01.02.2006 · Bei Ureinwohnern am Amazonas finden Forscher die biologische Grundausrüstung zur Geometrie.
Von Joachim Müller-JungMathematik entsteht zuerst im Kopf, davon mußte man weder Plato, Poincare noch Kant überzeugen. Doch die Frage, wieviel von dem, was da an Ideen und Konzepten im Kopf des Menschen entsteht, tatsächlich das Produkt intensiver Schulung und damit "kultureller Erwerb" oder wieviel davon von der Natur gewissermaßen gegeben ist - in der Architektur und Funktionsweise des Gehirns bereits angelegt -, ließ auch diese großen Vordenker ratlos zurück. So berichtete etwa Plato von Sokrates' Bemühen vor knapp zweieinhalbtausend Jahren, die mathematische Intuition eines ungebildeten griechischen Sklaven zu testen.
Wurzeln der Mathematik
Inzwischen versuchen die Wissenschaftler ähnlich wie die Linguisten hinsichtlich der "angeborenen Grammatik" mit den unterschiedlichsten Herangehensweisen eine Antwort auf die Frage nach den Wurzeln der Mathematik zu finden - angefangen von den Prüfungen der numerischen Fähigkeiten von Affen bis hin zu arithmetischen Grundübungen bei Kleinkindern. Eine Gruppe französischer und amerikanischer Hirnforscher und Psychologen glaubt nun mit einem der sokratischen Methode nicht unähnlichen Verfahren zumindest hinsichtlich der Geometrie ein Stück weitergekommen zu sein. Wenn sich bestätigen läßt, was sie bei zwei Tests an Ureinwohnern des Amazonasgebietes herausgefunden haben, dann dürfte zumindest ein Kern an geometrischem Wissen auch dort angelegt sein, wo die Sprache dafür weder Wörter noch idealisierte Vorstellungen besitzt ("Science", Bd. 311, S. 381).
Die Munduruku sind eine kleine indigene Gruppe, die verstreut in entlegenen Regionen entlang des Chururu-Flusses lebt. Bei ihnen gibt es weder Schulen noch Lehrer. Landkarten oder Kompaß kennen die Indianer nicht, graphische Symbole gibt es ganz wenige, und geläufige geometrische Figuren wie Kreis oder Dreieck gebrauchen sie in ihrer Sprache nur als Metaphern, die die idealisierte Form allenfalls näherungsweise beschreiben. In einem ersten Test sollten Munduruku-Kinder und Erwachsene Figuren und Grundkonzepte wie Linien, Kreise, Trapeze, Parallelität oder Symmetrie erkennen. Ihnen wurde jeweils ein Bild mit sechs solcher Figuren gezeigt, wobei je eine von den anderen fünf abwich. Dieses unpassende Teilbild sollten sie identifizieren. Tatsächlich bewältigten zwei Drittel der Erwachsenen und Kinder, ja selbst sechsjährige Indianer, diese Aufgabe. Damit schnitten sie ähnlich gut ab wie amerikanische Kleinkinder, die man in separaten Tests mit denselben Aufgaben konfrontiert hatte. Lediglich erwachsene Amerikaner waren noch deutlich erfolgreicher.
Komplexe Aufgaben
Schwierigkeiten bereiteten den Indianern dagegen einige komplexere Aufgaben, die ein Umdenken, ein Transformieren der Figuren erfordern. So etwa das Erkennen von Spiegelsymmetrie oder die korrekte Erfassung gleicher Entfernungen von unterschiedlichen Figuren. Doch die gedankliche Übertragung geometrischer Figuren überfordert die Munduruku keineswegs immer. In einem zweiten Test wurde ihre Fähigkeit geprüft, eine Zeichnung als Karte zu nutzen, auf der drei Container in unterschiedlicher Anordnung und Entfernung zueinander als Dreieck dargestellt waren. In einem der Container verbarg sich ein Objekt, das die Indianer mit Hilfe der in der Zeichnung gelieferten Informationen im Gelände ausfindig machen sollten. Tatsächlich schafften das rund 71 Prozent der Indianer - Kinder wie Erwachsene annähernd gleich gut. Selbst das Drehen der Zeichnungen bewirkte nicht, daß sie sich plötzlich nicht mehr an den Karten zu orientieren vermochten.
Da die Munduruku bei ihren Flußfahrten letztlich weder Karten nutzen noch andere bekannte Navigationshilfen, schließen die Wissenschaftler daraus, daß die Nutzung metrischer Informationen sowie das Erkennen geometrischer Bilder und Konzepte "ein universaler Bestandteil des menschlichen Gehirns" ist. Zu klären sei noch, inwieweit diese biologische Grundausrüstung zur Geometrie - was zur "Vermessung der Erde" bedeutet - auch bei anderen Tierarten als dem Menschen verbreitet ist.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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