10.08.2009 · Im Internet sind seit kurzem alle zehn Figuren des berühmten Rorschach-Tests zu sehen. Darf man die überhaupt zeigen? Oder raubt man den Psychologen ein wichtiges Instrument?
Von Jörg AlbrechtRichtig glücklich war die Ehe der Ingrams nie gewesen. Sie hatten sich jung kennengelernt - er, ein 21-jähriger Computertechniker, und sie, eine 18-Jährige, die als Sekretärin bei einer Bank arbeitete. Beide hatten schon mehrere Affären hinter sich und setzten das auch fort, nachdem sie geheiratet hatten. Bald mussten sie feststellen, dass sie kaum gemeinsame Interessen besaßen. Über jede Kleinigkeit kam es zum Streit, irgendwann verprügelte der Ehemann seine Frau nach Strich und Faden. Da war sie im dritten Monat schwanger und erlitt eine Fehlgeburt. Noch am gleichen Tage zog sie zu ihren Eltern. Die Polizei wurde eingeschaltet, doch nachdem Mrs. Ingram die Anzeige zurückzog, einigte man sich darauf, einen Eheberater aufzusuchen.
Wie zu erwarten, zeigte sich Mr. Ingram zerknirscht. Er schwor Stein und Bein, sich zu bessern. Der Berater war nicht überzeugt. Und so wurde Mr. Ingram einem Rorschach-Test unterzogen. Wie Millionen Probanden vor ihm bekam er jene zehn Tafeln vorgelegt, die der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach 1921 in Druck gegeben hatte.
Gut für's Männermagazin
Es sind Kleckse, wie sie jedes Schulkind herstellen könnte. Doch unter Anhängern des Tests gelten die Rorschach-Muster bis heute als Reliquien. Wie sie jemand deutet, was er darin sieht - das erlaubt angeblich einen tiefen Einblick in sein ureigenstes Wesen. Anders ausgedrückt: Indem er seine Gefühle und Gedanken auf Objekte projiziert, für die es keine vorgeschriebene Sichtweise gibt, enthüllt er sein Innerstes, ohne dass ihm das im Geringsten bewusst wäre. Eine verführerische Vorstellung, nicht nur für Testpsychologen. Und eine weit verbreitete noch dazu: Eine Anzeige für ein deutsches Männermagazin wirbt gerade mit Klecksbildern, die angeblich von 98 Prozent aller Männer als nackte Frau und nicht als Frosch gedeutet würden.
Die zehn Originaltafeln, die bis heute unverändert nachgedruckt werden, sind jetzt auf der englischsprachigen Seite der Internet-Enzyklopädie Wikipedia veröffentlicht worden. Samt ihrer Standarddeutung, was die Rorschach-Gemeinde auf die Palme bringt. Denn wenn jeder Dahergelaufene weiß, was die meisten seiner Mitmenschen in den Klecksen sehen, könne man den Test auch gleich in die Tonne treten. Und sich die Ausbildung zum Rorschach-Experten schenken. In den Vereinigten Staaten ist das immerhin noch ein Markt; dort werden die Tafeln samt Erläuterung für 185 Dollar und Einführungskurse für knapp tausend Dollar angeboten.
Ein Beispiel
Was sah nun der ahnungslose Mr. Ingram in den Rorschach-Figuren? Auf Tafel I: "Eine Motte." Nach längerer Pause: "Könnte genauso gut auch was anderes sein. Okay, ein absterbendes Blatt. Da sind so Löcher drin."
Tafel II: "Sieht aus wie ein Käfer, der auf der Windschutzscheibe zerquetscht wurde. Überall verschmiertes Blut."
Tafel III: "Auch eine Art Käfer, teilweise verwest. Nicht die Sorte Käfer, die ich mir länger anschauen würde."
Tafel IV: "Sieht von der Seite aus wie ein verrotteter Baumstumpf, der sich im Wasser spiegelt."
Tafel V: "Eine Fledermaus."
