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Psychische Krankheiten Da zappelt die Seele

In wessen Hände legen wir die psychischen Leiden? Von der Pharmaindustrie wird man wohl nicht allzuviel erwarten dürfen. Davon sind zumindest die Wissenschaftler überzeugt, die sich am vergangenen Wochenende in Heidelberg getroffen haben.

© DPA Vergrößern Burnout - das Leiden vieler junger Arbeitnehmer

Es ist eine der europäischen Hochburgen der Genforschung, die grandiose Architektur seines neuen Kommunikationszentrums ist spiralig gebaut wie die Doppelhelix-Struktur des Erbgutes - eine beeindruckendere Ikone des Genzeitalters ist kaum vorstellbar. Und dennoch hat das Europäische Molekularbiologische Labor (EMBL) in eben jenem Konferenzzentrum in Heidelberg zusammen mit der dahinter stehenden Organisation (EMBO) am Wochenende gewissermaßen eine konzertierte Aktion gegen die Umtriebe einer allzu selbstbewussten Genomforschung organisiert.

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Beunruhigende Zahlen

Austragungsort war die jährliche fächerübergreifende "Science-and-Society"-Konferenz. Diesmal ging es darum, einen tieferen Sinn hinter den Erkrankungen des Geistes zu suchen. Hintergrund: Jedes Jahr erkranken mehr als 38 Prozent der Menschen in Europa mindestens einmal an einer psychischen Störung, sei es an einer Depression, an Anststörungen, schweren Schlafstörungen oder Demenz. 674 Milliarden Gesundheitskosten jährlich in der Europäischen Union. Von der "Kernherausforderung des Jahrhunderts", sprach der Dresdner Epidemiologe Hans-Ulrich Wittchen, der diese beunruhigenden Zahlen aus einer der umfassendsten Erhebnungen jüngt vorgestellt und nun an einem der einflussreichsten Wirkungsorte der modernen Bioforschung zur Diskussion gestellt hat. Denn eine entscheidende Frage, die man sich aus nur teils demographisch erklärbaren Häufung psychiatrischer Diagnosen stellt, könnte ja lauten: Wird die moderne Biomedizin einen nennenswerten Beitrag leisten können, diese ungeheure seelische Krankheitslast - jährlich immerhin 165 Millionen Kranke in der EU - zu senken? Die Antwort in Heidelberg lautet, auf den Punkt gebracht: vorerst nicht.

Zappelnde Zebrafische

Die Gesundheitssysteme sollten zunächst also nicht auf Durchbrüche in der Molekularbiologie oder der Hirnforschung setzen. Das liegt nicht etwa an den Bemühungen der Naturwissenschaften, ganz im Gegenteil: Mit Andreas Meyer-Lindenberg vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und Simon Lovestone vom Kings College in London waren zwei Protagonisten einer Richtung aufgetreten, die an Schaltstellen der neuen neuropsychiatrischen Forschung sitzen. Aber schon bei Klaus-Peter Lesch von der Universität Würzburg, der sich bei der Entlarvung des "Zappelphillipp-Phänomen, dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), auf das Laprophilin-3-Gen auf Chromosom 7 als möglichen Auslöser konzentriert, wurde deutlich, woran das Gebiet krankt: Nicht nur an Daten und der nötigen Empirie, sondern vor allem auch an Glaubwürdigkeit. Steven Rose von der Open University in Großbritannien, ein Insider seit Jahrzehnten, sagte es unumwunden: "Es stimmt etwas nicht, wenn ich glauben soll, dass die Zebrafisch-Larve, die etwas aktiver in der Petrischale herumschwänzelt, ein geeignetes Tiermodell für Hyperaktivität sein soll."

Kläglicher Zustand

Ein anderes Beispiel: Für die Schizophrenie hat die Genforschung zwischen 14 und 650 unterschiedliche Mutationen als mögliche Kausalfaktoren ins Spiel gebracht. Die Konfusion hat also in Jahrzehnten eher zu- als abgenommen. Und noch ein Indiz, das als starker Hinweis für die Grenzen der Biomedizin interpretiert wurden: Viele Pharmakonzerne, darunter Forschungsriesen wie Pfizer und GSK, haben ihre Entwicklungsabteilungen für neuropsychiatrische Leiden dicht gemacht. Da konnte Luca Santarelli von Hoffmann-La-Roche noch so vehement für das eigene Engagement werben, was etwa das erwachte Interesse an Wirkstoffen gegen Entwicklungsstörungen wie Autosmus angeht - in Wahrheit herrscht in der Branche ein kläglicher Zustand, eine veritable Innovationskrise. Biomarker zur Früherkennung von Geistesstörungen - bestensfalls im Experimentalstadium; wirkungsvollere Medikamente? Fehlanzeige. Nur die Nebenwirkungen seien heute anders, so etwa bei den Antidepressiva. Und die Psychotherapie?

Die sei, so der Freiburger Psychotherapeut Mathias Berger, "allein betrachtet nicht besser als die Pharmabranche". In den 350 Psychotherapie-Schulen hierzulande würden genauso Daten versteckt und "mindestens 700 Millionen Euro jährlich für Behandlungen ausgegeben, die nie richtig evaluiert wurden". Es war am Ende ein düsteres, gelegentlich überzeichnetes Negativbild, das die Psychiatrieforschung in Heidelberg abgab. Für die Patienten blieb da nicht viel Licht, leider deutlich mehr Schatten.

"In der Psychotherapie werden genauso Daten versteckt wie in der Pharmabranche."

Quelle: F.A.Z.

 
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