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Rechenstörung Zahlen - nichts als leere Worte

17.06.2011 ·  Die Rechenstörung ist ein unterschätztes Leiden. Betroffene können einer Menge keine Zahl zuordnen, keine Uhr ablesen und kein Wechselgeld abzählen.

Von Hildegard Kaulen
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Zähl doch bitte von 80 an in Zehnerschritten aufwärts. Auf diese Aufforderung hin werden Kinder mit einer Rechenstörung die Zahlen 80, 90, 100, 200 und 300 nennen. Aus "zweihundertvierzig" machen sie 20040. Die Höhe des Klassenzimmers schätzen sie auf fünf bis zehn Meter. Das 1×1 lernen sie auswendig ohne bei 4×4 je an vier Stöße mit je vier Kugeln zu denken. Das Addieren meistern sie bis zur Zehn, weil sie die Summe an ihren Fingern abzählen können. Bei größeren Zahlen geraten sie jedoch in Schwierigkeiten, weil ihnen die Hände nicht mehr weiterhelfen. Das Gleiche gilt für das Subtrahieren, Multiplizieren oder Dividieren.

Kinder und Jugendliche mit einer Rechenstörung oder Dyskalkulie scheitern vor allem an den Grundrechenarten, weniger an den Fertigkeiten, die für Algebra, Geometrie, Trigonometrie, Differential- oder Integralrechnung gebraucht werden. Trotz normaler Intelligenz und ausreichender Beschulung gelingt es ihnen nicht, souverän mit Zahlen umzugehen, eine Vorstellung von einem abstrakten Zahlenraum zu entwickeln, zu schätzen, zu überschlagen und zu vergleichen. Wer unter einer Rechenstörung leidet, hat zudem große Schwierigkeiten mit Mengen-, Zeit- und Temperaturangaben, mit Karten, Tabellen und Prozentwerten. Erwachsene mit Dyskalkulie können keine Preise vergleichen, Abschläge berechnen oder Wechselgeld abzählen. Der Blick auf die Uhr, in die Geldbörse oder auf den Kontostand bringt sie in schwere Kalamitäten.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Dyskalkulie hat - wie Legasthenie - nichts mit Dummheit oder Faulheit zu tun. Sie ist eine Teilleistungsstörung, die von der Weltgesundheitsorganisation in der Klassifikation "Krankheiten und verwandte Gesundheitsprobleme" geführt wird. Hirnforschung und Genetik bemühen sich seit Jahren darum, die neurobiologischen Ursachen dieser umschriebenen Entwicklungsstörung zu entschlüsseln, während sich viele Schulen und Behörden mit ihrer Anerkennung schwer tun. Dabei sei Dyskalkulie sogar nachteiliger für die Lebenschancen der Betroffenen als eine Legasthenie, berichtet Brian Butterworth von dem University College in London in der Zeitschrift "Science" (Bd. 332, S. 1049). Der Neurowissenschaftler beruft sich auf eine große englische Kohortenstudie, nach der Erwachsene mit Dyskalkulie weniger Geld verdienen und ausgeben, eher krank werden und mit dem Gesetz in Konflikt geraten als Menschen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Auf 2,4 Milliarden britische Pfund pro Jahr schätzt Butterworth die Kosten, die durch die Dyskalkulie in Großbritannien und Nordirland entstehen. Die Rechenstörung habe, so der Wissenschaftler, auch Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt. Immerhin seien fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung betroffen. In den Vereinigten Staaten würde das Bruttoinlandsprodukt um 0,74 Prozent steigen, wenn es gelänge, die Rechenleistungen derjenigen auf ein Minimum zu heben, die das schwächste Fünftel am Ende der Leistungsskala bilden. Dieser eklatanten Bedeutung der Dyskalkulie für die Leistungsfähigkeit einer Nation stehe die chronische Unterfinanzierung der Forschung gegenüber.

Dass die Dyskalkulie eine vernachlässigte Lernstörung ist, kann auch Karin Landerl von der Universität Graz bestätigen. Während Legasthenie inzwischen eine weithin anerkannte Teilleistungsstörung sei, könne man das für die Dyskalkulie nicht ohne weiteres sagen. "Bei einer Dyskalkulie wird das Kind schnell als wenig intelligent eingestuft und auf eine Förderschule versetzt, weil es dem Mathematikunterricht wegen seines fehlenden Zahlen- und Mengenverständnisses von Anfang an nicht folgen kann", sagt die Psychologin im Gespräch mit dieser Zeitung. "Das Kind kann sich auch nicht angemessen am Unterricht beteiligen, weil es auch dafür das Zahlen- und Mengenverständnis braucht. Schüler mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche können sich immerhin mündlich profilieren."

Genetische komponente

Dsykalkulie und Legasthenie sind unabhängige und auf unterschiedliche Defizite zurückgehende Teilleistungsstörungen, die allerdings nicht selten zusammen oder im Verbund mit einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom auftreten. Legastheniker tun sich schwer, den Lauten Buchstaben zuzuordnen. Sie haben in der Regel keine Schwierigkeiten, die Bedeutung eines Wortes zu erfassen. Weil sie aber nicht in der Lage sind, das Wort über die fehlende Zuordnung von Laut und Buchstabe zu dekodieren, können sie ihm auch keine Bedeutung zumessen. Sie sehen sich also einem Text gegenüber, den sie verstehen würden, wenn sie ihn entziffern könnten.

Bei der Dyskalkulie ist die grundlegende numerische Verarbeitung gestört. Eine Zahl wird nicht als Menge betrachtet, sondern als leeres Wort. Kinder haben zwar in der Regel ein angeborenes Mengenverständnis und können sagen, was viel und was wenig ist, bei Menschen mit einer Rechenstörung werden diesen Mengen aber keine konkreten Zahlen zugeordnet. Die Sieben wird nicht als Stellvertreter von sieben Kugeln gesehen, die man auch in eine Menge aus zwei und fünf oder drei und vier Kugeln aufteilen kann. Im Gehirn ist diese Störung laut Brian Butterworth in dem zum Scheitellappen gehörenden Interparietalen Sulcus angesiedelt. Allerdings können bei einer Dyskalkulie auch noch andere Gehirnregionen betroffen sein, etwa der Frontal- oder Schläfenlappen. Welche Faktoren das Auftreten einer Dyskakulie begünstigen, lässt sich bisher kaum sagen. Man kennt nur zwei Risikofaktoren: die gestörte Repräsentation der Finger im Gehirn und die genetische Veranlagung, falls einer der Eltern betroffen ist.

Dass es eine genetische Komponente gebe, zeige sich daran, dass von eineiigen Zwillingen oftmals beide betroffen seien, sagt Landerl. Es gebe aber auch angeborene Behinderungen wie das Turner-Syndrom oder das fragile X-Syndrom, die besonders häufig mit einer Dyskalkulie verbunden seien. Beim Turner-Syndrom fehlt den Mädchen das zweite X-Chromosom, beim Fragilen X-Syndrom ist das X-Chromosom genetisch verändert. Anders als bei der Legasthenie seien aber bisher noch keine Kandidatengene für die Dyskalulie gefunden worden. Bei der gestörten Repräsentation der Finger können diese nicht unterschieden, benannt oder vorgezeigt werden. Da die Finger den Kindern helfen, ein Zahlen- und Mengenverständnis aufzubauen, behindert die fehlende Repräsentation im Gehirn offensichtlich den Erwerb der arithmetischen Kompetenz.

Nachholbedarf bei Förderangeboten

Damit betroffene Kinder dem Mathematikunterricht folgen können, müssen sie frühzeitig gefördert werden. "Die schulischen Angebote reichen in der Regel nicht aus, weil die Lehrerinnen und Lehrer nicht ausreichend qualifiziert sind", sagt Inge Palme von Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. "Die Betroffenen brauchen keine Nachhilfe, sondern eine an ihren subjektiven Lösungs- und Kompensationsstrategien ansetzende Einzeltherapie". Es gehe darum, bei den Kindern ein Mengen- und Zahlenverständnis aufzubauen. Erst danach könne man sich an die Rechenoperationen machen.

Nachholbedarf existiert offensichtlich auch bei der Begutachtung der Förderangebote. Es gebe zwar viele Ratgeber und private Anbieter und die Nachfrage nach außerschulischer Förderung sei groß, sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie, aber es gebe kaum Programme, die bei großen Gruppen evaluiert worden seien und sich dabei als nützlich erwiesen hätten. Es existiere auch keine Ausbildung zum Dyskalkulie-Therapeuten oder eine anerkannte Berufsbezeichnung. Der Bundesverband habe deshalb Standards für die Qualifizierung entwickelt, so Höinghaus. Dabei seien Zugangsvoraussetzungen, Ausbildungs- und Prüfungsinhalte für die Weiterbildung festgelegt worden. Die Ausbildungseinrichtungen können sich nach diesen Standards zertifizieren lassen. Es gehe darum, für Qualität und Transparenz zu sorgen.

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