09.06.2004 · Pilze an den Wänden hat niemand gern. In Amerika allerdings ruft das regelrechte Hysterie hervor. Dabei weiß niemand, wie ungesund der Befall wirklich ist.
Von Julia GroßVor diesem ungebetenen Gast schützt nicht einmal Prominenz. Brad Pitt und Jennifer Aniston zum Beispiel hatten ihn bereits - in der Garage ihres 15-Millionen-Dollar-Anwesens. Und Bianca Jagger, Ex-Frau von Mick Jagger, verklagte ihren New Yorker Vermieter deswegen auf 20 Millionen Dollar Schadenersatz.
Die Rede ist von toxic mold. Zu deutsch: Giftschimmel. Erzfeind des Hausbesitzers, Albtraum aller Mieter, Goldgrube für Hersteller obskurer Sporen-Detektoren und geschäftstüchtige Rechtsanwälte. In den Vereinigten Staaten ist die Angst vorm Pilzbefall fast schon zur nationalen Obsession geworden. Toxic mold soll für Asthma, Dauermüdigkeit, Gedächtnisverlust und unzählige andere Leiden bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen verantwortlich sein.
Angst vor Asbest, Erdbeben und Schimmel
Ein 64seitiges, engbedrucktes Papier, das man in Kalifornien gleichzeitig mit dem Mietvertrag unterschreiben muß, nennt den Schimmel in einem Atemzug mit möglichen Gefahren durch Erdbeben oder Asbest. Wegen toxic mold werden Schulen geschlossen, boykottieren Mitarbeiter ihre Büros, verlassen Familien fluchtartig ihr Zuhause. Schon der Anblick jener Männer in Schutzanzügen, die zur Schimmelbekämpfung beim Nachbarn anrücken, reicht aus, den amerikanischen Vorortfrieden nachhaltig zu erschüttern. Rund 10000 Gerichtsverfahren seien wegen Haus-Schimmels anhängig, teilt die Alliance of American Insurers mit. 2002 sollen Versicherungen Schäden in Höhe von drei Milliarden Dollar beglichen haben. Seit die Texanerin Melinda Ballard 2001 in erster Instanz 32 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen bekam, wurde in den meisten Bundesstaaten das Risiko "mold" aus Versicherungsverträgen ausgeschlossen.
Dunkle Spuren an der Wand kommen überall auf der Welt vor, wo es feucht wird. Auch in Deutschland werden Prozesse geführt. Aber nirgends treibt das Phänomen so bunte Blüten wie in den Vereinigten Staaten. Gedeihen die Schimmelpilze in der Neuen Welt einfach besser? Die Erklärung ist gar nicht so abwegig. Tatsächlich ist das Klima dort häufig wärmer und feuchter - gerade so, wie es Schimmelpilze mögen. Klimaanlagen, in denen sich die Organismen mit Vorliebe einnisten, gehören vielerorts zur Standardausstattung. Dazu kommt die amerikanische Angewohnheit, Häuser und Wohnungen möglichst flächendeckend mit langflorigen Teppichen auszulegen. Ganz zu schweigen vom vorherrschenden Baumaterial Holz, das dem ziegelsteinverwöhnten Europäer meist schlampig verarbeitet vorkommt. Alles Faktoren, die die Ansiedlung von Schimmelpilzen zumindest begünstigen.
Gute Isolierung schafft Probleme
"Außerdem wird gerade in den letzten Jahren beim Hausbau mehr Wert auf gute Isolierung gelegt. Mit der Folge, daß man Feuchtigkeit, wenn sie einmal da ist, schwer wieder los wird", sagt Tom Volk, Biologie-Professor an der Universität von Wisconsin-La Crosse. "Ich glaube allerdings, daß diese ganze Hysterie vor allem durch die Medien ausgelöst wird."
Tatsächlich kann Volk sich nicht daran erinnern, viel zum Thema Schimmelpilze in der Zeitung gelesen zu haben, bevor es zum "Cleveland-Baby-Skandal" kam. Zwischen Januar 1993 und November 1994 beobachteten Ärzte in einem Krankenhaus in Cleveland ungewöhnlich viele Fälle von Kleinkindern, die an unerklärlichen Blutungen in der Lunge litten. Eine Untersuchung der nationalen Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control ergab, daß die Säuglinge alle aus Bezirken stammten, in denen es zuvor Überschwemmungen gegeben hatte. Bei der Mehrheit von ihnen war zu Hause ein Wasserschaden aufgetreten. Das ließ die Ärzte einen Zusammenhang mit den Blutungen vermuten.
„Sick building syndrome“
Als Bösewicht war schnell Stachybotrys chartarum ausgemacht. Der grau-schwarze, schleimige Stachybotrys kann in der Tat Giftstoffe, sogenannte Mycotoxine produzieren. Seit den dreißiger Jahren ist bekannt, daß diese bei Tieren nach Verzehr zu Vergiftungserscheinungen führen können. Unter anderem zählen Blutungen zu den Symptomen einer Stachybotrytoxikose.