Tafel VI: "Sieht irgenwie aus - als wenn Leute ein Tier töten und ihm das Fell abziehen."
Tafel VII: "Zwei Menschen, die sich anstarren und eine Feder am Kopf tragen."
Tafel VIII: "Ein Tier, das von dem Felsen da kommt und auf diesen Stumpf klettert."
Tafel IX: "Irgendeine Art Pflanze, eine pinkfarbene Blüte."
Tafel X: "Erinnert mich an Lungenflügel. Da sind Bakterien drin und Antikörper, die sie bekämpfen."
Über Phantasie, so viel erkennt auch der Laie, verfügte Mr. Ingram. Was aber sah der Fachmann in seinen Antworten? Hier wird es spezifisch, denn der Ruhm der Rorschach-Methode beruht bis heute darauf, spontane Assoziationen mit Hilfe bestimmter Algorithmen in quasi naturwissenschaftlich abgesicherte Urteile zu verwandeln.
Mr. Ingrams zerquetschte Käfer führten geradewegs in normative Abgründe. Satte acht Punkte ermittelte der Gutachter beispielsweise auf einer sogenannten "S-CON"-Skala - ein praktisch hundertprozentiges Indiz für ernste Selbstmordabsichten. Einen "Egozentrik-Index" von eins Komma null förderte der Test außerdem zutage, was es Mr. Ingram mehr oder weniger unmöglich machte, angemessen auf das Verhalten anderer zu reagieren. Außerdem gab es bedenkliche "MOR"-Werte. In Verbindung mit Gleichungen wie "2AB+Art+Ay=0" lag insgesamt die dringende Notwendigkeit nahe, Mr. Ingram umgehend in die nächstgelegene geschlossene psychiatrische Abteilung einzuweisen.
Zur Bewertung
Kann ein psychologischer Test derartige Schlüsse begründen? Im Falle Ingram wurde er immerhin nicht von einem Wald- und Wiesenpsychologen durchgeführt, sondern von Irving Weiner. Der Amerikaner ist ein einflussreicher Vertreter seines Faches, unter anderem Chefherausgeber eines zwölfbändigen Handbuchs der Psychologie. Weiners "Principles of Rorschach Interpretation", 2003 erschienen, führen noch tiefer in die Materie als Dutzende früherer Standardwerke, die seit Hermann Rorschachs "Psychodiagnostik" erschienen sind.
Und das will etwas heißen. Denn schon Rorschach wagte sich weit vor mit seinen Deutungen. Darin folgte er Sigmund Freud; was ihn aber unterschied vom Begründer der Psychoanalyse, war der Versuch, seine Beobachtungen zu quantifizieren. Zunächst einmal "signierte" er die Antworten des Probanden, das heißt, er hielt schriftlich fest, wie sie wohl gemeint waren. Dann ging es an die formale Bewertung: Wurde die Tafel als Ganzes gedeutet (G)? Oder nur ein Detail (D)? Es folgten die "Determinanten": Handelte es sich um eine Formdeutung (F), eine Bewegungsdeutung (B) oder war die Farbe entscheidend (Fb)? Wurden eher menschliche (M) oder tierische (T) Figuren gesehen? Wie häufig waren originelle Deutungen (Orig%)?
War diese Protokollarbeit geleistet, machte sich der Psychodiagnostiker ans Berechnen. Welcher "Erfassungstyp" (D-G) lag vor? Welcher "Erlebnistyp" (B:F)? Und schließlich: Wie stand es mit der "Sukzession"?
