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Psychologie Mir und mich verwechsle ich nicht

30.11.2009 ·  „Seh' ich im Mondlicht meine eigene Gestalt“: Das kann schon vorkommen, sagen uns die Psychologen. Denn Doppelgänger sind nicht nur eine Sache literarischer Phantasien und psychischer Erkrankungen.

Von Nike Heinen
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Elsass 1771, ein einsamer Reitpfad bei Sesenheim. Zu Pferde: der junge Goethe. In Gedanken ist er noch bei Friederike, der er gerade das Herz gebrochen hat. Da kommt ihm ein anderer Reiter entgegen, schon aus der Ferne sichtlich gutsituiert; auf hechtgrauem Tuch funkeln Goldfäden.

Im Näherkommen bemerkt der Dichter mit Schrecken, dass der Dandy niemand anders ist als er selbst, wenn auch ein wenig älter. "Sobald ich mich aus diesem Traum aufschüttelte, war die Gestalt ganz hinweg", schreibt Goethe viel später in "Dichtung und Wahrheit". "Sonderbar ist es jedoch, dass ich nach acht Jahren, in dem Kleid, das mir geträumt hatte, mich auf demselben Weg fand, um Friederike noch einmal zu besuchen ..."

Was ist das für eine Geistererscheinung? Eine geschickt komponierte Gruselepisode? Es könnte sich auch um ein häufiges, aber bis vor kurzem kaum untersuchtes medizinisches Phänomen handeln.

Veränderungen der Wahrnehmung

Der Fachbegriff dafür lautet "Autoskopie". Dabei treffen Menschen auf ihren eigenen Doppelgänger. Peter Brugger, Leiter der Neuropsychologischen Abteilung am Züricher Universitätsspital, ist überzeugt, dass Goethe wirklich sich selbst gesehen hat. "Solche Illusionen sind weit verbreitet", sagt er. Von Begegnungen mit ihrem Alter Ego können nicht nur Patienten berichten, die an epileptischen Krämpfen, Migräne, einem Gehirntumor, Alzheimer oder Syphilis im Endstadium leiden. "Oft passiert das auch dann, wenn man sich gerade intensiv mit der Frage nach dem eigenen Selbst und dessen Platz in der Welt befasst", sagt Brugger. Wie der junge Goethe, der sich während seiner eineinhalb Jahre im Elsass schwärmerischen Eindrücken hingab, für die er kurz darauf als Lyriker des Sturm und Drang bekannt werden sollte.

In der Züricher Klinik gehört es seit einigen Jahren zum Standard, dass alle Patienten mit Verhaltensauffälligkeiten an Bruggers Abteilung weitergeleitet werden. Dort untersucht man, wie es um ihren Realitätssinn bestellt ist, zu welchen kognitiven Leistungen sie noch in der Lage sind und ob es Veränderungen in ihrer Wahrnehmung gibt. Dabei konnte Brugger ungewöhnlich viele Doppelgänger-Erfahrungen dokumentieren. Der Wahrnehmungsforscher ist häufig der Erste, dem die Menschen von ihren seltsamen Begegnungen mit sich selbst erzählen. "Sie schweigen aus Angst, für verrückt gehalten zu werden", sagt er.

Selbstbegegnung der unheimlichen Art

Zumindest da kann Brugger sie beruhigen: Wer diese Angst artikuliert, kennt noch die Grenze zwischen wirklicher Welt und Hirngespinsten. Zwar kommt der Doppelgänger auch als Wahnvorstellung vor, doch deutlich seltener. Wer weiß, dass das Gesehene nicht real sein kann, leidet nicht unter einer Psychose. Auch wenn sich die Gestalten von dieser Erkenntnis nicht verscheuchen lassen.

Viele verzweifeln an diesen Erscheinungen allerdings wegen ihrer Detailtreue. Von einer regelrecht verstörten Patientin berichtet der italienische Neurologe Paolo Zamboni. Die 30-jährige wurde von ihrem eigenen Gesicht verfolgt: Wohin sie auch sah, an die Wand, durch ein Fenster oder auf den Boden, immer blickte es ihr entgegen. Und es benahm sich, wie man es von einem Spiegelbild erwartet: Strich sie sich die Haare aus dem Gesicht, dann wanderten die Strähnen auch bei der Doppelgängerin zur Seite. Hatte sie Lippenstift aufgetragen, glänzte auch deren Mund in derselben Farbe.

