23.12.2009 · Die Seele ist extrem verletzlich. Noch dazu werden viele der psychischen Leiden geächtet. Im Kampf gegen das Stigma wird leider viel falsch gemacht, meinen Experten, die auf dem Berliner Psychiatriekongress zu Wort kamen.
Von Martina Lenzen-SchulteAls wäre eine psychiatrische Erkrankung wie die Depression oder die Schizophrenie nicht schon Bürde genug, erschwert die Stigmatisierung solcher Erkrankungen die Lage der Patienten zusätzlich. Wie ein Schatten, der sich nie abschütteln lässt, hängt ihnen die Befürchtung und die reale Erfahrung an, dass die meisten Menschen psychisch Kranken abwertend gegenübertreten. Manche Experten schätzen, dass Stigmatisierung die Betroffenen so sehr beeinträchtigt, dass sie von einer zweiten Krankheit sprechen. Man ist sich deshalb darüber einig, dass Entstigmatisierung das Gebot der Stunde ist.
Allerdings wurde unlängst auf dem Berliner Psychiatriekongress klar, dass scheinbar plausible Antistigmastrategien zwar gut gemeint, aber nicht unbedingt hilfreich sind. Das gilt vor allem dann, wenn sie der besonderen Verfasstheit des Psychiatriepatienten und dessen Bedürfnissen zu wenig Beachtung schenken. Nicolas Rüsch von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Freiburg stellte überraschende Ergebnisse vor, die die landläufigen Annahmen zum Stigmaabbau durch Aufklärung über psychiatrische Erkrankungen regelrecht in Frage stellen. Das legen vor allem seine Beobachtungen zur Wirkung genetischer Krankheitsmodelle nahe. Kennzeichen der biologisch orientierten Psychiatrie war es nicht nur, immer detailreicher die molekularen und hirnstrukturellen Korrelate psychischer Erkrankungen darzustellen. Sie bot dem überzeugten Aufklärer auch die Basis, dem Kranken – und nicht zuletzt auch dessen Angehörigen – zu versichern, er habe „eine Erkrankung wie jeder andere auch“. Ein beliebter Vergleich lautete, wie dem Diabetiker das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse, so fehle dem Depressiven das Serotonin im Gehirn. Das geschah durchaus in der besten Absicht, es galt zu zeigen, dass man den Erkrankungen vorurteilsfrei begegnete.
Genetische Krankheitsmodelle
In gleicher Weise argumentiert man inzwischen mit genetischen Krankheitsmodellen. Auch sie scheinen auf den ersten Blick das Potential zu haben, den Betroffenen von jeder Schuld, persönlichem Versagen und Verantwortlichkeit für seine Erkrankung freizusprechen. Denn das genetische Risikoprofil bietet schließlich eine rationale Erklärung dafür, warum Menschen zu bestimmten Erkrankungen neigen, andere aber nicht. Einflussreiche Fürsprecher wie die amerikanische National Alliance on Mental Illness begrüßen solche Ansätze daher als Hilfe beim Abbau von Stigma.
Rüsch konnte indes anhand einer vergleichenden Studie zwischen 85 psychisch schwer Erkrankten – darunter solche, die an Depressionen, Schizophrenie oder Alkoholsucht litten – und 50 gesunden Kontrollpersonen zeigen, dass derartige Modelle mitunter kontraproduktiv wirken. Je eindeutiger die Kranken das genetische Modell bejahten, desto größer ihre Furcht vor anderen psychisch Kranken und desto stärker die Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, was ihre eigene Erkrankung betraf. Auch bei den Gesunden hatte diese Form der genetischen Ursachenzuschreibung zur Folge, dass sie sich stärker von Kranken distanzierten. Dies geschah, obwohl sie den Betroffenen weniger für ihre Erkrankung verantwortlich machten.
Das steht im Einklang mit Beobachtungen von Wissenschaftlern aus den Vereinigten Staaten, wonach ein Jahrzehnt der Aufklärung über genetische Ursachen psychiatrischer Erkrankungen keineswegs mehr Toleranz gegenüber den Betroffenen innerhalb der Bevölkerung hervorgebracht hat („Social Science & Medicine“, Bd. 67, S. 1370). Aufgrund solch neuer Erkenntnisse ist womöglich der immer wieder unternommene Versuch, Aufklärung und Antistigma-Arbeit auf genetische oder andere biologische Erklärungsmodelle zu stützen, wenig hilfreich. Zumindest sollte die Wirkung genauer als bisher untersucht und nicht schlicht als gegeben vorausgesetzt werden.