Der Siegeszug der Kleckse
Nachdem Rorschach den Kleckstest rund zweihundert Psychiatriepatienten vorgelegt hatte, war er überzeugt, ein System gefunden zu haben, mit dem sich das Wesen einer Person geradezu mathematisch beschreiben ließ. Hohe F-Werte verrieten demnach Intelligenz, aber auch Pedanterie. Lagen gar keine B-Deutungen vor, handelte es sich sehr wahrscheinlich um depressiv Verstimmte oder Debile. Hinter vergleichsweise wenigen Fb-Deutungen konnten sich Maniker, Labile oder Neurotische verbergen. Und so fort. Am Ende fällte Rorschach ein Gesamturteil: "Die Versuchsperson ist ein guter praktischer Arbeiter, stereotyp, aber strebsam." Oder: "Vielseitig begabt, sehr gründlich in allem, was ihn interessiert, aber unstet und leicht zu anderem überspringend."
Kurz nachdem er Werk veröffentlicht hatte, starb Hermann Rorschach im Alter von 37 Jahren an einer Bauchfellentzündung. Den weltweiten Siegeszug seiner Methode, der in den vierziger Jahren einsetzte, hat wohl nicht einmal er selbst ahnen können.
Der Kern des Ichs, dieses unfassbare Gebilde, schien auf einmal dingfest gemacht. Und das auch noch in Prozentsätzen und Zahlen. Rorschachs Schüler gingen alsbald daran, sein Formelwerk zu perfektionieren. Der Augsburger Analytiker Bruno Klopfer wurde nach seiner Emigration in den Vereinigten Staaten durch fulminante "Blinddiagnosen" berühmt, bei denen er allein aus den Aufzeichnungen der Rorschach-Tests weitaus intimere Patientenbeurteilungen ableitete, als sie die behandelnden Ärzte durch monatelange Gespräche gewonnen hatten. Der Ruf der Hellseherei begann die Rorschachianer zu umwehen.
Verdächtige Flachzangen
Die kamen tatsächlich zu immer erstaunlicheren Erkenntnissen. Der Psychiater Robert Lindner, der mit seiner Fallschilderung eines kriminellen Psychopathen ("Rebel Without A Cause") nebenbei einen Filmtitel inspirierte, entdeckte unter anderem, dass bestimmte Reaktionen auf Rorschach-Tafel IV ("verrottender Baumstumpf", "schwarzer Rauch") eindeutige Hinweise auf Suizidgedanken seien, während die bloße Erwähnung einer "Todesgestalt" Zeichen minder schwerer Depressionen sei und eine Elektroschocktherapie angeraten sein lasse. Chronische Masturbatoren würden einen kleinen blauen Fleck auf Tafel X häufig als "gezogenen Zahn" interpretieren; der Unwille, tiefer liegende Sexualprobleme anzugehen, zeige sich unmissverständlich, wenn der Proband auf Tafel II eine Flachzange orte.
Die amerikanische Rorschach-Euphorie fand ihren Weg zurück über den Atlantik nach Europa. Der dänisch-schweizerische Psychologe Ewald Bohm gründete seine eigene Schulrichtung. Sorgfältig ausgebildete Rorschach-Experten, so fand er, seien geradezu prädestiniert, "eine gesunde Mitte einzunehmen zwischen dem blutleeren Schreibtischgelehrten und dem einseitigen Nur-Praktiker, unter dessen Händen das edle Handwerk der psychologischen Untersuchung zur geistigen Routine erstarrt". Bohm, dessen 1948 begonnenes "Lehrbuch der Rorschach-Psychodiagnostik" zehn Auflagen in fünfzig Jahren erlebte, schmückte die Formelsprache der Testpsychologen noch erheblich aus.
Er ließ sich in seinem Rorschach-Glaube auch nicht erschüttern, als in den fünfziger Jahren erste Zweifel auftauchten. Pilotenanwärter der amerikanischen Armee schnitten im Kleckstest bei näherem Hinsehen nicht besser ab als gleichaltrige Psychiatriepatienten. Bei einer Blindstudie, an der zwölf der prominentesten Rorschach-Deuter teilnahmen, wurden ganz normale Probanden durchweg als mental gestört eingestuft, obwohl keiner von ihnen Anzeichen psychischer Probleme an den Tag legte. Lediglich bei der Diagnose einer Schizophrenie lagen die Gutachter bei einer anderen Studie wenigstens in der Hälfte der Fälle richtig. Der seinerseits wegen rassistischer Anwandlungen nicht unumstrittene Psychologe Arthur Jensen höhnte, der Fortschritt seines Faches lasse sich am ehesten an der Geschwindigkeit messen, mit der der Rorschach-Test endgültig von der Bildfläche verschwände.