Der Zusammenhang zwischen den kranken Kindern und Stachybotrys schien also glasklar. Auch bei Untersuchungen späterer Fälle. Fortan tauchte das Thema immer wieder in den Medien auf. Die Toxine von Stachybotrys chartarum sollten bald generell am "sick building"-Syndrom, dem Überbegriff für rätselhafte Leiden von Büroangestellten, schuld sein.
Studien angeblich unbrauchbar
Doch dann zogen die Centers for Disease Control vor vier Jahren die Cleveland-Untersuchung samt den daraus gezogenen Schlußfolgerungen zurück. "Es gab einige Probleme mit dieser Studie", sagt Duncan Kuhn von der Case Western Reserve Universityin Cleveland. "Das fing schon damit an, daß die Vergleichsgruppe der gesunden Säuglinge sich von der der kranken Babys in vielen Punkten signifikant unterschied." Andere Säuglinge oder Familienmitglieder entwickelten keine Symptome, obwohl sie sich in ebenso belasteten Räumen aufhielten. Die Fragenkataloge für Eltern und Ärzte hatten alternative Ursachen - wie beispielsweise Pestizidrückstände - von vornherein ausgeschlossen.
"Im Grunde sind fast alle Studien, die eine Verbindung zwischen Stachybotrys und Erkrankungen beim Menschen aufzeigen wollen, methodisch fehlerhaft und damit unbrauchbar", sagt Kuhn. Und je länger man die Literatur wälzt, desto deutlicher wird: Was beim Aufeinandertreffen von Hausschimmel und Menschen wirklich passiert, weiß niemand so genau.
Existenz von Pilzen allein noch keine Gefahr
Da ist zum Beispiel die Tatsache, daß sich "der Schimmel" in feuchten Wohnungen aus mehr als fünfzig verschiedenen Pilzarten zusammensetzt. Ob nur bestimmte davon für die beobachteten Symptome verantwortlich sind, ist unbekannt. Hinzu kommt, daß in befallenen Häusern oft auch die Belastung durch Bakterien oder Staubmilben besonders hoch ist - ebenfalls mögliche Verursacher typischer Symptome. Der vermeintlich so giftige Stachybotrys wurde dagegen in verschiedenen Untersuchungen in weniger als zwölf Prozent aller befallenen Häuser nachgewiesen.
Die bloße Existenz der Pilze bedeutet ohnehin noch lange nicht, daß der Mensch groß mit ihnen in Kontakt kommt. Wie viele Pilzsporen überhaupt in der Luft schweben, hängt von unzähligen Faktoren ab: von der Größe der Sporen, von ihrer Verteilung etwa durch das Aufwirbeln bei der Benutzung eines Staubsaugers. Selbst wenn die Zahl und Zusammensetzung der Sporen in der Luft zuverlässig bestimmbar wäre, ist damit nicht gesagt, ob und wie viele davon eingeatmet werden. Oder wie tief sie dabei in die Lungen gelangen. Und was sie dort bewirken.
Allergische Reaktionen verbreitet
Eine direkte Pilz-Infektion kommt selten vor, sie wird fast ausschließlich bei extrem Immungeschwächten, zum Beispiel bei Aids- oder Krebspatienten, beobachtet. Wesentlich verbreiteter sind allergische Reaktionen. Nach Auskunft des Experten-Verbandes American College of Occupational and Environmental Medicine entwickeln etwa zehn Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens Antikörper gegen Schimmelpilze. Allerdings zeigt nur die Hälfte von ihnen auch die klinischen Symptome einer Allergie.
Vollends rätselhaft ist die Rolle der Mycotoxine. Man kennt mehr als 350 Schimmelpilzarten, die mehr als 400 verschiedene Toxine produzieren. "Allerdings können wir kaum vorhersagen, wann die Pilze damit anfangen", sagt Tom Volk.
Aufnahme mit der Nahrung
In den meisten Fällen, in denen Menschen in der Vergangenheit durch Mycotoxine erkrankten, hatten sie diese wohl mit der Nahrung aufgenommen. Prominentes Beispiel hierfür ist das Mutterkorn, eine Pilzerkrankung des Roggens. Der Verzehr von mutterkornverseuchtem Getreide kann zum Absterben von Gliedmaßen, zu Halluzinationen und sogar zum Tod führen. Die von Stachybotrys produzierten Toxine gehören dagegen zur Klasse der Trichothecene. Diese organischen Verbindungen behindern die Proteinbiosynthese. Das könnte unzählige Folgen haben, nur: Keine einzige wurde jemals zweifelsfrei nachgewiesen. "Das Problem ist, daß Tierversuche unter Laborbedingungen einfach nicht geeignet sind, um die Auswirkungen von Schimmelpilzen auf die menschliche Gesundheit zu untersuchen", sagt Volk. "Man kann quasi nur abwarten, ob irgendwem etwas passiert, und dann weiter nachforschen."
Wie die Vergangenheit gezeigt hat, funktioniert das nur, wenn man sich auf eine sinnvolle Untersuchungsmethode verständigen würde. Die Männer im Mondanzug werden in den Vereinigten Staaten wohl bis auf weiteres nicht arbeitslos werden.