11.07.2004 · Von Christian Schwägerl
Politiker geben ständig Antworten. Daß sie aber selbst Fragen stellen, ist, zumindest in der Öffentlichkeit, seltener der Fall. Das hat einen einfachen Grund: Politiker sorgen sich, daß sie, beim Fragen ertappt, Unwissenheit oder gar Unsicherheit preisgeben könnten. Je höher ein Politiker in der Hierarchie klettert, desto mehr werden Antworten und nichts als Antworten von ihm erwartet. Wie würde ein Publikum auf einen Bundeskanzler reagieren, der zwanzig Fragen formuliert, die ihn bewegen, ohne gleich wenigstens ein paar Antworten mitzuliefern?
Angela Merkel ist nicht Bundeskanzler, doch als Oppositionsführerin und mögliche Kanzlerkandidatin ausreichend exponiert, um demselben Mechanismus unterworfen zu sein. Es ist daher beachtlich, daß Merkel in diesen Wochen das Fragen und Lernen ganz bewußt in ihren Terminkalender eingearbeitet hat. Ihre Motivation: Die Welt sei, gerade auf den Feldern Wissenschaft, Technologie und Innovation, enorm kompliziert geworden. Politiker, die sich nicht trauten, Fragen zu stellen, und seien es solche, die Experten als simpel erscheinen mögen, seien zu ungenauen Analysen und zu Fehlern im Handeln verurteilt.
Zu Besuch im Labor eines Stammzellforschers
Und so kommt es, daß Angela Merkel am frühen Mittwoch abend mit einigen Abgeordneten im Schlepptau in Münster den Stammzellforscher Hans Schöler besuchte. Diesem Forscher und seinen Mitarbeitern ist im vergangenen Jahr eine biologische Revolution gelungen. Sie haben als weltweit erste aus embryonalen Stammzellen der Maus weibliche Eizellen, also die Keimzellen des Lebens, gezüchtet, sowie jungferngezeugte Mäuseembryonen. Selbst die raffiniertesten Experten der Stammzellforschung hatten das vorher für unmöglich gehalten. Schölers Arbeit verdient die Bezeichnung "Durchbruch" und verstärkt Hoffnungen von Millionen Menschen, daß sich aus Stammzellen eines Tages Ersatzgewebe für viele schlimme Krankheiten züchten läßt. Das führt allerdings zugleich auf das politisch umkämpfte Feld der Embryonenforschung und des Klonens. In die gezüchteten Eizellen, erklärte Schöler, könne man in Zukunft das Erbgut von Patienten einführen und so genetisch identisches Ersatzgewebe gewinnen. "Therapeutisches Klonen" wird das genannt. Schöler schwebt aber vor, den Prozeß ethisch zu entschärfen. Er wolle die Zucht so gestalten, daß dabei Ersatzgewebe entstünde, aber kein entwicklungsfähiger Klonembryo als Vorstufe.
Aus dem Begleittroß kamen nach dieser Einführung sogleich Fragen mit bioethischer Zielrichtung, doch Merkel wollte bei dem Besuch nicht die ethischen Probleme in den Vordergrund stellen, sondern verstehen, was genau der Forscher wissenschaftlich gemacht hat und was er nach seiner Rückkehr von der University of Pennsylvania nach Deutschland an das Münsteraner Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin nun vorhat. "Wir freuen uns sehr, daß Professor Schöler nach Deutschland zurückgekommen ist", sagte Merkel freundlich. "Die Entstehung von Leben haben wir uns bisher aber anders vorgestellt, als Sie dies nun machen", fügte sie trocken hinzu.
Anerkennung des Fachmanns für Merkels Fragen
Dann stellte Merkel Fragen über Fragen - zunächst solche, die Biologen als eher simpel bezeichnen würden, und später solche, über die selbst Schöler staunte. "Auf diese Frage hat mich erst letzte Woche eine berühmte Stammzellforscherin gestoßen - und nun Sie", sagte der Spitzenforscher verblüfft, und es klang nicht nach einem billigen Kompliment. Merkel rief in Erinnerung, daß sie vor ihrem politischen Leben als Physikerin gearbeitet und promoviert habe. Die Unterschiede zur Biologie empfand sie als beeindruckend. Während Physiker an einzelnen Atomen herumrätselten, würden Biologen beherzt ganze Gene zerschnippeln und neu zusammensetzen: "Sie fangen da an, wo ich als Physikerin schon ein halbes Leben hätte forschen müssen", sagte sie.
Bei aller Begeisterung über die grün leuchtenden Mäuse-Eizellen, die es später unter dem Mikroskop zu sehen gab, geriet trotzdem nicht in Vergessenheit, daß Schölers Forschung ins Herz der Kontroverse um die Embryonenforschung stößt. Schöler legte ausführlich die Methoden dar, mit denen sich aus seiner Sicht embryonales Ersatzgewebe gewinnen läßt, ohne dabei lebensfähige Embryonen zu töten. Merkel fragte nach den unterschiedlichen Kulturmedien in den Petrischalen, nach Untersuchungstechniken, die Schöler gern hätte, aber noch nicht hat.
„Wir müssen es verstehen“
Die Lernende gab zu erkennen, daß sie entschieden gegen therapeutisches Klonen sei, doch ebenso entschieden dagegen, auf neue Forschung, die noch kaum jemand verstehe, sofort mit neuen Gesetzen zu reagieren. "Wir müssen das auf uns wirken lassen", sagte sie, "wir müssen es verstehen und dann in Ruhe überlegen." Beruhigend wirkte da, daß Schöler in diesem Bereich nur an Mäusezellen forscht. Zudem hat er sich freiwillig verpflichtet, den Bioethik-Beirat der Unionsfraktion im Bundestag, dem er angehört, über seine Forschung fortlaufend zu informieren und seine Empfehlungen zu respektieren.
Merkel auf Lerntour: Vergangene Woche hat sie sich über Pharmaforschung aufklären lassen, für die Feier ihres 50. Geburtstags hat sie den Frankfurter Gehirnforscher Singer zum Vortrag über "Selbstorganisation komplexer Systeme" gebeten. Als Hans Schöler von Nanotechnologen erzählte, die bei der Zucht von Ersatzgeweben helfen könnten, sagte sie: "Da weiß ich ja, wen ich als nächstes besuche." Nach dem Treffen sagte Schöler, an Merkel habe ihm besonders imponiert, daß sie nachgefragt habe, wenn sie etwas nicht verstanden habe.