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Neurowissenschaft & Kunst (2) Die Doppeläugigkeit der Bildbetrachtung

06.10.2008 ·  Der Kunsthistoriker Peter Geimer hat unlängst einige Versuche der Engführung von Neurowissenschaft und Kunstgeschichte einer harschen Kritik unterzogen. Eine Replik von Karl Clausberg.

Von Karl Clausberg
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An dieser Stelle hat am 25. September der Kunsthistoriker Peter Geimer Thesen zum derzeitigen Verhältnis von Neurowissenschaften und Kunstgeschichte formuliert. Anhand von abschreckenden Beispielen plädierte er für eine fortgesetzte "Kultur der Differenz", denn die wechselseitige Erhellung scheitere an den Unterschieden der Fragestellungen beider Disziplinen. Die kulturwissenschaftliche Mehrwertbildung durch neuronale Befunde sei nicht nachvollziehbar. Die Nachahmung des neurowissenschaftlichen Jargons durch Kunsthistoriker sei eine Modeerscheinung.

In Geimers Kritik hat auch eine der jüngsten Wissenschaftslegenden eine tragende Rolle gespielt, ohne dass er sie selber kritisch ins Visier nähme: Spiegelneuronen. Doch gerade ein schärferer Blick auf diese epidemischen Wunschgebilde entblößt die Schwächen vorschneller Schlussfolgerungen.

Lotzes Erweiterungsgefühle

Im neunzehnten Jahrhundert wurde die menschliche Fähigkeit zur Einfühlung mit einer Theorie gekrönt, nach längeren sinnesphysiologischen Forschungen. Hermann Lotze zum Beispiel, der philosophierende Göttinger Mediziner, hatte Reichweite und Eigenarten menschlicher Gefühlsausdehnungen in seinem "Mikrokosmus" 1858 so beschrieben: Überall, wo der Leib fremde Körper berühre, verlängere sich Bewusstsein unserer persönlichen Existenz bis in diese fremden Körper hinein, und es entstünden Gefühle sowohl der Ich-Vergrößerung als auch von fremdartigen Bewegungsmöglichkeiten.

Solche Erweiterungsgefühle hatte Lotze bei Kindern beobachtet, die sich im Spiel Schwänze anhefteten. Sie spürten die Berührung mit dem Boden; und wenn der Schwanz durch die Luft schwinge, seine Bewegungen bis in die Spitze. Nur dank solch doppelter Berührungsgefühle, einer wohltätigen Sinnestäuschung, sei der Gebrauch von Werkzeugen möglich. So entstehe auch der Schein, als sei die Seele unmittelbar in jedem Sinnesorgan und in jedem Punkte des Körpers zugegen, von dem sie gerade Eindrücke empfange. Und dank dieser von der Natur sorgsam bereiteten Illusion, so Lotze, sei es auch möglich, die "Fühlfäden des Geistes" noch weiter zu entsenden: "keine Gestalt ist so spröde, in welche hinein nicht unsere Phantasie sich mitlebend zu versetzen wüsste".

Die Karriere der „Spiegelneuronen“

Die neuronalen Grundlagen derart phantastischen Versetzungsvermögens sind erst seit gut einem Jahrzehnt in Ansätzen bekannt. Sie haben unter der Bezeichnung "Spiegelneuronen" reichlich Furore gemacht. Anfang der neunziger Jahre hatte eine italienische Forschergruppe um Giacomo Rizzolatti entdeckt, dass bei Makaken bestimmte Neuronen nicht nur bei eigenen Bewegungen Aktivität zeigten, sondern auch, wenn ähnliche Bewegungen bei anderen beobachtet wurden. Zur prägnanten Charakterisierung dieser aufsehenerregenden Befunde, die auch bei Menschen bestätigt wurden, lag die Spiegelmetapher nahe. Die wirksame Wortwahl beflügelte die Forschungsergebnisse; bald war von Paradigmenwechsel die Rede. Vilayanur Ramachandran, eine der neurologischen Koryphäen, zeigte sich überzeugt, dass Spiegelneuronen für die Psychologie bewirken würden, was die Entdeckung der DNA-Struktur für die Biologie getan habe. Ein Jahrzehnt später, in einer Rezension zu Rizzolattis Buch "Mirrors in the Brain", schlug er leisere Töne an. Man müssse abwarten, ob sie sich als derart bedeutsam erweisen würden.

Im vergangenen Juli nun erschien in "Nature" ein Aufsatz der kalifornischen Neurowissenschaftler Antonio Damasio und Kaspar Meyer. Unter dem Titel "Hinter dem Spiegel" nahmen sie die neuen Schoßkinder transdisziplinärer Spekulation aufs Korn. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war der bekannte Sachverhalt, dass Wahrnehmungen im Hirn nicht nach dem Einbahnstraßenprinzip verarbeitet werden. Jeder Sinnesdateneingang löst Gegenverkehr aus. Ankommende Reize werden mit bereits vorliegenden Mustern verglichen und kombiniert. Dafür gebe es offenbar spezielle Konvergenz-Divergenz-Zonen (CDZs). Diese neuralen Ensembles würden Signale von verschiedenen Orten sammeln und zurücksenden. Wenn mehrere Signale zugleich eingingen, würden die CDZs abstrakte Sammeleinträge erstellen: Erinnerungsprotokolle.

