21.04.2009 · Könnte das von Verbraucherministerin Aigner angeordnete Genmaisverbot am Ende sogar etwas bewegen? Für den 20. Mai hat ihre prominenteste Kritikerin, Forschungsministerin Schavan, zum "Runden Tisch" nach Berlin eingeladen.
Von Joachim Müller-JungWelche Chancen darf man nun nach dem Frontalangriff von Verbraucherministerin Ilse Aigner auf die wissenschaftlichen Autoritäten des Landes dem neuen, für den 20. Mai anberaumten "Runden Tisch" zur Gentechnik einräumen, zu dem gestern Forschungsministerin Annette Schavan "alle Akteure" - Forscher, Kirchen, Landwirte, Aktivisten, Firmen - nach Berlin eingeladen hat? Für den Biologen-Verband "Vbio" ist es der einzig sinnvolle Ausweg aus der Misere. Und wenn man die teils schon verzweifelt klingenden Protestnoten aus der Allianz der Wissenschaftsorganisationen, aus der Industrie und zuletzt die appellativen Unterschriftenlisten internationaler Wissenschaftler von Stanford bis Adelaide betrachtet, die etwa Vivian Moses vom Londoner University College organisiert hat, dann scheint eine stets so modern und innovativ daher kommende Regierung gar nicht mehr anders zu können, als nach dem Genmaisverbot eine solche Krisenrunde zu organisieren.
Klar ist: Hätte die Verbraucherministerin die "allein fachliche Begründung" ihrer Entscheidung nicht wie eine Monstranz vor sich her getragen, der Aufschrei wäre sicher halb so laut ausgefallen. Was sich aber in dem schriftlichen Bescheid des zuständigen Bundesamtes (http://tinyurl.com/cr8qso) nun wie eine lupenreine Beweisführung für die Gefährlichkeit des Genmaises liest, ist in Wirklichkeit nichts als eine Auflistung von vielen alten - und ganz wenigen neueren - Einzelbefunden aus teils umstrittenen Experimenten, deren Interpretation sie nun offenbar nicht aus dem Munde der dafür kompetenten Leute etwa in der deutschen Sicherheitsforschung hören wollte. Stattdessen hat die Ministerin, die offensichtlich den populistischen Vorsatz ihres Vorgängers und Parteivorsitzenden Seehofer zu erfüllen bereit ist, unter dem Vorwand "Vorsorgeprinzip" die Karte des absoluten Naturschutzes gezogen und aus einer wackeligen Befundlage eine Beweiskette zugunsten des Zweipunktmarienkäfers und der Köcherfliegenlarve konstruieren lassen. Daraus ist dann eine Art Umweltnothilfeerlass geworden.
Politische Umdeutung des Sachstandes
Die fachliche Umdeutung der Befunde freilich hätte nicht nur ihr als Agrarministerin seltsam vorkommen müssen. Zumal, wenn der gleiche Wirkstoff wie im Mon810, das Bt-Toxin, im Ökoanbau frei genutzt und noch ganz andere zugelassene Insektizide versprüht werden dürfen, deren weniger selektives Insektentötungspotential längst widerstandslos hingenommen wird. So jedenfalls war das politisch zu deutende Umkippen in der Bewertung für die Forschung nicht mehr zu tolerieren. Auch die Tatsache, dass einige andere Regierungen ihre Verbote auf ebenso wackelige Beine gestellt haben, genügt kaum, die Sachverhalte auf den Kopf zu stellen.
Die Folgen sind erheblich. Aus dem schwesterparteilichen Zwist um den Modernisierungswillen einer Regierung könnte sich ein Richtungsstreit entwickeln. Werden am Ende Umfrageergebnisse der Maßstab bleiben und die Technik weiter verteufelt, dürfte man den wenigen Gentechnikkonzernen wie Monsanto, die sich um kleine widerspenstige Einzelstaaten kaum scheren, die Monopolisierung ihres Geschäftes weiter bahnen. Wo jeder neue Ansatz für Ideen und Diversifizierung im Keim erstickt wird, darf es nicht wundern, wenn die Abhängigkeiten von Großkonzernen wächst.
Pipeline mit 110 weiten Sorten
In einigen Jahren könnten viele der heute schon mehr als 110 transgenen Züchtungen, die in der Pipeline der Züchter und Behörden registriert sind, die Hürde der Zulassungn nehmen. Und die Attraktivität der Technik bei Landwirten - nicht unbedingt hierzulande - steigern. Wenn man dann noch sieht, dass in den Laboren längst nicht mehr nur Einzelgene wie im Bt-Mais Mon810, sondern ganze Netzwerke von Genen in den Zellen verankert werden, um etwa auf Verwüstung oder Versalzung sortentechnisch schneller reagieren zu können, dann erscheint ein Runder Tisch zur Aufklärung über moderne Pflanzenzüchtung sogar äußerst sinnvoll. Der Verdacht allerdings, dass es in dem Kreis am Ende lediglich um Akzeptanzbeschaffung geht, scheint ebenso unausweichlich. Und am Ende kann es in dem unbestreitbaren Zwang zum Fortschritt ja auch nicht mehr um die allenfalls idealistisch zu nennende Grundsatzfrage gehen, sondern um die Kontrolle und Sicherheit jeder einzelnen transgenen Sorte. Die aber sollte man den Fachleuten überlassen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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