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Präimplantationsdiagnostik Junge oder Mädchen?

02.08.2005 ·  Mittels Präimplantationsdiagnostik das Geschlecht des eigenen Kindes zu bestimmen, ist weit mehr als nur eine persönliche Wahl der Eltern. Es könnte zu Szenarien kommen, die wir bisher für Science fiction halten.

Von Martina Lenzen-Schulte
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Auf der Südhalbkugel der Erde ziehen marodierende Horden von Männern umher, ohne Frau und ohne Nachkommen. Auf der Nordhalbkugel verstecken Familien ihre Mädchen, damit sie nicht gekidnappt und für Unsummen feilgeboten werden, denn sie sind Mangelware auf dem von Frauen entvölkerten Erdball. So sieht es aus, "Das erste Jahrhundert nach Beatrice", ein Zukunftsthriller des libanesischen Schriftstellers Amin Maalouf. Es ist eine Welt, in der die "boy bean", benannt nach der magischen Skarabäusbohne, jeder Frau männlichen Nachwuchs garantiert.

Wird die Präimplantationsdiagnostik (PID) zu unserer boy bean? Dieses Verfahren ermöglicht es nämlich, nach künstlicher Befruchtung männliche und weibliche Embryonen zu identifizieren und so Kinder mit gewünschtem Geschlecht in den Mutterleib zurückzusetzen. Die falschen werden verworfen oder eingefroren. Die Präimplantationsdiagnostik ist hierbei verläßlicher als jede andere Methode.

Asien: Millionen Mädchen zuwenig

Die jüngste Stellungnahme des Wissenschaftsausschusses im britischen House of Commons macht sich über die weltweite Bedeutung der "sex selection", der Geschlechtswahl also, Gedanken. Obgleich man keine Gründe sieht, sie in England zu verbieten - schließlich gebe es hier keine Bevorzugung des männlichen Geschlechts -, so setze die Freigabe für Länder wie Indien oder China doch das falsche Signal. Neuere Schätzungen besagen, daß weltweit 90 bis 150 Millionen Frauen fehlen, überwiegend in Asien. In Indien gibt es unter den Ein- bis Vierzehnjährigen acht Millionen Mädchen zuwenig, in China fehlen in diesem Altersabschnitt rund zehn Millionen. Pro Jahr sollen in China eine Million weiblicher Föten abgetrieben werden, in Indien sei die Zahl noch deutlich höher. Es gibt dort reiche, den männlichen Nachwuchs bevorzugende Kasten, denen die Abtreibung aus religiösen Gründen untersagt ist, denen aber eine frühzeitige Geschlechtsselektion im Labor zupaß käme. Und auch die Armen sehen sich auf Plakaten beworben: Sie sollen lieber jetzt für die Verhinderung weiblicher Nachkommen zahlen als bei der Heirat den tausendfachen Betrag aufbringen.

Dennoch dürfe die misogyne Atmosphäre andernorts nicht der Grund sein, der Wahlfreiheit europäischer Eltern einen Riegel vorzuschieben, heißt es jetzt im Juliheft von "Reproductive Bio-Medicine Online". Angeregt von dem Parlamentsreport, eröffnet das Fachblatt erneut eine Debatte um die Geschlechtsselektion. Umfragen zeigen, daß man in Europa und Amerika keine Bevorzugung von männlichen Embryonen befürchten muß. In diesen Ländern geht es vielmehr um family balancing, ein Angleichen der Geschwisterreihe. Wer eine oder mehrere Töchter hat, soll sich endlich den Wunsch nach einem Sohn erfüllen dürfen - und umgekehrt. Der unerfüllte Wunsch nach Kindern eines bestimmten Geschlechts könne das Familienleben schwer belasten, eine enorme psychische Bürde bedeuten. Begründet wird das family balancing auch damit, daß sich die Eltern dann mehrere Kinder gleichen Geschlechts "sparen" könnten, wenn garantiert schon beim zweiten Kind die richtige Ergänzung zu verwirklichen wäre. Zweite oder dritte Geschwister, die das gleiche Geschlecht haben wie das erste, werden im Licht dieser Interpretation zu Fehlversuchen, die man gar nicht gewollt haben kann.

Ein-Kind-Familien unbalanciert?