Abbau von Stigmatisierungen
Georg Schomerus von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Greifswald räumte mit der Vorstellung auf, es genüge, bei Antistigma-Kampagnen nur das Umfeld der Kranken im Blick zu haben. Zwar ist die Angst der Betroffenen vor Stigmatisierung durch andere Menschen bisher wissenschaftlich am besten untersucht. Das heißt indes nicht, dass die Kranken selbst, nur weil sie sich mit ihrem Leiden auskennen, gegen stigmatisierende Vorurteile gefeit sind. Schomerus nahm eine telefonische Umfrage in einer Stichprobe von 2303 Personen aus der Bevölkerung vor. Dabei wurden die Antworten von Personen, die als depressiv diagnostiziert wurden, mit denen von Personen ohne einschlägige Beschwerden verglichen.
Anders als erwartet, erwies sich die vorweggenommene Befürchtung, man könnte durch andere diskriminiert werden oder müsse vielleicht berufliche Nachteile in Kauf nehmen, nicht als das entscheidende Hemmnis, wenn es darum ging, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hingegen wirkte die eigene, innerlich ablehnende Haltung gegenüber Hilfesuchenden durchaus hinderlich. Das galt für die Kranken wie für die Gesunden gleichermaßen. Schomerus plädiert deshalb dafür, selbststigmatisierende Einstellungen stärker als bisher zu berücksichtigen, wenn es darum geht, am Stigmaabbau zu arbeiten.
Schließlich konnte Beate Schulze, die das „Zürcher Empowerment Programm“ am Forschungsbereich Klinische und Soziale Psychiatrie leitet, anhand ihrer jüngsten Erhebung zeigen, dass man nicht nur die innere Haltung der Kranken, sondern auch deren eigene Strategien zur Bewältigung von Stigma ernst nehmen sollte. Unter Fachleuten gelten zum Beispiel das Verschweigen der Erkrankung oder die Vermeidung problematischer Situationen generell als negative, wenig hilfreiche Ansätze zur Bewältigung von Stigma.
Gezieltes Abwägen
Eine Befragung von 95 psychisch Kranken zeichnet jedoch ein durchaus abweichendes Bild. Zwar versuchen die Betroffenen häufig, ihre Erkrankung zu verheimlichen, diskriminierende Anlässe zu vermeiden, und sie vertrauen längst nicht immer auf Aufklärung. Allerdings setzen sie diese Vorgehensweisen differenziert ein. Freunden, die ihnen etwas bedeuten, vertrauen sie sich an, bei anderen halten sie mit ihren Schwierigkeiten bewusst und, wie aus Schulzes Beobachtungen hervorgeht, durchaus erfolgreich hinter dem Berg. Überdies wägen sie gezielt ab: Je nach Ausmaß erlebter Abwertung entscheiden sie, ob es die stigmatisierende Situation wert ist, von sich aus etwas dagegen zu unternehmen.
Außerdem nehmen die Betroffenen auf ihren aktuellen Gesundheitszustand Rücksicht, je nachdem, wie stark sie sich fühlten, wählten sie eine andere Strategie. So sorgten sie dafür, dass die Stigmatisierung möglichst wenig ungünstige Auswirkungen auf ihre Lebensqualität und ihre sozialen Kontakte hatte. Schulze sieht deshalb psychisch Kranke nicht als passive und hilflose „Stigma-Empfänger“. Sie plädiert dafür, auf deren Bewältigungsstrategien aufzubauen, was natürlich auch mehr Vertrauen in die Kompetenzen der Betroffenen im Umgang mit ihrer Erkrankung voraussetzt.
Als Betroffener...
Ulf Hundeiker (KrankerPfleger)
- 23.12.2009, 17:59 Uhr
Nach dieser wunderbaren Selbstdarstellung der selbstverständlich
Torsten Klier (TorstenKlier)
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Tabuthema Psychiatrie!
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