Häufig beschränken sich die Doppelgängervisionen auch nicht auf den eigenen Körper. "Es ist sehr interessant, dass Goethe nicht nur einen Doppelgänger seiner selbst, sondern auch eine Verdopplung des Pferdes wahrnimmt", sagt Brugger. "Ich weiß von Patienten, die sich selbst auf einem Fahrrad oder im Auto haben fahren sehen." Es scheint nur darauf anzukommen, dass diese Situation dem Gehirn geläufig ist. Wer in seinem Auto sitzt, um einzuparken, kann sich trotzdem vorstellen, wie das aus der Stoßstangenperspektive aussieht. "Jemand, der gerade erst mit dem Reiten angefangen hat, würde sich wohl eher in der Luft schwebend wahrnehmen."

Leben mit Dopelgängern

Das Hirn muss demnach über eine ausreichende Zahl von Bildern verfügen, denen es ein Eigenleben einhauchen kann. Denn das ist die Erklärung, die die Hirnforschung heute für Halluzinationen liefert: Es sind Bilder aus dem eigenen Erinnerungsarchiv, die plötzlich in die Außenwelt projiziert werden. Offenbar kein so ungewöhnlicher Vorgang, wie es scheint: "Wir leben tagtäglich mit Doppelgängern, ohne etwas davon zu merken", sagt der Neurologe Olaf Blanke, Leiter einer Forschungsgruppe für Kognitive Neurowissenschaft an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne. "Sobald unser Gehirn nicht mehr in der Lage ist, sie aus unserer bewussten Wahrnehmung fernzuhalten, tauchen sie auf."

Auch Blanke widmet sich seit einigen Jahren intensiv dem Doppelgängerphänomen. Einer von zwanzig Menschen, so schätzt er, macht einmal im Leben Bekanntschaft mit seinem virtuellen Double. Das kann zwar aus heiterem Himmel geschehen, passiert aber eben auch dann, wenn dem Gehirn etwas Dramatisches zugestoßen ist. Vielleicht sind Krankheitserreger durch die Blut-Hirn-Schranke gedrungen, vielleicht frisst sich ein Tumor durch das Nervengeflecht, oder eine schwere Schädelverletzung hat ein blutiges Schlachtfeld hinterlassen. Die junge Frau, die von ihrem eigenen Spiegelgesicht verfolgt wurde, hatte drei Monate zuvor eine Hirnschädigung durch eine Schwangerschafts-Gestose überstanden.

Schnatternde Wiedergänger

Wer seinen eigenen Wiedergänger trifft, macht zwangsläufig die Erfahrung, wie fragil die Beziehung zwischen dem eigenen Selbst und seiner Behausung ist. Das Gefühl, der Körper sei aus einem Guss und man befinde sich in ihm, ist nur vermeintlich selbstverständlich: Einem oder mehreren Bildern gegenüberzustehen, die sich wie das eigene Spiegelbild verhalten, ist noch eine vergleichsweise harmlose Halluzination. Immerhin bleibt dabei außer Frage, wer das Original und wer das Abbild ist.

Gravierender ist die sogenannte Heautoskopie ("das Selbst sehen"), bei der in der Umgebung eine Variante der eigenen Person auftaucht, die für Momente die Perspektive an sich reißt, spricht und das unüberhörbare Gefühl vermittelt, sie hätte ebenso viel Anspruch, "Ich" genannt zu werden. Manche Patienten sehen sich gar von Dutzenden schnatternden Versionen ihrer selbst erdrückt. Wieder andere verlieren einen Teil von sich, sie meinen, eine fremde Hand spazieren zu tragen oder bei lebendigem Leib zu sterben.

Wer verstehen will, woher die Doppelgänger kommen, muss zunächst einmal begreifen, wie wir überhaupt die Grenze ziehen zwischen uns und dem Rest der Welt. "Die Bewegung ist der Schlüssel", sagt dazu der Arzt Lukas Heydrich, einer von Blankes Mitarbeitern. "Sie muss perfekt sein. Wir beobachten ständig unsere eigenen Bewegungen. Und wenn wir nur geringe Abweichungen von der Norm feststellen, distanzieren wir uns."

