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Mimikerkennung Wie der schon guckt!

30.07.2010 ·  Terroristen will man auf Flughäfen künftig schon am Blick, Mimik und Körpersprache erkennen. Das Verfahren ist streng geheim. Wie will man aber dann bewerten, ob es auch triftige Ergebnisse zeitigt?

Von Georg Rüschemeyer
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„Ah, Germany, Doitschländ!“, freut sich der Immigration-Officer beim Blick in den Pass des Einreisenden. Es folgt ein kurzer Vortrag über „Nietzsche, the große Philosopher“ und die Schönheit Heidelbergs, sowie ein paar nebensächliche Fragen nach den Plänen des Reisenden. Schließlich gewährt der Officer mit einem freundlichen „Tschuss!“ Zutritt ins Land.

Ein ausnahmsweise gut gelaunter Grenzer? Vielleicht. Aber das scheinbar unverfängliche Geplauder könnte auch ein Versuch der amerikanischen Verkehrssicherheitsbehörde TSA sein, Terroristen zu identifizieren, bevor sie zur Tat schreiten können. Wer im Gespräch einen besonders nervösen Eindruck macht, sich in Widersprüche verstrickt oder auf andere Weise auffällt, wird unter die Lupe genommen. So erging es im August 2009 am Flughafen von Philadelphia auch dem amerikanischen Staatsbürger Nicholas George. Zu allem Überfluss fanden die Beamten im Handgepäck des Arabistik-Studenten dann auch noch Karteikarten mit arabischen Vokabeln. Genug Verdachtsmomente, um den 22-Jährigen unter Hinweis auf die Muttersprache Osama Bin Ladens in Handschellen zu legen und stundenlang in einer Zelle festzuhalten.

„Unwillkürliche körperliche und physiologische Reaktionen“

Dabei ist Smalltalk schon eine der höheren „Schichten der Sicherheit“, mit der die TSA aus der Masse der Passagiere solche mit Täuschungsabsicht herauszupicken hofft. Dass Nick George genauer überprüft wurde, verdankt er einem von drei Tausend sogenannten Behavior Detection Officers, die inzwischen an amerikanischen Flughäfen patrouillieren. Diese seit den Anschlägen vom 11. September 2001 speziell ausgebildeten Sicherheitsleute achten laut TSA-Webseite auf „unwillkürliche körperliche und physiologische Reaktionen, die Menschen zeigen, die befürchten, entdeckt zu werden“.

„Das Training hat mein Misstrauen gegenüber den Passagieren erhöht“, lobt dort ein Officer das als „Screening Passengers by Observation Technique“ (SPOT) bezeichnete Programm. Aber lässt sich wirklich allein auf Basis von Körpersprache, Mimik und Schweißperlen herausfinden, ob jemand ein Attentat plant? Oder trifft das Misstrauen nur gestresste Passagiere, deren Flugsteig jeden Moment schließt und die eine ausgiebige Befragung als Letztes brauchen können?

Die Wissenschaft dahinter ist streng geheim

Vom Nutzen des Programms überzeugt ist jedenfalls dessen wissenschaftlicher Pate, Paul Ekman. Der von der University of San Francisco emeritierte Psychologe leistete Wegweisendes in der Erforschung der emotionalen Mimik des Menschen und behauptet von sich, anhand des Augenscheins innerhalb von Sekunden beurteilen zu können, ob sein Gegenüber lügt oder etwas zu verbergen hat. Dabei achtet er unter anderem auf „Microexpressions“, ultrakurze Entgleisungen der Mimik, die Ekman zufolge die wahren Gefühle eines Menschen verraten. Als menschlicher Lügendetektor hat es Ekman zu einiger Bekanntheit und einer eigenen Krimiserie gebracht: Die Hauptfigur der Fernsehserie „Lie to me“ ist Ekman nachempfunden, der auch an den Drehbüchern mitwirkt. Und seine Theorien bilden offenbar die wissenschaftliche Basis für die Ausbildung der amerikanischen Behavior Detection Officers und deren Kollegen am Londoner Flughafen Heathrow.

„Ekman gilt als einer der bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts, aber in den letzten Jahren hat er sich offensichtlich von der wissenschaftlichen Vorgehensweise entfernt und propagiert Methoden, die nicht belegt sind“, meint Renate Volbert, Professorin für forensische Psychologie an der Berliner Charité. Das Hauptproblem: Um potentiellen Übeltätern nicht gleich eine Anleitung zum Unterlaufen der neuen Verfahren zu liefern, ist die Wissenschaft hinter SPOT selbst für Fachkollegen streng geheim. Auch deutsche Behörden halten sich bedeckt. So verrät die Sprecherin der für die Flughafensicherheit zuständigen Bundespolizei immerhin, dass derzeit ein Konzept zur Verhaltensbeobachtung von Reisenden an Flughäfen erarbeitet werde, über Details dürfe sie aber nichts sagen.

Kein einziger Verdacht auf terroristische Aktivitäten

Das sonst in der Wissenschaft gültige Kontrollprinzip des Peer Review, nach dem Studienergebnisse erst von anderen Forschern begutachtet werden, bevor sie erscheinen und damit wissenschaftliche Validität erhalten, ist bei solcher Geheimforschung ausgehebelt. Wie will man da beurteilen, ob die 212 Millionen Dollar, die das amerikanische Heimatschutzministerium allein in diesem Jahr in SPOT steckt, das Fliegen wirklich sicherer machen? Ein im Mai veröffentlichter Bericht des Government Accountability Office (GAO), des amerikanischen Pendants des Bundesrechnungshofes, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Bei mehr als 150.000 Passagieren, die zwischen 2004 und 2008 im Rahmen des SPOT-Programms zur Seite genommen wurden, kam es zwar zu rund 1100 Festnahmen.