Kritiker demontieren den Begriff des family balancing als Konstrukt, das keineswegs für sich in Anspruch nehmen dürfe, der als frauenfeindlich und patriarchalisch abgewerteten Bevorzugung von Söhnen überlegen zu sein. Die einen wollten Söhne als Stammhalter, die anderen eine gemischte Familienstruktur. Darüber hinaus würde man sämtliche Ein-Kind-Familien als unbalanciert abqualifizieren, heißt es in einer einschlägigen Analyse. Mark Sauer, Reproduktionsmediziner an der Columbia-Universität in New York, nennt das Verlangen nach einem bestimmten Geschlecht schlicht eine Pervertierung des ursprünglichen Ansinnens seiner Profession. Man sei angetreten, Paaren, die sich sehnlich ein Kind wünschen, zu helfen. Er frage stets, was denn geschehen solle, wenn das Kind nicht das gewünschte Geschlecht habe. Zum Teil bekennten die künftigen Eltern offen, dann würden sie abtreiben, und für ein solches Vorhaben sei er nicht zu haben.

Ein Fall dieser Art - ein gesundes Mädchen wurde abgetrieben, weil man sich bei der Präimplantationsdiagnose ausnahmsweise geirrt hatte - ist bei der Europäischen Gesellschaft für Reproduktion und Embryologie (ESHRE) dokumentiert. Pierre Ray vom Pariser Hospital Necker hat sich seinerzeit von einer solchen Vereinnahmung der PID distanziert und befürchtet, daß das überaus wichtige Verfahren dadurch diskreditiert werden könnte. Es wurde vor rund fünfzehn Jahren entwickelt, um Erbkrankheiten bereits am Embryo zu diagnostizieren, um für schwer belastete Eltern die Chancen auf ein gesundes Kind zu erhöhen. Dazu werden kurz nach der Befruchtung im Labor von den acht bis sechzehn Zellen des Embryos ein bis zwei Zellen herausgelöst und auf Genschäden untersucht.

PID-Zielsetzung verschiebt sich

Inzwischen hat sich die Zielsetzung der Präimplantationsdiagnostik verschoben. Sie dient in manchen Ländern auch dem Ausschluß eines Down-Syndroms im Rahmen der künstlichen Befruchtung von älteren Frauen oder der Selektion passender Embryonen, die als Knochenmarkspender für kranke Geschwisterkinder dienen. Die Analyse läßt aber auch erkennen, ob es sich um Mädchen oder Junge handelt. In den sechzig PID-Zentren, die ihre Fälle an die ESHRE melden, werden bereits knapp zehn Prozent der Diagnosen zur alleinigen Geschlechtswahl vorgenommen. Diese Paare sind weder unfruchtbar noch durch Erbkrankheiten belastet.

In den Vereinigten Staaten besteht keinerlei Beschränkung bei der Anwendung dieser Diagnostik. Dort wird das Verfahren offen zum Zweck der Geschlechtswahl beworben. In den meisten europäischen Ländern ist es nur zu medizinischen Zwecken zugelassen, die Auswahl des Geschlechts im Embryonenstadium ist explizit oder implizit verboten. In Deutschland berät man seit langem, ob und unter welchen Bedingungen PID gesetzlich gestattet werden soll. Australien, stets ein Hort freizügiger Reproduktionspolitik, hat sich vor kurzem entschlossen, die sex selection aus nichtmedizinischen Gründen zu unterbinden, ebenso Neuseeland. Ob das eine Reaktion auf die stets wachsenden Bedürfnisse künftiger Eltern darstellt, ist schwer zu sagen. Umfragen lassen jedenfalls erkennen, daß es nicht beim family balancing bleiben wird. In den Vereinigten Staaten wollen gleich viele Befragte bereits beim ersten Kind wählen und nicht erst dann, wenn sie bisher nur Jungen oder nur Mädchen in der Familie haben.

Ist Geschlechtswahl eine Gefahr?

Als weiteres Ergebnis zeigte sich, daß der Wunsch nach der Wahl des Geschlechts um so stärker zutage trat, je schlechter die Schulbildung der Befragten war. Dieses Ergebnis bestätigt auch eine Umfrage der Universität Leipzig für Deutschland. Dort fand man außerdem heraus, daß Personen mit geringer Schulbildung auch eher den Einsatz der Präimplantationsdiagnostik zur Intelligenzsteigerung der Kinder befürworten, was von mangelnden Kenntnissen über die Grenzen dieses Verfahrens zeugt.