Umgang mit dem Avatar

Schlüssel zu dieser Erkenntnis waren Experimente in einer "Avatarkabine". In diesem Versuchsraum sind 700 Kameras derart verteilt, dass die Bewegungen eines Versuchsteilnehmers aus allen nur denkbaren Blickwinkeln beobachtet werden können. Die Kameras verfolgen exakt kalibrierte Punkte auf einem Spezialanzug. Die Bewegungen dieser Punkte werden in Sekundenbruchteilen zu einem Rechner und von dort weiter auf eine Leinwand projiziert, wo der Proband sie als seinen Avatar, seine virtuelle Inkarnation, wahrnimmt. Obwohl die gesichtslosen Zwitterwesen nur sehr grob dem menschlichen Körperschema entsprechen, kann sich schnell das Gefühl einstellen, selbst im Leib des Avatars zu stecken.

Entscheidend dabei ist, wie perfekt der Avatar die Bewegungen nachahmt. Bei zehn Prozent Abweichung ist normalerweise Schluss mit der Illusion, im Körper des Schemens zu stecken. Darüber beginnt anscheinend das Reich der Psychosen.

Schizophreniepatienten beispielsweise können sich noch bei zwanzig Grad Abweichung des Bewegungsmusters mit dem Avatar identifizieren, obwohl das schon „sehr ruckartig wirkt“, sagt Lukas Heydrich. „Wir glauben, dass das ein Hinweis darauf ist, warum während einer Psychose die Trennlinie zwischen Innen- und Außenwelt aufweicht: Die Maschen der Bewegungsanalyse werden gröber.“

Bewegungsmelder

Wissenschaftler um den Hirnforscher Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut haben herausgefunden, dass die Verwechslung von selbst, vertraut und fremd schon im Gehirn selbst als Fehlermöglichkeit angelegt ist. Denn Bewegungen und Bilder von Körperteilen werden zunächst einmal gemeinsam verarbeitet. „Das, was man das Selbst nennen könnte, liegt erst am Ende dieses Weges“, sagt Singer.

„Ein epileptischer Patient berichtete mir, dass sein Körper während der Anfälle verschwindet“, sagt Heydrich. „Er fühlte sich nicht mehr als Herr seiner Bewegungen.“ Die Epilepsie ging in diesem Fall vom frontalen Cortex aus, der von Singer als möglicher Sitz des Selbst verdächtigt wird.

Unser Gefühl fürs Selbst ist demnach eng mit der Analyse von Bewegungen verknüpft. Um uns zu versichern, dass wir existieren und dass wir der sind, der wir meinen zu sein, beobachten wir sorgfältig, ob die Handlungen unserer Körperteile auch die erwarteten Auswirkungen haben. „Wenn dieses Netzwerk ausfällt“, sagt Heydrich, „kann sich das anfühlen, als würde unsere Existenz verlöschen.“

Körpertäuschungen

Wie einfach es ist, einen Menschen dazu zu bringen, sich an einer ganz falschen Stelle im Raum zu vermuten, zeigt die Biologin Jane Aspell, Herrin über die „Black Box“ in Olaf Blankes Arbeitsgruppe in Lausanne. Die Box ist eine begehbare Kiste, schalldicht und mit dunklem Stoff ausgeschlagen. Dort drinnen berührt Aspell einen Probanden mit einem Stock am Rücken, während eine Kamera von hinten die Szene mitschneidet; der Versuchsteilnehmer verfolgt diesen Film auf einem Mini-Bildschirm, den er vor den Augen trägt. Er sieht sich dabei selbst von hinten, etwa einen Meter weit entfernt. „Die Sensoren in den Beinen sagen dann: Du stehst hier, aber die visuellen Aufzeichnungen widersprechen: Nein, dort vorne!“, berichtet Aspell. Und weil man die Berührungen, die man „dort vorne“ sieht, auch spüren kann, werden die mechanischen Signale schließlich überstimmt.

Die meisten von Aspells Probanden berichteten schon nach ein paarmal Antippen von dem Eindruck, sich außerhalb ihres Körpers zu befinden. Sollten sie im Dunkeln zurücktrippeln und dann wieder bis zu der Stelle vorgehen, an der sie sich ihrer Meinung nach gerade befunden hatten, liefen sie im Schnitt tatsächlich um zwanzig Zentimeter zu weit. „Das zeigt, dass sich ihr Körpergefühl nach vorne verlagert hat“, sagt Aspell.

