09.03.2010 · Eine Depression ist wie eine Zentnerlast: Wer unter ihr leidet, verliert jede Lust am Leben. Welchen Sinn kann das haben? Der Versuch einer evolutionspsychologisch grundierten Antwort auf diese Frage führt zu Debatten unter Psychiatern und Psychologen.
Von Jonah LehrerEs gibt eine Menge Umschreibungen für Schwermut. Charles Darwin kannte sie alle. Mal berichtete er von Anfällen, die ihn heimsuchten, mal von Unruhe und Herzrasen, von Atemnot und Kopfweh oder dem hysterischen Weinen, das ihn überkam, wenn seine Frau Emma nicht da war. Über Darwins Gebrechen ist endlos gerätselt worden; die Symptome sind mit allen möglichen Malaisen von Laktoseintoleranz bis zum Morbus Chagas erklärt worden. Doch Darwin selbst sorgte sich am meisten um seine psychische Gesundheit. Er sei an einem von drei Tagen nicht imstande gewesen, überhaupt nur das Geringste zu tun, klagte er. Diese Schwäche, die offenbar in der Familie lag, sah er als bittere Kränkung: "Ich sollte mich wahrscheinlich damit zufriedengeben, die Fortschritte zu bewundern, die andere in der Wissenschaft machen."
Selten genug lag jemand damit so daneben wie Darwin. Seine Anfälle hinderten ihn nicht daran, Entscheidendes zu leisten. Die Qualen, von denen er schrieb, könnten sogar dazu beigetragen haben. Vielleicht haben sie es ihm erst ermöglicht, sich zurückzuziehen und sich gänzlich auf seine Arbeit zu konzentrieren. "Jedes Leiden verursacht Depressionen, wenn es nur lange genug anhält. Doch es macht auch wachsam gegenüber großem und plötzlichem Übel." So erklärte sich Darwin den Kummer fort und das Dunkel zur Quelle des Lichts.
Das Rätsel der Depression besteht nicht darin, dass sie existiert. Der Geist kann genauso leicht versagen wie der Körper. Das Paradoxe an der Depression ist ihre weite Verbreitung. Die meisten anderen mentalen Störungen sind selten. Von Schizophrenie beispielsweise ist nur ein Prozent der Bevölkerung betroffen. Depressionen dagegen scheinen so häufig vorzukommen wie Schnupfen. Jahr für Jahr durchleben schätzungsweise sieben Prozent der Bevölkerung ein anhaltendes Stimmungstief, wie es der amerikanische Schriftsteller William Styron in seiner Autobiographie geschildert hat: als "graues Nieseln des Horrors" und als "Sturm der Düsternis".
Ein Zweck? Aber welcher?
Die Hartnäckigkeit einer Depression und die Tatsache, dass sie eine vererbbare Komponente zu besitzen scheint, stellt Darwins Evolutionstheorie vor eine Herausforderung. Eine erbliche Disposition, die dazu führt, dass Menschen unter anderem jede Freude am Essen, an sozialen Kontakten, an Sex und damit auch an der Fortpflanzung verlieren und stattdessen an Selbstmord denken, hätte sich im Sinne Darwinscher Fitness eigentlich nicht durchsetzen dürfen. So aber stehen wir vor der Frage, war-um der Geist des Menschen so häufig zum Trübsinn neigt, ohne dass ihm das auf den ersten Blick Vorteile schafft.
Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Depression doch irgendeinen geheimen Zweck erfüllt; in diesem Fall würden medizinische Eingriffe die Sache nur noch schlimmer machen. Ähnlich wie Fieber dazu dient, einen Infekt zu bekämpfen, könnte die Depression eine belastende, aber insgesamt hilfreiche Reaktion auf traumatische Belastungen sein. Vielleicht hatte Darwin recht: Wir leiden, sogar schrecklich, aber wenigstens nicht vergebens.
Der amerikanische Psychiater Anderson Thomson von der University of Virginia in Charlottesville beschäftigt sich seit mehr als dreißig Jahren mit dem Phänomen der Depression. In seiner privaten Praxis sieht er manchmal Fälle, die aussichtslos scheinen. "Ich kann mich nicht daran gewöhnen. Jeder Patient bringt seine eigene Geschichte mit. Das ist anders als bei den meisten Krankheiten. Wenn man einen Fall von eisenbedingter Blutarmut gesehen hat, kennt man sie alle. Aber an einer Depression leidet jeder aus den verschiedensten Gründen."
Leiden am Sinnentzug
Vor zehn Jahren begann sich Thomson für das damals relativ neue Fachgebiet der Evolutionspsychologie zu interessieren. Evolutionspsychologen versuchen, die Eigenarten des menschlichen Geistes durch den Mechanismus der natürlichen Auslese zu erklären. Das Gehirn, so lautet die Grundannahme, ist durch die Geschichte seiner Entstehung geprägt. Thomson fand in Paul Andrews von der Virginia Commonwealth University in Richmond einen Mitstreiter, der schon lange der Frage nachgegangen war, warum eine psychische Fehlsteuerung, die solchen Schaden anrichtet, so häufig in Erscheinung treten kann. In den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellten sie einen Prozess, der typisch für diese Krankheit ist: Der Depressive verliert sich in endlosen Grübeleien, er käut ein und denselben Gedanken wieder und wieder.
Der Schriftsteller David Foster Wallace, der ein Leben lang unter Depressionen litt, hat diesen Zustand in einer seiner Kurzgeschichten beschrieben: "Ein solipsistisches, selbstvernichtendes, bodenloses emotionales Vakuum, wie ein Schwamm, der das Ich aufsaugt". An diesen Grübeleien wirkt nichts tief, sie sind eine einzige, aus der Not geborene Gedankenschleife.
Hinzu kommen kognitive Probleme. Weil sein gesamtes Bewusstsein von existentieller Verzweiflung geprägt wird, ist der Depressive nicht mehr imstande, an etwas anderes zu denken. Seine Gedächtnisleistung nimmt ab, Aufgaben des Alltags kann er nicht mehr bewältigen, er hört auf, sich um andere oder um sich selbst zu kümmern; am Ende ist er nicht einmal imstande, sich die Schnürsenkel zu binden, weil er darin keinen Sinn mehr erkennen kann.
Psychiater haben diesen Grübelzwang lange Zeit nur für schädlich gehalten. Wer sich ausschließlich auf seine Probleme und Fehler fixiert, verschlimmert seine düstere Gemütslage. Das nutzlose Wiederkäuen negativer Gedanken gilt als perfekte Verschwendung mentaler Energie.
Aristoteles' Erbe
Man kann es aber auch anders sehen. Schmerzhaftes Grübeln ist häufig die Folge eines Schicksalsschlags. Auslöser kann beispielsweise der Verlust des Arbeitsplatzes sein, der Tod des Partners oder eine Scheidung; Charles Darwin sackte in eine besonders schlimme Phase, nachdem seine zehnjährige Tochter Annie an Scharlach gestorben war. Selbstvorwürfe sind in solchen Fällen die Regel: "Ich hätte ein besserer Ehemann sein müssen." Kontrafaktische Überlegungen werden hin und her gewälzt: "Was wäre gewesen, wenn ich keine Affäre gehabt hätte?" Zukunftsängste machen sich breit: "Was wird mit den Kindern? Kann ich die Alimente zahlen?" Das alles wiederum verstärkt die depressiven Symptome. Deshalb versuchen Therapeuten auch mit allen Mitteln, den gedanklichen Teufelskreis zu durchbrechen.
Thomson und Andrews stellten sich stattdessen die Frage, ob ein paar Monate noch so sinnlos scheinender innerer Monologe nicht am Ende auch ihr Gutes haben können. Vielleicht hilft der von Selbstekel begleitete Trauerprozess, Beziehungsmuster zu überdenken und soziales Verhalten neu zu definieren. "Es schien uns nicht logisch, dass das Gehirn ausgerechnet dann versagt, wenn es am meisten gebraucht wird", sagt Andrews. "Vielleicht sucht es nur besonders konsequent nach einem Ausweg."
Der Gedanke, die Depression könne mehr sein als nackte Not, ist nicht neu. Schon Aristoteles war der Ansicht, alle Menschen, die Hervorragendes geleistet hätten, sei es in der Philosophie, in den schönen Künsten oder in der Politik, besäßen einen melancholischen Habitus, der krankhafte Züge annehmen könne. Die Renaissance griff das Thema bereitwillig auf. "Begrüßt die göttliche Melancholie, ihr Antlitz ist so strahlend hell, für Menschenaugen bald zu grell", dichtete John Milton. Die Generation der Romantiker sah das Leiden vollends als essentielle Voraussetzung für jede Art schöpferischen Daseins: "War-um siehst du nicht, wie notwendig eine Welt voller Pein und Mühe ist, um die Intelligenz zu schulen und eine Seele hervorzubringen?", beschwor John Keats seine Leser. Robert Burtons "Anatomy of Melancholy" gilt als Höhepunkt der Beschreibung einer Krankheit, die nach Ansicht des Volkes wie der Gelehrten vor allem Mönche befiel.
Eine Neubewertung
Im Zeitalter von Hirnforschung und Pharmakologie stellt sich die Frage neu: Kann man beweisen, dass es hilft, sich den Kopf zu zermartern beim Versuch, elementare Lebensprobleme zu lösen?
Hirnforscher lokalisieren die Fähigkeit, sich intensiv zu konzentrieren, in einer bestimmten Gehirnregion, dem sogenannten ventrolateralen präfrontalen Cortex (VLPFC). Dort, ein paar Zentimeter hinter der Stirn, vermutet man allgemein eine ganze Reihe von kognitiven Fertigkeiten. Bei depressiven Patienten ist diese Region überaktiv. In Intelligenztests schneiden sie zwar schlechter ab als sonst. Das könnte allerdings ebenso damit zusammenhängen, dass ihr Hirn auf ein reales Problem des Lebens fixiert ist und andere, weniger wichtige wie abstrakte Denksportaufgaben beiseiteschiebt.
Die gute Nachricht für Depressive könnte lauten: Sie denken extrem analytisch. Die schlechte Nachricht: Sie denken quälend langsam und fehleranfällig, was einen zum Wahnsinn treiben kann; irgendwann gibt auch der hartnäckigste Cortex auf. Trotzdem glauben Andrews und Thomson: "Wenn es die Depression nicht gäbe, würden wir Lebenskrisen weniger gut meistern." Anders ausgedrückt: Weisheit ist nicht billig zu haben, und der Preis dafür ist das Leiden.
Als Andrews und Thomson ihre Theorie im vergangenen Sommer in einer ellenlangen Veröffentlichung in der Zeitschrift Psychological Review vorstellten, schwankte die Reaktion der Fachkollegen zwischen Begeisterung und blanker Ablehnung. Der Psychiater Jerome Wakefield von der New York University bezeichnete die Arbeit als "extrem wichtigen Schritt" zur Neubewertung von Depressionen. Andere wollten darin nicht mehr als Spekulation sehen, schlimmstenfalls eine unverantwortliche Rechtfertigung menschlicher Martyrien.
Romantisierung einer Krankheit?
Peter Kramer von der Brown University in Rhodes Island nennt die Theorie vom Nutzen der Depression "eine Leiter mit morschen Sprossen". Kramer ist Autor des Bestsellers "Listening to Prozac", in dem er die Fortschritte bei der Entwicklung wirksamer Antidepressiva beschrieben hat. Darin warnt er auch vor einer Romantisierung der Krankheit, die manchmal ähnlich verklärt werde wie die Tuberkulose im späten 19. Jahrhundert. Andrews und Thomson ließen alle Fälle unter den Tisch fallen, die nicht in ihr geschöntes Bild passten, sagt Kramer: "Nichts findet man darin über chronische Depressionen und über Patienten, die sich selbst bis auf den Tod hassen, die ohne jede Hoffnung sind und vollständig gelähmt."
Forscher wie Randolph Nesse von der University of Michigan in Ann Arbor glauben ebenfalls nicht an ein einheitliches Krankheitsbild der Depression. Sie sei auch nicht mit einem Fieber zu vergleichen, eher schon mit chronischem Schmerz. "Manchmal haben chronische Schmerzen organische Ursachen", sagt er, "dann kann man sie beseitigen. Aber häufig findet sich gar keine Ursache. Der Schmerz selbst wird zur Krankheit."
Andrews und Thomson räumen ein, dass es Fälle von schwerster Depression gibt, in denen ihre Theorie nicht weiterhilft. "Manchmal geraten die Symptome außer Kontrolle. Doch das eigentliche Problem ist die Gesellschaft. Sie glaubt, eine Depression müsse unter allen Umständen vermieden und im Ernstfall medikamentös bekämpft werden. Wir haben vielleicht das gesellschaftliche Stigma beseitigt, das eine Depression umgibt. Stattdessen stigmatisieren wir jetzt schon die Traurigkeit."
Der traurige Blick
Ist die Theorie vom "analytischen Grübeln" ein solides Gebäude oder nur eine schöne Geschichte? Der Sozialpsychologe Joe Forgas von der University of New South Wales in Australien konnte immerhin zeigen, dass Menschen, die traurig oder melancholisch sind, akkuratere Urteile fällen als ihre weniger unglücklichen Zeitgenossen. Er spielte seinen Versuchsteilnehmern Filme vor, die von Krebskrankheit oder Tod handelten, und bat sie anschließend, Gerüchte oder stereotype Vorurteile gegenüber Fremden zu bewerten. Sie schnitten dabei besser ab als Menschen, die gerade fröhlicher Stimmung waren. Trauer, sagt Forgas, fördere informationsverarbeitende Prozesse, die besser geeignet seien, komplexe Sachverhalte zu analysieren.
Forgas hat seine Ergebnisse in einem Feldversuch überprüft. In einem Supermarkt in einem Vorort von Sydney plazierte er neben der Kasse Spielzeugsoldaten, Plastiktiere, Modellautos und anderen Krimskrams. War das Wetter grau und regnerisch, ließ er über Lautsprecher Verdis "Requiem" spielen, um die elegische Stimmung noch zu verstärken. Schien draußen die Sonne, ertönten dagegen Gilbert und Sullivan. Anschließend fragte Forgas die Kunden, wie viele Gegenstände sie bemerkt hätten. Das Resultat war eindeutig: Traurig gestimmte Kunden hatten viermal mehr Gegenstände registriert als die fröhlich pfeifenden.
Je bitterer das Leben empfunden wird, desto realistischer scheinen wir die Welt zu sehen. Und bemühen uns, das besonders exakt zu erfassen. Das könnte auch erklären, warum man immer wieder einen Zusammenhang zwischen Kreativität und depressiver Veranlagung findet. Die Neurowissenschaftlerin Nancy Andreasen hat dazu dreißig Teilnehmer eines Schriftsteller-Workshops an der Iowa University befragt; 24 von ihnen erinnerten sich an Phasen in ihrem Leben, auf die eindeutig die Diagnose einer ausgewachsenen Depression zutraf.
Logik erschöpft
Was könnte dahinterstecken? Andreasen glaubt, die Depression sei an einen "kognitiven Stil" gekoppelt, der erfolgreiches künstlerisches Schaffen ermöglicht. Eine der wichtigsten Eigenschaften kreativer Arbeit sei die Ausdauer, mit der sie betrieben werde. Gute Schriftsteller seien wie Boxer, die immer wieder Rückschläge erlitten, aber nie zu Boden gingen. "Sie feilen so lange an ihren Formulierungen herum, bis sie sitzen. Darunter können sie ernsthaft leiden. Wer immer auf Messers Schneide arbeitet, der blutet auch schon mal."