Befürworter der freien Geschlechtswahl machen geltend, ein Vorhaben dürfe im liberalen Gemeinwesen nur dann untersagt werden, wenn davon eine Gefährdung anderer ausgehe. Genau dies ist aber bei der Präimplantationsdiagnostik nicht auszuschließen. Die europäischen Richtlinien der ESHRE verpflichten den Arzt, die Paare über die gesundheitlichen Risiken für das Kind aufzuklären. Jede PID setzt eine künstliche Befruchtung voraus. Diese geht mit einer höheren Mißbildungsrate als nach natürlicher Zeugung einher, die ungleich häufigeren Mehrlingsschwangerschaften bedeuten zudem, daß die Kinder oft zu früh geboren werden und mitunter Lähmungen wegen Hirnblutungen davontragen. Es besteht der Verdacht, daß in der Petrischale genetische Schäden, wie sie beim Angelmann-Syndrom und beim Beckwith-Wiedemann-Syndrom vorkommen, begünstigt werden. Außerdem vermuten einige eine erhöhte Krebsneigung bei Retortenkindern. Erst in diesem Frühjahr gab Peter Braude vom Londoner King's College zu bedenken, daß wir über die gesundheitlichen Langzeitrisiken der Präimplantationsdiagnostik viel zuwenig Bescheid wüßten. Er verlangte, daß alle beteiligten Einrichtungen die Entwicklung der Kinder genau beobachten sollten. Es gebe zudem Bestrebungen, ein europäisches PID-Register zu schaffen. Dem stehe jedoch die Weigerung der meisten Eltern entgegen, die nicht weiter behelligt werden möchten, damit das Kind nicht von den Umständen, unter denen es ausgewählt wurde, erfährt.

Schutzwürdige Interessen der Kinder

Daß die schutzwürdigen Interessen der Kinder so wenig Berücksichtigung fänden, sei eine der Hauptschwächen jener Forderung nach völliger Wahlfreiheit für die Eltern, argumentiert Thomas Murray in dem Hastings Center Report "Wozu sind Familien da?" In welche Widersprüche man sich hierbei verstrickt, zeigt das Beispiel Homosexualität. Eltern sollten - wenn dies technisch möglich sein sollte - die sexuelle Orientierung ihrer Kinder festlegen dürfen, um eine Veranlagung zur Homosexualität auszuschließen. Timothy Murphy von der Universität Chicago begründet seine Auffassung zweifach. Zum einen gelte es, möglichen Schaden von den Kindern abzuwenden. Wenn Eltern Homosexualität völlig ablehnten, könne es dieses Kind nicht gut haben, da sei es besser, es schon als Embryo zu verwerfen. Zum anderen wollten Eltern das Beste für ihre Kinder, und daher sei es zu verstehen, wenn sie ihnen soziale Nachteile ersparen wollten, selbst wenn sie als Eltern die Neigung ihres Kindes akzeptierten.

Es kommt vor, daß Timothy Murphy zu der gleichen Sitzung eingeladen ist, auf der die Psychologin Susan Golombok von der City University in London den Reproduktionsmedizinern erklärt, daß es für Retortenkinder keinerlei Nachteile bedeute, von homosexuellen Eltern großgezogen zu werden. Folglich müßten homosexuellen Paaren die Verfahren der künstlichen Befruchtung ebenso offenstehen wie heterosexuellen. Argumentiert wird mithin stets zugunsten des Elternwunsches: Wollen sie kein homosexuelles Kind, so gilt Homosexualität als Stigma, wollen Homosexuelle ein Kind, so hat es keine Nachteile zu fürchten. Amerikanischen Reproduktionsmedizinern wurde die folgende Frage vorgelegt: Ein Mann, der sich wegen sexueller Belästigung von Kindern in psychiatrischer Behandlung befindet, erhält Medikamente, die seine Aggressivität kontrollieren sollen. Er möchte mit seiner derzeitigen Partnerin ein Kind mittels künstlicher Befruchtung und Samenspende zeugen. Würden sie ihm helfen? Etwa jeder siebte der befragten Ärzte würde dies tun - unter Berufung auf die Rechte seiner Patienten, der Eltern.

Quelle: F.A.Z., 02.08.2005, Nr. 177 / Seite 31
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