09.09.2009 · Der gute Redner vermeidet fahrige Gesten, aber nicht jedes Gestikulieren ist sinnlos. Im Gegenteil, sagt die Forschung heute, Gesten helfen der Gedächtnisbildung und fördern das Lernen.
Von Uta SassenbergAuf Personen zeigt man nicht, und wer viel gestikuliert, kann sich nicht richtig ausdrücken, ist fahrig und nervös. Solche Äußerungen zeigen, dass das Gestikulieren in unserer Kultur kein gutes Image hat. Neue Studien beweisen aber, dass es für uns durchaus von Vorteil sein kann, beim Sprechen die Hände buchstäblich mitlaufen zu lassen. „Wir haben gezeigt, dass das gleichzeitige Reden und Gestikulieren einfacher ist, als nur zu reden, ohne zu gestikulieren“, sagt die Psychologin Susan Wagner Cook von der University of Iowa. Es ist ein seltener Fall, wo es tatsächlich einfacher ist, zwei Dinge zu tun statt nur eins.
Im „Journal of Memory and Language“ berichtet Wagner über Studenten, die Mathematikaufgaben lösen und diese dann beschreiben sollten, während sie sich gleichzeitig eine Buchstabenfolge merken sollten. Wenn die Teilnehmer bei der Erklärung der Aufgabe gestikulierten, konnten sie sich deutlich mehr richtige Buchstaben merken, als wenn sie ihre Hände still hielten. Durch das Gestikulieren schienen sie mehr „Speicherplatz“ zur Verfügung zu haben, den sie verwenden konnten, um sich die Buchstaben zu merken.
Embleme und Beats
Wie sehen denn aber diese Gesten aus? Für Forscher ist Geste nicht gleich Geste. Als Erstes denkt man an die Gesten, die sich von Kultur zu Kultur unterscheiden. Zum Beispiel machen wir eine Faust mit nach oben zeigendem Daumen, um per Anhalter zu fahren – was in vielen Ländern übrigens als Beleidigung gilt. Solche als „Embleme“ bezeichneten Gesten können jeweils anstelle von Wörtern benutzt werden. Sie haben eine festgelegte Form, so der Linguist David McNeill, emeritierter Professor an der University of Chicago: „Das amerikanische Okay-Zeichen formt man so, dass sich die Fingerspitzen des Zeigefingers und des Daumens berühren. Die anderen Finger sind mehr oder weniger ausgestreckt. Sobald man es mit Daumen und Mittelfinger macht, ist es nicht mehr das Okay-Zeichen.
Ganz anders sind allerdings Gesten, die spontan während des Redens gemacht werden und keine festgelegte Form haben. Eine dieser Gestenarten sind sogenannte „Beats“, deren Form eher simpel ist. McNeill beschreibt die Beats als „eine einfache Bewegung: hoch, runter – raus, zurück oder links, rechts. Sie haben eine Funktion so ähnlich wie die Benutzung eines Textmarkers, mit dem man ein geschriebenes Wort oder eine Passage markiert. Wie der Textmarker hebt ein Beat etwas Spezielles aus dem Kontext hervor. Mehr Variation findet sich in den abbildenden Gesten, die auch keine festgelegte Form haben, sondern von jeder Sprecherin und jedem Sprecher selbst erschaffen werden. Sie enthalten Informationen über den Ort, die Form oder Größe von Gegenständen oder die Art und Weise einer Bewegung. Der Angler freut sich über „sooo’n Fisch“ und breitet seine Arme aus – noch Jahre nach seinem legendären Fang.
Entlastung fürs Gedächtnis
Die Teilnehmer der Studie von Wagner Cook verwendeten solche abbildenden Gesten, während sie die Mathematikaufgaben erklärten. Die meisten Gesten waren Zeigegesten, weil die zu erklärenden Matheaufgaben auf einer Tafel standen. „Manche Leute haben auch Gesten für mathematische Operationen gemacht. Zum Beispiel haben sie alle Finger einer Hand zusammengeschlossen, um das Addieren der Zahlen anzudeuten.“
Zwar müssen Menschen sich im alltäglichen Leben meistens keine Buchstabenlisten merken, während sie Matheaufgaben erklären, aber sie machen andauernd Dinge neben dem Sprechen. Sie müssen sich den Namen einer neuen Bekanntschaft merken, mit der sie gerade reden, oder sie rufen sich während eines Gesprächs ins Gedächtnis, was das Gegenüber wohl schon weiß über die Dinge, über die sie ihn informieren wollen. Wir müssen Dinge behalten, während wir sprechen – oft vollkommen unbewusst. Am häufigsten wird gestikuliert, wenn wir schwierige Sachverhalte erklären, oder in Situationen, in denen unser Kurzzeitgedächtnis schon gestresst genug ist, wie bei einem Vorstellungsgespräch oder beim Vortragen eines Referats.
Es profitiert aber nicht nur das Kurzzeitgedächtnis davon. Auch das Erlernen neuer Aufgaben wird damit leichter. Die Gruppe um Cook fand in einer weiteren Studie, die in der Zeitschrift „Psychological Science“ veröffentlicht wurde, Folgendes heraus. Grundschulkinder, die aufgefordert wurden, beim Erlernen einer für sie neuen Art von Mathematikaufgabe zu gestikulieren, lösten ähnliche Aufgaben einige Wochen später klar besser als die Kinder, die aufgefordert waren, nur zu sprechen. Bei der kognitiven Entwicklung von Kindern, also deren Erlernen von Sprache und Denken, scheinen Gesten eine wichtige Rolle zu spielen.
