Home
http://www.faz.net/-gx5-15j75
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mumien-Analyse Tutanchamuns Eltern waren Geschwister

17.02.2010 ·  Das Rätselraten um Abkunft und Tod des berühmten Kindkönigs könnte ein Ende haben. Der jugendliche Pharao soll an einer tödlichen Malariainfektion gestorben sein, die seinen durch eine Knochenkrankheit geschwächten Körper dahinraffte.

Von Joachim Müller-Jung
Artikel Bilder (3) Video Lesermeinungen (2)

Es ist das berühmteste Gesicht des alten Ägyptens, und um seinen frühen Tod rankten sich seit der Entdeckung des mit Schätzen angehäuften Pharaonengrabes im Tal der Könige vor 88 Jahren die wildesten Gerüchte - Sturz vom Pferd, Sepsis, Embolie, erschlagen, vergiftet. Nichts von alledem war es wohl, das Tutanchamun im zarten Alter von 19 Jahren - im neunten Jahr seiner Regentschaft - das Leben kostete.

Der Kindkönig wurde vermutlich Opfer einer tödlichen Malariainfektion, die seinen von einer seltenen Knochenkrankheit geschwächten Körper dahinraffte. Darauf deuten jedenfalls die Ergebnisse der bisher umfangreichsten Laboranalysen der Mumie hin.

Ende der Verschwörungstheorien

Zahi Hawass, Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung in Kairo, war Leiter einer Forschergruppe, die zwei Jahre lang reihenweise genetische, radiologische und anthropologische Analysen an insgesamt sechzehn Mumien vorgenommen hat. Er ist sich sicher: Mit den neuen Befunden könnten nicht nur die Verschwörungstheorien um den Auslöser für Tutanchamuns Tod ad acta gelegt werden, endlich seien auch viele lange ungeklärte Fragen seiner Verwandtschaft zu beantworten.

Tutanchamun starb 1324 vor Christi Geburt, irgendwann zwischen Dezember und März. Im Frühling wurde er nach dem siebzigtägigen Einbalsamierungsritual beerdigt.

Unter den nun analysierten sechzehn Mumien waren fünf, die in die Frühphase der 18. Dynastie des Neuen Königreichs gezählt wurden und elf weitere, die wie Tutanchamun selbst in Königsräbern gefunden worden waren und unmittelbar vor oder noch in der derselben Zeit wie Tutanchamun gelebt haben sollen. Jede dieser elf Herrscherfiguren, so vermutete man, könnten mit dem charismatischen Jugendherrscher verwandt gewesen sein. Von einigen aber hatte man nur die Fundstelle und eine Identifikationsziffer, ihre verwandtschaftlichen Beziehungen ließen sich allenfalls erahnen.

Vater und Mutter genetisch identifiziert

Das galt auch für die Mumie KV35YL. Sie ist, wie die DNA-Analysen der zwei jeweils zwei bis vier Gewebeproben ergeben haben, höchstwahrschenilich die Mutter von Tutanchamun. Auch dessen Vater war nun mit hoher Wahrscheinlichkeit zu identifizieren. Es war wohl wie schon früher vielfach gemutmaßt Echnaton, der nicht nur einige auffällige Körpermale und die Blutgruppe mit Tutanchamun teilt, sondern auch den genetischen Fingerabdruck.

Mumienforscher Albert Zink von der Europäischen Akademie Bozen (EURAC), der gemeinsam mit deutschen und italienischen Forschern die Mumien von Mitgliedern der Königsfamilie untersuchte, geht sogar noch weiter: Seiner Ansicht nach waren die Eltern des altägyptischen Pharaos Tutanchamun Geschwister. Diese Inzest-Beziehung könnte der Grund für mehrere Missbildungen des legendären Kindkönigs sein, und damit seinen frühen Tod mitverursacht haben, sagte Zink.

Auch was die Familien- und Krankengeschichte Tutanchamuns angeht, haben die Forscher jetzt einige Neuigkeiten zutage gefördert. So berichten sie in der aktuellen Ausgabe des Medizinjournals „Jama“, dem offiziellen Organ der amerikanischen Medizingesellschaft, über die molekulare Suche nach bestimmten Chromosomen- oder Erbleiden wie etwa das Marfan-Syndrom oder das Turner-Syndrom. Sie hätten zumindest theoretisch zu den zarten, fast weiblichen Gesichtszügen Tutanchamuns geführt haben.

Keine Verweiblichung des Pharaos

Nichts dergleichen ließ sich nachweisen. Wohl eher, so die Wissenschaftler, handele es sich um die künstlerische Darstellung, wie sie für die Herrscher dieser Zeit nicht untypisch gewesen sein sollen. Unter der Maske allerdings offenbarte sich den Forschern ein eher morbides Bild Tutanchamuns: In seinem Körpergewebe wurden die genetischen Marker mehrerer Erreger gefunden, darunter zahlreiche des Malaria-tropica-Parasiten Plasmodium falciparum. Die Blutparasiten gehörten schon zu jener Zeit zu den bedrohlichsten Malaria-Varianten. Tutanchamuns Knochen dürften, als das Malaria-Fieber ihn schwächte, längst unter der zwar schweren, aber selten allein tödlichen Köhler-Krankheit geschwächt gewesen sein. Das Leiden beginnt meist schon im zarten Alter zwischen sechs und neun Jahren und führt im Laufe der Jahre dazu, dass das Skelett immer weniger mit Blut versorgt wird. Die Folge ist eine fatale Schwächung des Knochengerüsts.

Ein Beinbruch, der schon vor Jahren mit computertomographischen Aufnahmen der Mumie Tutanchamuns nachgewiesen worden war, dürfte von einem Sturz des kranken Pharaos herrühren.

Gestützt werden diese Thesen eines frühmorbiden Herrschers nach Ansicht der Ägyptologen durch weitere Beigaben im Pharaonengrab. Stöcke, die man in der Königskammer gefunden hatte, dürfte Tutanchamuns zu Lebzeiten zum Abstützen seines schon stark geschwächten Körpers genutzt haben.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel