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Mineralwässer Wie wenig an hormonellen Substanzen ist zu viel?

10.04.2009 ·  Sind hormonell wirkende Stoffe im Mineralwasser und in der Umwelt unvermeidlich oder doch ein Skandal? Besteht Handlungsbedarf? Hinter den Schlagzeilen steckt ein Dilemma.

Von Ulrich Schaper
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Die Berichterstattung über hormonelle Belastung von Mineralwässern hat in den vergangenen Wochen bei vielen Verbrauchern eine latente Unsicherheit geschaffen. Handelsüblichen Mineralwässern wurde die Qualität von Klärabwässern bescheinigt, von der Kontamination mit Sexualhormonen war die Rede. Die anfängliche Aufregung ist der sachlichen Analyse gewichen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat in einer Stellungnahme die Gefährdung durch die hormonelle Belastung relativiert und beurteilt die Qualität von Mineralwässern als nach wie vor unbedenklich. Gibt es demnach gar keine potentielle Gefährdung?

Hormone sind nicht sichtbar, man kann sie weder riechen noch schmecken. Im menschlichen Körper übernehmen sie aber lebenswichtige Aufgaben. Von endokrinen Drüsen produziert, wandern die Botenstoffe über die Blutbahn zu verschiedenen Zellen, wo sie an entsprechende Rezeptoren andocken und eine Vielzahl von Prozessen anstoßen. Wachstum, Stoffwechsel und Immunsystem werden durch sie ebenso gesteuert wie die Sexualentwicklung und das psychische Verhalten. Seit vielen Jahren weiß man, dass es natürliche und synthetische Substanzen in der Umwelt gibt, die ebenfalls hormonähnliche Wirkung entfalten, deren Funktion übernehmen, unterbinden oder stören können.

Mehr Fragen als Antworten

Allgemein spricht man bei diesen Stoffen von hormonell aktiven Substanzen oder auch endokrinen Disruptoren. Wenn auch in geringen Konzentrationen erreichen diese Stoffe auf unterschiedlichen Pfaden den Körper, unter anderem über die Nahrungsaufnahme, Hautkontakt oder Atmung. Die Diskussion um die Wirksamkeit solcher Substanzen und die sich daraus ergebende Gefährdung für die Gesundheit und Entwicklung von Mensch und Tier werden derzeit kontrovers diskutiert. "Einige ökotoxikologische Analysen geben erste Hinweise darauf, dass diese hormonell aktiven Substanzen auch beim Menschen endokrine Störungen hervorrufen", bestätigt Josef Köhrle, Endokrinologe der Berliner Charité.

Das kürzlich zum Teil heftige Medienecho erfolgte auf eine jüngst von Forschern der Universität Frankfurt veröffentlichte Studie. Die Wissenschaftler um den Ökotoxikologen Martin Wagner stellten bei Untersuchungen von handelsüblichen Mineralwässern eine Belastung durch hormonell aktive Substanzen fest. In einem Testverfahren mit gentechnisch veränderter Hefe, die menschliche Östrogenrezeptoren besitzt, wurden 20 verschiedene Mineralwässer hinsichtlich ihrer hormonellen Aktivität untersucht. Ergebnis: In 65 Prozent der Proben konnte eine Aktivität ermittelt werden. Bis zu 75 Nanogramm pro Liter hormoneller Substanz konnten die Forscher nachweisen. Eine Konzentration, die beispielsweise bei aquatischen Tieren schon eine deutliche Wirkung zeigen würde. Wagner und Kollegen zeigten sich überrascht von einer derart hohen Kontamination.

Die Studie liefert jedoch mehr Fragen als Antworten. Mit dem angewandten Verfahren konnten die Forscher zwar nachweisen, dass es eine gewisse Belastung gibt - nicht aber welche Substanzen dafür verantwortlich sind. Für Wagner ist es wahrscheinlich, dass es sich nicht um eine einzelne, sondern um eine Mixtur aus verschiedenen Substanzen handelt.

Unbedingt aus dem Vepackungsmaterial?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat in einer Stellungnahme die Ergebnisse als "problematisch" bewertet, warnt aber vor Panikmache: "Der Gegenstand hormoneller Umwelteinflüsse wird bei uns seit längerem diskutiert. Im konkreten Fall sind wir aber auf die Identifizierung der Kontaminanten angewiesen, um das Risiko einer gesundheitlichen Gefährdung bewerten zu können", sagt Andreas Luch, Leiter der Abteilung Produktsicherheit. "Um die Frage eines möglichen Risikos abschließend zu beantworten, müssen wir wissen, was in diesen Mineralwässern tatsächlich enthalten ist." Keine triviale Aufgabe: Um die gefundene Wirkung einer Substanz zuordnen zu können, müssen die Proben mit Hilfe chemischer Trennverfahren hinsichtlich ihrer Einzelbestandteile untersucht werden. "Das gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, denn wir wissen ja nicht, wonach wir suchen", sagt Wagner.