Gesten und Sprachentwicklung
Kleinkinder kombinieren Wort und Geste, bevor sie sogenannte Zweiwortsätze bilden. Zum Beispiel sagen sie „Papa“ und zeigen auf den leeren Stuhl, auf dem der Vater beim Essen gewöhnlich sitzt, bevor sie Dinge sagen wie „Papa Stuhl“. Susan Goldin-Meadow von der University of Chicago erforscht die Gestenbenutzung und Sprachentwicklung von Kleinkindern. Die Entwicklungspsychologin veröffentlichte in diesem Jahr eine Studie zu dem Thema in „Science“. Sie und ihre Kollegin Meredith Rowe fanden heraus, dass Kinder, die im Alter von einem Jahr mehr gestikulierten, mit vier bis fünf Jahren auch mehr Wörter sagen konnten als Kinder, die weniger gestikulierten.
„Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten, wie das Gestikulieren dem Erlernen der Sprache dienlich sein könnte“, sagt sie. Es könnte zum einen eine indirekte Rolle bei der Sprachentwicklung spielen, indem die Kinder ihren Eltern zur richtigen Zeit Sprache entlocken. Eine Mutter sagt beispielsweise als Antwort auf die Zeigegeste ihres Kindes: Ja, das ist eine Puppe. Somit bietet sie dem Kind ein Wort für eine Sache an, auf welche das Kind gerade seine Aufmerksamkeit richtet. Laut Goldin-Meadow könnten Gesten aber auch eine direkte Rolle im Wortlernen spielen: „Sie bieten den Kindern möglicherweise die Chance, Ausdrücke mit der Hand zu trainieren, die noch zu schwierig auszusprechen sind.“
Gesten und kognitive Entwicklung
In einem Buch beschreibt Goldin-Meadow, dass Kinder, die eine Aufgabe noch nicht richtig mündlich erklären können, in ihren Gesten Sachverhalte ausdrücken, die wichtig sind für die richtige Lösung. Kinder im Vorschulalter antworten gewöhnlich falsch auf die Frage, ob ein schmales, hohes Glas mehr, weniger oder gleich viel Wasser enthält wie ein breites, niedriges Glas, wenn die Wassermenge gleich ist – oft sogar wenn die Wassermenge vor den Augen der Kinder von einem in das andere Glas gegossen wird. Für Erwachsene ist es klar, dass die Wassermenge ungefähr gleich ist, weil sie die Höhe des Wasserspiegels und die Breite der Gläser berücksichtigen. Die Kinder aber beachten nur eine Dimension – zum Beispiel nur die Höhe des Wasserspiegels – und antworten, dass mehr Wasser im schmalen Glas ist.
In Studien Goldin-Meadows stellte sich heraus, dass einige Kinder aber schon die Glasbreite in ihren Gesten anzeigten, während sie nur über die Wasserhöhe redeten. Diese Kinder lernten schneller, beim Lösen ähnlicher Aufgaben beide Dimensionen zu berücksichtigen, als Kinder, die die zweite Dimension nicht in ihren Gesten angaben. Das zeigt, dass manche wichtigen Informationen schon in Gesten zum Vorschein kommen, die die Kinder aber noch nicht verbalisieren und berücksichtigen können.
Viele Gesten werden also eindeutig und ausschließlich zur Kommunikation benutzt. Von Kindesbeinen an. Wenn jemand auf einen Stuhl zeigt und fragt, ob da noch frei sei, dann wird die Geste vom Sprecher absichtlich gemacht. Einige Wörter funktionieren oft sogar nur im Zusammenhang mit einer Geste, und wir gebrauchen bestimmte Wörter weniger, wenn unser Gesprächspartner uns nicht sehen kann: hier, da, so – wie in dem Satz „der Fisch war so groß“.
Gesten, die uns unterlaufen
Oft werden aber auch Gesten gemacht, die dem Sprecher und den Gesprächspartnern nicht auffallen. Und sie sind es, die uns als Gestikforscher immer stärker interessieren. Viele glauben, dass das Gestikulieren weniger eine kommunikative als eine egoistische Handlung ist. Fragt man Personen nach einem Gespräch nach ihren Gesten, können sie sich meistens nicht an ihre Gesten erinnern oder bestreiten sogar, dass sie überhaupt gestikuliert haben. Außerdem gestikulieren wir auch am Telefon, und selbst von Geburt an Blinde gestikulieren – auch wenn sie wissen, dass ihr Gesprächspartner ebenfalls blind ist. Vielleicht gestikulieren Menschen tatsächlich mehrheitlich, weil die Handbewegungen sie beim Denken und Lernen unterstützen.
Fest steht zumindest, dass wir unseren Händen tatsächlich mehr Freiraum lassen sollten. Wagner Cook: „Viele Leute in unseren Gedächtnistests haben nicht freiwillig gestikuliert, wenn es ihnen eigentlich geholfen hätte. Wenn wir sie andererseits aufforderten zu gestikulieren, konnten sie tatsächlich von ihren Handbewegungen profitieren – genauso, als hätten sie spontan gestikuliert.“ Wir sollten versuchen, in anspruchsvollen Situationen lieber einmal mehr zu gestikulieren, statt zu versuchen, unsere Glieder im Zaum zu halten.