Die meisten Anklagen lauteten jedoch auf illegalen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten oder den Verstoß gegen Bewährungsauflagen – Verdacht auf terroristische Aktivitäten lag in keinem einzigen Fall vor. Nun gehört eine hohe Rate von falsch-positiven Treffern zu jeder Art von Rasterfahndung und wäre durchaus vertretbar, wenn echte Terroristen wenigstens mit einiger Sicherheit erkannt werden könnten. Doch in 16 belegten Fällen entgingen den Officers Personen, die später mit Terrororganisationen in Verbindung gebracht wurden. Die GAO kritisiert vor allem die mangelnde Validierung des teuren Verfahrens vor seiner Einführung und fordert wenigstens jetzt die Begutachtung durch unabhängige Experten – Peer Review eben.

Zu schön, um wahr zu sein

Dabei käme die reine Verhaltensbeobachtung wohl nicht allzu gut weg. „Solche Verfahren messen nur unspezifisch eine erhöhte Anspannung, für die es aber zahllose, völlig harmlose Gründe geben kann“, sagt der Psychologe Michael Reutemann, der an der Universität Münster jahrelang die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen untersuchte, bevor er kürzlich an das LKA Nordrhein-Westfalen wechselte. Und auch sein Kollege Aldert Vrij von der Universität Lancaster glaubt nicht, dass Mimik und Körpersprache genug Rückschlüsse zulassen. „Da kommen Sie um ein Interview sicher nicht herum.“

Denn im Gespräch, da sind sich die Experten einig, lassen sich Personen mit Täuschungsabsicht viel sicherer erkennen. Pionier dieser Befragungstechnik ist die israelische Fluglinie El Al, die jeden Passagier mit einem speziellen Fragenkatalog löchert. Die letzten Attentate auf El-Al-Maschinen liegen denn auch Jahrzehnte zurück. Die Beurteilungskriterien in diesen Kurzinterviews ähneln letztlich jenen für die Begutachtung von Zeugenaussagen vor Gericht. Zu den sogenannten Real-Kennzeichen einer authentischen Aussage zählen dabei unter anderem die logische Konsequenz und der Detailreichtum einer Aussage. Paradoxerweise zeichnen sich wahre Schilderungen gerade durch häufige Sprünge, zunächst vergessene und dann nachgereichte Details oder nachträgliche Korrekturen aus. Zurechtgelegte Geschichten sind dagegen in der Regel einfach zu schön, um wahr zu sein.

Erfahrene Ermittler liegen nicht selten daneben

Soweit die Theorie. Lässt man in der Lügenerkennung erfahrenes Personal wie Polizeiermittler oder Richter aber den Wahrheitsgehalt von niedergeschriebenen Zeugenaussagen beurteilen, so liegt die Trefferrate in den meisten Fällen kaum über dem Zufall. Besonders erfahrene Ermittler sind sich in solchen Studien ihrer Sache zwar sicherer als Novizen, liegen jedoch genau so oft daneben. Was solche Studien über die wahre Fähigkeit zur Lügendetektion aussagen, ist umstritten. So geht es in solchen Studien für Lügner wie Ermittler zumeist um nichts, kritisieren Kriminalisten die Vorgehensweise. „Andererseits belegen Studien zu eben diesem Thema, dass die Lügenqualität mit steigendem Risiko schlechter wird“, sagt Rechtspsychologe Reutemann.

Trotzdem verteidigen Experten wie Reutemann oder Volbert den Wert von Glaubwürdigkeitsgutachten vor Gericht. Denn in so ein umfangreiches Papier gingen eben eine große Menge von Einzelergebnissen ein, die erst in der Summe ein mehr oder minder sicheres Urteil erlaubten. Und das sei ja auch nicht unfehlbar, sondern diene dem Gericht lediglich als Entscheidungshilfe, betont Reutemann. Das gilt auch für das Gutachten seiner Bremer Kollegin Luise Greuel im Fall des der Vergewaltigung seiner Exfreundin angeschuldigten Wettermoderators Jörg Kachelmann, das Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Opfers säte. Kachelmann sitzt trotzdem noch in Untersuchungshaft.

Lügen im Vorbeigehen erkennen

Wenn die Erkennung von Lug und Trug schon vor Gericht derart schwierig ist, wie viel Sinn hat dann das Psychoscreening der Passagiermassen am Flughafen? Die amerikanischen Heimatschützer glauben, dass jeder noch so kleine Schritt bei der Erkennung und Abschreckung potentieller Terroristen den Aufwand rechtfertigt und basteln bereits an einem vollautomatischen Lügenscanner, der verräterische Maße wie Pupillengröße oder Herzfrequenz beim Vorbeigehen erfassen und Verdächtige dadurch identifizieren soll – eine „Walk-through“-Version des alten Lügendetektors. Kritiker fragen dagegen, ob die vielen Millionen Dollar für das SPOT-Programm nicht besser anderswo investiert wären, etwa in individuelle Interviews nach dem Vorbild von El Al.

Ob das Fliegen damit sicherer würde, ist ungewiss. Sicher wäre nur, dass das jetzt schon nervende und oft offensichtlich sinnlose „Security Theater“ an den Kontrollpunkten um einen langen Akt verlängert würde.

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