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Neue Zelltherapien Stammzellen auf der Schnellstraße?

 ·  Im Labor gelingen mit Stammzellen schon aufregende Heilungsversuche. Sind die neuen Therapien damit schon klinikreif? Manche Forscher meinen ja, andere warnen.

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Einmal mehr ist die Stammzellforschung an einem kritischen Punkt angekommen. Und die Frage lautet wieder: Wer wagt es? Anders allerdings als vor Jahren, als es um fundamentale bioethische Fragen ging und darum, ob die sich unbegrenzt selbst erneuernden und wandelbaren Stammzellen, die man aus hundert Zellen großen Blastocysten aus der In-vitro-Befruchtung gewonnen hatte, als Rohmaterial für die Gewebe- und Organersatzforschung geopfert werden dürften, ist man mittlerweile bei der Frage angekommen: Wen wollen wir zuerst versuchsweise behandeln mit den neuen hochpotenten Zellen?

Auf breiter Front drängt die Stammzellforschung nach teils spektakulären Testergebnissen in den Tierexperimenten mit immer neuen Zelltypen in die Klinik. Der Wettbewerbsdruck ist enorm gewachsen. Vor allem, seitdem es vor fünf Jahren dem Japaner Shniya Yamanaka gelungen war, aus gewöhnlichen Hautzellen durch minimale Veränderungen im Genom Stammzellen mit embryonalen Eigenschaften herzustellen - sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) - und diese Technik auch noch in kürzester Zeit enorm vereinfacht werden konnte, herrscht in den Laboren weltweit Aufbruchstimmung. Die Veröffentlichungen über neue Reprogrammierungs- und Transplantationserfolge bei Tieren jagen sich förmlich. Allen Beteiligten scheint, so lassen sich die Begleitkommentare deuten, eines klar: Eine Bruchlandung in den Tests mit Patienten, Todesopfer womöglich oder bösartige Entartungen wie bei den ersten großen Gentherapieversuchen könnte das Vertrauen nachhaltig beeinträchtigen.

Andererseits - was sagt man verzweifelten Patienten, die von den Stammzelltherapien erwarten, was ihnen keine konventionelle Behandlung je möglich machen könnte? Taube Menschen etwa, die ihr Gehör wegen einer zerstörten Nervenverbindung vom Innenohr zum Gehirn verloren haben. In der Zeitschrift „Nature“ (doi:10:1038/nature11415) berichtete die britische Gruppe um Marcelo Rivolta von der University of Sheffield über ihre erfolgreichen Experimente mit nahezu tauben Wüstenrennmäusen: Gut einem Dutzend der Tiere, deren Hörnerv mit einer Chemikalie gezielt zerstört worden war, hat nach der Transplantation von Stammzellpräparaten wieder deutlich besser hören können. Um knapp 46 Prozent verbesserte sich die Hörleistung im Mittel.

Den Tieren waren ins Innenohr Zellen eingepflanzt worden, die aus menschlichen embryonalen Stammzellen erzeugt worden. Durch Zugabe zweier Fibroblasten-Wachstumsfaktoren - FGF3 und FGF10 - haben sich die Stammzellen in der Petrischale zu zwei unterschiedlichen Vorläuferzellen weiterentwickelt: solche von epithelartigen Haarzellen, die im Innenohr die Sinneszellen bilden, sowie Nervenzellvorläufer, die peripher davon die Nervenleitbahnen zum Gehirn bilden. Letztere nutzen die Forscher für die Transplantation. Schon nach zehn Wochen war die gestörte Nervenleitung vom Innenohr ins Gehirn zumindest teilweise wieder hergestellt. „Zusammen mit einem Cochlea-Implantat könnten unsere Zellen eine Zelltherapie für taube Menschen anbieten, für die es bisher keine Behandlungsmöglichkeit gibt“, schreiben die Wissenschaftler am Ende ihrer Veröffentlichung - wohl wissend, dass messbare Effekte zwar vielversprechend sind, damit aber längst noch nicht alle Fragen geklärt wurden, die vor klinischen Tests, beantwortet sein müssen; und seien es kleine Patientenstudien zur Abklärung der Sicherheit eines Präparats. Die implantierten Zellen bildeten Nervenzellknoten, Reizweiterleitungen wurden eindeutig registriert. Doch müsste man schon auch wissen, welchen Differenzierungsgrad sie erreicht und welche andere Nischen sie möglicherweise eingenommen haben im Innenohr, um etwa mögliche Nebenwirkungen oder die Lebensdauer der neuen Nerven einschätzen zu können.

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