Durch Untersuchungen an Epileptikern des fokalen Typs, bei denen die Bereiche des Gehirns, die den Anfall auslösen, eng umgrenzt sind, weiß man inzwischen, wo der Platzanweiser sitzt, der aus all den einlaufenden Sinnesinformationen die entscheidenden Koordinaten für die Position unseres Körpers herausfiltert. Die sogenannte temporo-parietale Hirnrinde, eine auffällig große Falte an der Schnittstelle von Scheitel- und Schläfenhirn, dient dabei als Sextant. Nimmt von hier aus ein epileptischer Anfall seinen Anfang, dann treten Verdopplungen der eigenen Person als projizierte Hilfskonstrukte in Erscheinung.

Dostojewskis Roman

Dass man diesen realistischen Trugbildern auch dann noch ausgeliefert ist, wenn man ihre surreale Natur oder sogar - wie in Aspells Blackbox - ihren trivialen Auslöser durchschaut, verrät, dass sie ein Produkt einer vormenschlichen, vorrationalen Evolution sein müssen. „Die Eigenwahrnehmung ist ein biologisch sehr altes, unbewusstes und autarkes Konstrukt, das ganz unabhängig vom jüngeren, reflektierenden Verstand existiert“, meint Blanke. Die Realität ist für diese Art von Wahrnehmungen eigentlich nicht relevant, jedenfalls kein notwendiger Bezugspunkt. Nicht die Begegnung mit unserem Doppelgänger wäre, so gesehen, das Erstaunliche, sondern unser alltägliches Gefühl für unseren Körper als sinnliche Einheit. Eine gut- gelungene und mit etwas Glück einigermaßen realitätskonforme Gaukelei.

Fjodor Dostojewski, Epileptiker und daher wohl einigermaßen vertraut mit rätselhaften Gegenübern, ließ sich von seinen Erfahrungen zu dem Roman „Der Doppelgänger“ inspirieren. Und er liebte den unsichtbaren Besuch, der sich bei ihm immer dann einstellte, wenn ein Anfall kurz bevorstand. „Er meinte, er würde alles dafür geben, diese Anwesenheit öfter zu spüren“, sagt Peter Brugger.

Stimmen von rechts

Wegen der besonderen Natur seiner unsichtbaren Begleiter ist dem Züricher Psychologen ein Patient besonders in Erinnerung geblieben, der eine bösartige Wucherung in seinem Sextantensystem hatte. Eigentlich war der 41 Jahre alte Mann, von Beruf Töpfer, zu ihm geschickt worden, weil er seine lebensgefährliche Erkrankung auffällig heiter nahm. „Meine Frau ist so schön, sie findet bestimmt schnell einen neuen Mann“, pflegte er zu sagen. Und dann neigte er den Kopf stets ein wenig nach rechts, als würde er einer unsichtbaren Stimme lauschen.

Im Gespräch ergab sich, dass es sich tatsächlich um fünf Stimmen handelte, eine ganze „Familie“, wie der Kranke sagte. Vater, Mutter und drei Kinder hatten eines Abends plötzlich während eines Schwindelanfalls an der rechten Körperseite des Mannes Platz genommen. Jeder Einzelne von ihnen war offenbar ein bislang verborgenes Puzzleteilchen seiner Persönlichkeit: „Es fühlt sich an, als würden wir dieselbe Seele teilen“, erklärte der Kranke. Mehrfach versuchte er, das Gesicht des vertrauten Fremden direkt neben ihm zu erspähen, aber genau wie die anderen weiter hinten ahmte der jede Bewegung nach, sah nach rechts, wenn der Töpfer nach rechts sah - und sein Gesicht blieb unsichtbar.

Je näher die Operation rückte, desto näher rückten auch die unsichtbaren Familienmitglieder an den Kranken heran. Schließlich begannen sie zu sprechen - von seiner schönen Frau und dem Leben nach dem Tod.

„Nach der Operation war der Mann wie verwandelt“, erzählt Brugger. Zusammen mit dem Tumor war nicht nur die Familie verschwunden, sondern auch die heitere Gelassenheit des Patienten. „Er wirkte irgendwie abgeflacht. Er zog sich zurück und ist einige Monate später ganz im Stillen gestorben.“

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