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Musikalität Der Fluch des Kammertons

Wer ein absolutes Gehör besitzt, gilt als musikalisches Genie. Ob diese Gabe erlernbar oder vererbt ist, darüber streiten die Experten. Fest steht: Sie bringt nicht nur Vorteile mit sich. Und einen Selbsttest finden Sie hier auch.

"Das Hupen des Citroën mit seiner scheußlichen Sekund auf Gis und G, furchtbar", sagt Diemut Köhler und verzerrt das Gesicht. "Als Kind habe ich im Urlaub den Autoverkehr in Rom genossen, da hupen sie immer in E-Dur, das ist so ein angenehmer Sound, nicht diese Dissonanzen", jetzt lächelt sie wieder. Die Dozentin an der Musikhochschule München kann jeden Ton exakt benennen, der erklingt, wenn ein Geigensolo einsetzt oder zwei Weingläser zusammenstoßen.

Die 45-Jährige besitzt das absolute Gehör und damit im Prinzip die Eintrittskarte zum Olymp der musikalischen Genies: Mozart, Tschaikowsky, Frank Sinatra oder Jimi Hendrix sollen diese Gabe gehabt haben. Auch Solo-Cellist Yo-Yo Ma, der für die musikalische Untermalung bei Barack Obamas Inauguration sorgte, besitzt sie. Eine rare Fähigkeit: In den Vereinigten Staaten und in Europa kann das nur eine Person unter 10 000 von sich behaupten. In Musikerkreisen sind es deutlich mehr, bei den Münchner Philharmonikern beispielsweise zehn Prozent.

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Absolut und relativ

Alle anderen hören nicht absolut, sondern relativ. Das heißt, sie müssen erst einen Referenzton vorgespielt bekommen, zum Beispiel auf dem Klavier, um einen Ton richtig einordnen zu können. Die Absoluthörer haben es einfacher: "Es ist wie mit Farben. Weiß oder Grün, das sieht man einfach, wenn man nicht farbenblind ist", beschreibt es Diemut Köhler. Berufsmusiker profitieren davon, sie können Stücke viel schneller auswendig spielen als ihre Kollegen. Ein Chorleiter mit dem absoluten Gehör merkt sofort, wenn die Sänger zu hoch trällern, ein Violinist kann seine Geige ohne Hilfsmittel stimmen.

Das mag Vorteile haben. Aber weshalb entwickelt sich überhaupt ein absolutes Gehör? Diana Deutsch, Psychologieprofessorin an der University of California in San Diego und selbst Absoluthörerin, ist davon überzeugt, dass diese besondere Fähigkeit in Zusammenhang mit dem Spracherwerb steht. Und zwar vor allem in Asien. Dort wird unter anderem Mandarin, Vietnamesisch, Kantonesisch oder Japanisch gesprochen - alles Sprachen, bei denen die Tonhöhe darüber entscheidet, was ein Wort bei gleicher Schreibweise bedeutet. So kann in Tokio das Wort "Hashi" entweder Essstäbchen, Brücke oder Kante bedeuten, je nachdem, welche Silbe hoch und welche tief gesprochen wird.

Ein Vergleich: Peking und New York

Die Sprachforscherin Deutsch vermutet nun, dass ein Kind, das mit einer tonalen Sprache aufwächst, eher ein absolutes Gehör ausbildet: "Weil es das einfach braucht, um seine Muttersprache zu erlernen." Wer mit Englisch oder Deutsch aufwächst, beides keine tonalen Sprachen, besitzt es seltener.

Anfangs überzeugte diese Theorie weder Kollegen noch potentielle Geldgeber für Studien. Diana Deutsch versuchte, das Shanghai Konservatorium und Musikhochschulen in den Vereinigten Staaten für ihre Forschung zu begeistern. Die Chinesen sagten erst einmal: "Alle wissen doch, dass jeder gute Musiker ein absolutes Gehör hat." Und die Amerikaner prophezeiten, dass sie niemals genügend Versuchsteilnehmer mit absolutem Gehör finden würde, um zu sinnvollen Ergebnissen zu kommen. Doch Diana Deutsch blieb hartnäckig. 2006 konnte sie erste Resultate vorlegen.

Zunächst verglich die Psychologin die Fähigkeiten von Studenten des Musikkonservatoriums in Peking, die alle Mandarin sprachen, mit denen von Studenten der Musikhochschule Eastman in New York. Tatsächlich waren die chinesischen Musiker überlegen: Das absolute Gehör zeigte sich bei ihnen neunmal häufiger. Hatten sie die Gabe vielleicht geerbt?

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