Neurone als Puppenspieler

Solche Buchführungszonen gebe es auf verschiedenen Hirnebenen: als lokale Ensembles, die sensorische Eingänge bearbeiteten; und als nichtlokale höhere Dienststellen im Großhirn, welche die Vorarbeit der unteren Instanzen fortsetzten. Fazit: Die an solchen Prozessen beteiligten Neuronen hätten wenig mit Spiegeln gemein, so Damasio und Meyer; sie glichen eher Puppenspielern, die an den Schnüren diverser Erinnerungen zögen. Diese weitreichenden Aktivitäten aber würden erst im Rahmen größerer Hirnarchitekturen verständlich, die mit Einzeluntersuchungen kaum zu erfassen seien.

Damit wandten sich die beiden Autoren gegen das weitverbreitete Missverständnis, dass Spiegelneuronen selbst als gleichsam biomechanische Aufnahmeapparate die interne Simulation wahrgenommener Außenweltmuster übernehmen. Sie würden vielmehr weitverzweigte Zugriffe auf bereits gebahnte, individuell erlernte, eingeprägte Erinnerungsmuster organisieren - also auf das, was schon der Neuropionier Carl Wernicke in seiner bahnbrechenden Studie über den aphasischen Symptomenkomplex 1874 als manchmal gestörten Konvolut verschalteter "Hirnbilder" von Hörvorstellungen, Sprechbewegungen, Schriftbildern analysiert hat. Wenn also unsere Hirne auf alle möglichen, uns lebenslang persönlich eingeprägten Bilder zurückgreifen, können wir dann noch eine scharfe Grenze ziehen zwischen nur lebensweltlich trivialen Orientierungswahrnehmungen und höheren Kultur- und Kunstprodukten, die angeblich allein einer wirklichen Theorie der Kunst und Ästheti würdig sind?

Kultur der Differenzen

Sind also Versuche, neuronale oder kunsthistorische Aspekte in die jeweils anderen Forschungsfelder zu integrieren, von vornherein zum Scheitern verurteilt? Geimer kommt zu dem Ergebnis, dass bislang allenfalls platte geisteswissenschaftliche Mimikry der Neurowissenschaften oder krude Vereinfachungen ästhetischer Fragen auf der anderen Seite zu konstatieren sind. Zu Unrecht, wie ich meine. Seine süffisante Kritik an den auffälligsten Wortführern auf beiden Seiten mag durchaus berechtigt sein. Aber deshalb generell die weitere Aufrechterhaltung einer "Kultur der Differenzen", also im Grunde Trennung der Disziplinen zu empfehlen leuchtet nicht ein. Denn damit würden wesentliche Chancen vertan, neue Einsichten in die Bilderwelten unserer Gehirne und ihrer kulturellen Fabrikate zu gewinnen.

Um nur ein konkretes Beispiel anzuführen, was solche Fächerkombination erbringen kann: Die Gemälde René Magrittes haben Kunsthistoriker und Philosophen nach allen geläufigen Regeln ihrer Disziplinen zergliedert und intellektuell nobilitiert. Nur die grundlegenden Strukturen seiner Doppelbilder sind bislang weitgehend unbeachtet geblieben: pseudostereoskopische Überblendungen, wie sie etwa im Gemälde "Les jours gigantesques" von 1928 zum androgynen Kampf zweier Silhouetten gesteigert erscheinen. Des Rätsels Lösung: Der "Wettstreit der Netzhäute oder Sehfelder"' - offenbar Magrittes heimliche Inspirationsquelle - war einer der großen Streitpunkte der sinnesphysiologischen Optik des neunzehnten Jahrhunderts.

Erklärungen dieses merkwürdigen Zusammenspiels der Doppeläugigkeit konnte man jedoch damals nicht finden, sie wurden erst mit moderner Neurowissenschaft möglich. Nur in enger wechselseitiger Ergänzung von Kunst- und Neurowissenschaften also lässt sich das Mysterium der Magritteschen Bilderfindungen lüften. Das Spektrum neuronaler Kunstzugänge umfasst mehr als nur die populäre Legende von den Spiegelneuronen. Kunstgeschichte wird auch zur Wissenschaftsgeschichte, wenn sie den Werdegang neurophysiologischer Leitbilder untersucht.

Karl Clausberg lehrte bis zu seiner Emeritierung Kunst- und Bildwissenschaften an der Universität Lüneburg. Sein jüngstes Buch „Zwischen den Sternen: Lichtbildarchive. Was Einstein und Uexküll, Benjamin und das Kino der Astronomie des 19. Jahrhunderts verdanken“, erschien 2006.

Quelle: F.A.Z.
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