Machen wir's komplizierter
Der Retter in der Not hieß John Ernest Exner. Der ehemalige Offizier ging das Problem der mangelnden Verlässlichkeit des Rorschach-Tests schon während seines Psychologiestudiums praktisch im Alleingang an. Seine Lösung bestand erst einmal darin, die Zahl der möglichen Additionen, Subtraktionen und Divisionen von Deutungsinhalten auf 180 zu erhöhen. Sein "Comprehensive System", 1974 erstmals vorgestellt, wurde in den kommenden zwei Jahrzehnten mit einer wahren Flut von Testdaten und Normtabellen unterfüttert, die eine eigens gegründete Rorschach Research Foundation in Tausenden von Befragungen zusammentrug. Anfang der achtziger Jahre hatte die Klecksmethode zumindestens in Amerika wieder so an Glaubwürdigkeit gewonnen, dass sie in Gerichtsgutachten zur Routine wurde.
In Deutschland findet sich heute keine Universität mehr, an der der Rorschach-Test systematisch gelehrt würde. "Auch in Strafverfahren ist er mir in den vergangenen zwanzig Jahren nicht mehr begegnet", sagt Klaus Dahle vom Institut für forensische Psychiatrie der Charité Berlin. Er hält die Methode für "ziemlich wacklig und nicht besonders valide".
Das ist noch ein mildes Urteil, verglichen mit dem, was die amerikanischen Psychologen James Wood, Howard Garb, Scott Lilienfeld und Teresa Nezworski herausgefunden haben. "What's wrong with Rorschach?" wollten sie wissen. Das Ergebnis ihrer Recherchen, vor sechs Jahren in Buchform vorgelegt, ist ein einziger Vernichtungsschlag.
Sekretierte Daten
Insbesondere an John Exners "Comprehensive System" lassen die Autoren kein gutes Haar. Seine umfangreichen statistischen Angaben seien nie in regulären Zeitschriften veröffentlicht worden, sie ließen sich auch sonst nicht überprüfen, weil er sich hartnäckig weigert, sie herauszugeben. "Diese Daten teilt man nicht so einfach mit anderen wie Kartoffelchips", sagt einer von Exners Mitstreitern, "sie sind eher wie Töchter, die man auch nicht einem Mann anvertrauen würde, der sie dann womöglich an andere Männer weiterreicht." Eine unter Wissenschaftlern kuriose Begründung.
Und was wurde nun aus Mr. Ingram? Drei Tage nach der Untersuchung, noch ehe sein Rorschach-Test nach allen Regeln der Kunst ausgewertet war, griff der Computertechniker zum Gewehr, klingelte an der Tür seiner Schwiegereltern und schoss erst seiner Frau ins Herz und sich anschließend in den Kopf. Woran man wieder sieht, dass selbst die fragwürdigste Methode nicht ausschließlich falsche Ergebnisse produziert.
Was die Mehrheit auf den Tafeln sieht:
Tafel I: Fledermaus, Schmetterling, Motte. Tafel II: Zwei menschliche Gestalten. Tafel III: Zwei menschliche Gestalten. Tafel IV: Tierfell, großes Tier. Tafel V: Fledermaus, Schmetterling, Motte. Tafel VI: Tierfell, Tierteppich. Tafel VII: Zwei menschliche Gesichter. Tafel VIII: violette Teile als Tiergestalten. Tafel IX: orangene Teile als menschliche Gestalten. Tafel X: blaue Teile als Krabbe, Hummer oder Spinne.
Jörg Albrecht Jahrgang 1954, verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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