Von Interesse in diesem Zusammenhang ist aber nicht nur die Frage nach der Art, sondern in gleichem Maße die nach der Herkunft der Substanzen. Den in der Wagnerschen Studie geäußerten Verdacht, die endokrinen Disruptoren könnten vom Verpackungsmaterial her in das Wasser eingetragen worden sein, hält nicht nur das Bundesinstitut für Risikobewertung für fraglich. "Ganz klar, im Wasser ist etwas enthalten, was da nicht reingehört. Die Frage, die man aber anschließen muss, ist die, ob das unbedingt aus dem Verpackungsmaterial stammen muss oder ob das nicht schon über den Weg des Wassers eingetragen worden sein kann", sagt Rüdiger Baunemann vom Verband der Kunststofferzeuger in Deutschland. "Man darf auch nicht vergessen, dass kein anderes Verpackungsmaterial in ähnlich umfassender Art und Weise reguliert ist wie das der Kunststoffe."

Ursachenforschung

Neben der Tatsache, dass auch in untersuchten Glasflaschen eine hormonelle Aktivität festgestellt wurde, sind die "teilweise in den Proben nachgewiesenen Mengen so hoch, dass klar ist, dass diese nicht nur aus dem PET-Material stammen können", beurteilt auch Werner Kloas, Endokrinologe vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie, die Ergebnisse. Tatsächlich gibt es - nicht nur beim Trinkwasser, sondern bei Nahrungsmitteln generell - eine unüberschaubare Zahl von Einflussgrößen in Bezug auf eine mögliche Kontamination: Von der Produktion, über die Verarbeitung bis hin zu Verpackung und Lagerung, schlussendlich über den Transport - überall geraten die Produkte mit anderen Medien in Kontakt. Bereits 2006 konnte eine Forschergruppe des niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) nachweisen, dass sich teilweise schon im Brunnenwasser endokrine Disruptoren finden lassen.

Der Verband Deutscher Mineralbrunnen (VDM) nimmt die Befunde der Studien ernst und ist seinerseits um Klärung bemüht. "Wir müssen jetzt Schwerpunktkontrollen durchführen, in denen wir den Weg des Wassers exakt verfolgen, um zu sehen, wo eventuell etwas eingetragen wird. Dann muss eine Quantifizierung und toxikologische Bewertung der Substanzen erfolgen", sagt VDM-Sprecher Arno Dopychai.

Die Industrie arbeitet mit gesetzlich geregelten Grenzwerten. Die Inhaltsstoffe werden in experimentellen Testverfahren hinsichtlich ihrer Wirkschwellen und des Gefährdungspotentials geprüft. Der für jede Substanz ermittelte Wert wird - mit einem Sicherheitsfaktor versehen - herabgesetzt und legt die tolerierbare aufzunehmende Höchstmenge fest.

"Wir müssen davon ausgehen, dass ein gewisser, meist minimaler Austausch von Stoffen aus dem Verpackungsmaterial stattfindet. Es gibt keine vollständig inerten Materialien", sagt Andreas Luch. "Bei den festgelegten Grenzen handelt es sich um Schwellenwerte für Substanzen, von denen man ausgeht, dass sie bis zu dieser Konzentration in den Körper gelangen können, ohne langfristig gesundheitliche Probleme zu erzeugen."

Schwierige Risikoeinschätzungen

Unbestritten ist die Festlegung solcher duldbaren Grenzen eine notwendige Grundlage für den industriellen Produktionsprozess, dennoch ist deren Anwendung bezogen auf endokrine Substanzen umstritten. Hormonaktive Stoffe sind nur schwer vergleichbar mit anderen Chemikalien und können schon in Konzentrationen unterhalb der Nachweisgrenze wirksam werden. Speziell die Beurteilung für den Menschen erweist sich als nicht einfach. "Die Risikoeinschätzung insbesondere beim Menschen ist deshalb schwierig, da es in der individuellen Entwicklung - abhängig vom Lebensalter, von der körperlichen Verfassung und der Krankheitssituation - zu Veränderungen der hormonellen Regulationssysteme kommt", sagt Josef Köhrle.

Erschwert werden Prognosen zusätzlich durch Unsicherheiten bezüglich der Langzeitwirkung und der möglichen kombinatorischen Wirkweise der hormonellähnlichen Verbindungen. Hubertus Jarry von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie warnt daher vor zu schnellen Schlüssen: "Man darf das Wasser auf keinen Fall verunglimpfen, es handelt sich immer noch um ein sehr gut kontrolliertes Produkt." Auch halte er es nicht für gerechtfertigt, "das Wasser in Bezug auf hormonell aktive Substanzen herauszustellen. Es gibt zahlreiche andere Nahrungsmittel, mit denen wir endokrine Disruptoren aufnehmen. Die gemeinsame Exposition zu all diesen Stoffen ist es, die bedenklich ist."

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