Zu ähnlichen Schlussfolgerungen ist Joe Forgas gekommen. Depressive neigen dazu, sich permanent selbst anzuklagen. Sie sehen keinen Fortschritt bei ihren Bemühungen, sondern nur Bestätigung darin, wenn etwas schiefgeht. Üblicherweise geht das mit der Unfähigkeit einher, zu kommunizieren. Depressive scheuen jede Art von sozialem Kontakt. Doch Forgas fand Anzeichen dafür, dass die Ausdrucksfähigkeit in solchen Phasen in Wahrheit zunimmt. Schriftlich äußerten sich Depressive in klareren und überzeugenderen Sätzen. Offenbar poliert die Angst, sich zu blamieren, ihre Wortwahl. Das würde sich immerhin mit einem Aphorismus decken, den der Literaturkritiker Roland Barthes geprägt hat: "Ein kreativer Schreiber ist der, für den Schreiben ein Problem ist."
Paul Andrews hat auch die umgekehrte Beobachtung gemacht: Studenten, die beim sogenannten Raven-Matrizen-Test logische Zusammenhänge finden sollten, zeigten sich anschließend nicht nur erschöpft, sondern auch in deutlich gedämpfterer Stimmung. Die Konfrontation mit einem schwierigen Problem hatte sie offenbar in eine Art "attentiver Trance" versetzt. Je schärfer gerichtet die Aufmerksamkeit ist, folgert Andrews daraus, desto eher enthält sie auch ein Element der Melancholie.
Die Rolle der Antidepressiva
Für Anderson Thomson hat der evolutionspsychologische Ansatz direkte Auswirkungen auf seine Arbeit als Psychiater. Er verschreibt inzwischen seltener Antidepressiva. Sie störten in vielen Fällen einen echten Heilungsprozess, weil sie verhinderten, dass sich der Patient ernsthaft und lange genug mit seinen Problemen auseinandersetzt. Er schildert das an einem Beispiel aus seiner Praxis: "Einmal kam eine Klientin zu mir und wollte, dass ich ihre Dosis verringere. Ich fragte sie, ob das Medikament wirke, und ich werde nie vergessen, was sie antwortete: ,Doch, es wirkt großartig, und ich fühle mich viel besser. Aber ich bin immer noch mit dem gleichen Drecksack von Alkoholiker verheiratet. Nur dass ich ihn jetzt ertrage.'"
Mit seiner Skepsis gegenüber Antidepressiva steht Anderson Thomson nicht allein. Steven Hollon, Psychologe an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, hat vor fünf Jahren eine Studie vorgelegt, nach der 76 Prozent einer Gruppe von Patienten, die wegen mittelschwerer Depressionen behandelt wurden, innerhalb eines Jahres einen Rückfall erlebten, wenn sie ihre Medikamente absetzten. Patienten, die sich einer Gesprächstherapie unterzogen, ohne Antidepressiva zu nehmen, wurden nur zu 31 Prozent rückfällig. Und Hollons Daten sind nicht ungewöhnlich; zahlreiche Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Thomson fühlt sich bestätigt: "Antidepressiva helfen nur, zu verdrängen. Das endet irgendwann in einer Dauermedikation. Wir behandeln die Patienten, als ob sie lebenslanges Fieber haben."
Was könnte insgesamt die Lehre aus diesen Beobachtungen sein? Therapeutisch käme es im Zweifelsfall darauf an, den Patienten dahin zu bringen, dass er sein Leiden akzeptiert. Dass er den Grundton der Verzweiflung annimmt und vielleicht sogar begrüßt, weil er den Weg frei macht für ein geändertes, besseres Leben nach der Depression. Eines muss man dennoch einräumen: Dass eine Depression einem Zweck dienen kann, dass Trauer uns möglicherweise schlauer macht, nimmt beidem nicht die Schwärze und den Schrecken. Auch ein Fieber kann hilfreich sein - trotzdem bekämpfen wir es mit Pillen.
Man kann darin ein weiteres Paradox der Evolution sehen: Selbst wenn tiefer Schmerz uns auf Dauer weiterhilft, bleibt die instinktive Flucht vor ihm doch der stärkste Impuls, den wir kennen.