Millionen Kinder, dreimillionenfaches Glück. Die Retortenmedizin zieht Bilanz. In Prag, der „Goldenen Stadt“, hat man sich in diesen Tagen auf Einladung der European Society of Human Reproduction zum zweiundzwanzigsten Jahreskongreß getroffen.

Und wenn man sich die Mitteilungen der Fortpflanzungsmediziner von dort ansieht, dann ahnt man oft erst beim zweiten Blick, daß hinter der Erfolgsgeschichte der Fortpflanzungsmedizin eine lange und bis in die heutigen Tage hinein alles andere als unumstrittene Entwicklung steht.

Zuerst aber der Fortschritt in Zahlen. Er wurde der alle zwei Jahre aktualisierte „Weltbericht über künstliche Befruchtungen“ präsentiert. Demnach kommen zu den etwa drei Millionen Retortenkindern, die seit der Geburt von Louise Brown vor achtundzwanzig Jahren mittlerweile zur Welt gebracht wurden, weltweit jedes Jahr schätzungsweise 200.000 weitere hinzu.

Dänemark ist spitze

Schätzungsweise deshalb, weil der Bericht viele asiatische Länder und praktisch ganz Afrika nicht berücksichtigt. Die Daten von dort fließen allzu spärlich. 122.000 Geburten aus 600.000 Behandlungszyklen - Embryonen im Reagenzglas - in 52 Ländern, diese Bilanz des Jahres 2002 immerhin gilt als verbürgt. 1998 waren es noch 30.000 Retortenkinder.

Annähernd die Hälfte der Reagenzglaszeugungen finden in vier Ländern statt: den Vereinigten Staaten mit 112.000, Deutschland mit 85.000, Frankreich mit 64.000 und Großbritannien mit 37.000 Behandlungszyklen. Mit 3,9 Prozent Anteil an der Zahl aller Geburten im Land liegt die Zahl der Retortenkinder in Dänemark weltweit an der Spitze.

Und wenn die Statistiken zutreffen, die in Prag von einer europäischen Gruppe für das nachfolgende Jahr 2003 präsentiert wurden, dann vergrößerte sich die Zahl der Behandlungen um weitere zehn Prozent. Hierzulande freilich sind die Zeugungsversuche im Reagenzglas nach der jüngsten Gesundheitsreform mengenmäßig regelrecht eingebrochen, weil die Paare die viele tausend Euro teure Behandlung selbst tragen müssen.

Fortschritte bei der Spermieninjektion

Ein Trend aber hält offenbar allgemein an: Die Tendenz zur Einpflanzung von einzelnen oder jedenfalls möglichst wenigen Embryonen - bei annähernd gleichbleibender Erfolgsquote. Tatsächlich, so heißt es in dem Bericht, sei diese von den skandinavischen Ländern und Belgien forcierte Entwicklung hin zu weniger belastenden Mehrlingsschwangerschaften eine der erfreulichsten Entwicklungen. In Schweden, wo inzwischen siebzig Prozent der Schwangerschaften durch die Übertragung eines einzelnen - nach bestimmten „Qualitätskriterien“ ausgewählten - Embryos erreicht werden, ist der Anteil der Zwillingsgeburten auf unter fünf Prozent gesunken.

Einen durchaus schwierigen Weg hat auch die sogenannte intrazytoplasmatische Spermieninjektion, kurz „Icsi“, schon hinter sich. Vor weniger als zehn Jahren in Brüssel entwickelt, versucht man hier, die Spermien mit einer Nadel aktiv und direkt in die Eizelle zu injizieren, statt sie nur in der Kulturschale zur Befruchtung mit den Eizellen zusammenzubringen. Wie Florence Belva von der Freien Universität Brüssel berichtete, sind die ersten Icsi-Kinder inzwischen acht Jahre alt und „wohlauf“.

Bei zehn Prozent der ersten 150 Kinder hatte man allerdings ungewöhnlich viele anfängliche und letzten Endes behandelbare körperliche Fehlbildungen diagnostiziert. Eine Auswertung durch australische Forscher habe ergeben, daß das Verfahren nicht unsicherer als die herkömmliche In-vitro-Fertilisation sei. Da aber die Spermien direkt in die Eizelle injiziert werden und häufig männliche Unfruchtbarkeit der Anlaß für die Verwendung von Icsi ist, werden vermutlich auch viele der mit der Unfruchtbarkeit direkt oder indirekt weitergegebenen Gendefekte auf die Nachkommen übertragen.

Quelle: F.A.Z., 22.06.2006, Nr. 142 / Seite 46
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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