13.03.2009 · Die Motive zu migrieren mögen so unterschiedlich sein wie Alter, Herkunft und Religion. Aber wer ist besser auf ein Leben in der Fremde vorbereitet, wer integriert sich besser: Frauen oder Männer? Studien zur Migration kommen zu einer eindeutigen Antwort.
Von Sabine WienandFür zwei Kühe wollte Jane aus Münster sich nicht an den Nachbarsbauern verschachern lassen. Also schiffte sie sich in Bremerhaven nach New York ein. Hedwig aus Zaborów in Galizien dagegen wollte zwar heiraten, aber ohne Mitgift hätte sie auf dem Markt keine Chance. Der Ausweg schien, in Chicago einige Jahre Cash zu verdienen, schrieb sie später, doch die geplante Rückkehr fand nie statt. Wenn nicht hier, dann dort, dachte Dorothea aus Mecklenburg, widersetzte sich dem Heiratsverbot ihres Herrn, schnappte sich ihren Geliebten und ehelichte ihn in Amerika.
Die Motive zu migrieren mögen damals wie heute genauso unterschiedlich sein wie Alter, Herkunft und Religion von auswandernden Frauen. Exemplarisch zeigen jedoch schon frühe Vorreiterinnen wie Jane, Hedwig und Dorothea, die zwischen 1850 und 1910 Amerika zu ihrer neuen Heimat machten: Frauen waren schon damals unerwartet aktive, treibende Kräfte von Migration.
Migration galt lange als männliches Phänomen
Das gilt auch für die heutige Generation, trotz aller stereotypen Bilder, die „die Migrantin“ vorschnell gleichsetzen mit kopftuchtragender Folgsamkeit und unterdrücktem Opferdasein. Wer mehr sehen will als das, was tagespolitisch und stammtischpauschal bei den Begriffen Migration oder Integration mitschwingt, muss entweder viele Einzelfälle betrachten oder die Sache einmal von weiter entfernt ansehen.
Migration galt zwar lange als männliches, allenfalls geschlechtsneutrales Phänomen. Tatsächlich aber beobachtet man, dass Frauen in den globalen Wanderungsströmen eine immer größere Rolle spielen. Zu Beginn dieses Jahrtausends gab es nach Schätzungen der UN etwa 175 Millionen Menschen, die in anderen Staaten als ihren Geburtsländern leben - und diese Zahl wird in den nächsten 40 Jahren bis auf 230 Millionen ansteigen. Den statistisch größten Anteil daran haben Frauen. „Als 1984 die erste Publikation erschien, die feststellte, dass der Frauenanteil an der Einwanderung in die Vereinigten Staaten von 1930 bis 1979 jahresdurchschnittlich mit 55 Prozent über dem der Männer lag, waren alle ziemlich überrascht“, erinnert sich der Paderborner Migrationssoziologe Petrus Han.
Die Hälfte aller irischen Wirtschaftsflüchtlinge waren ledige Frauen
Vielleicht sagt es noch nichts über die vielfältigen Motive der Frauen aus, aber es verdeutlicht allein über die schiere Zahl, dass Frauen eben nicht nur als nachreisende Anhängsel einwanderten. Migrationsgeschichte als Pionierinnen männerunabhängiger Auswanderung schrieben dabei die Irinnen, die nach den großen Kartoffelmissernten in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Scharen die Grüne Insel verließen. Über die Hälfte aller irischen Wirtschaftsflüchtlinge damals waren ledige Frauen, im Schnitt gerade 21 Jahre alt.
Doch selbst wo der oberflächliche Eindruck vermuten ließe, Frauen würden als „brave Frauen“ patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen gehorchen, kann der oberflächliche Eindruck täuschen. Auch Heirat kann man als aktive Strategie begreifen. „Sieh es mal so: Dort musst du nur eine Person glücklich machen, deinen Mann. Wenn du dagegen hier im Dorf heiratest, hast du viele Sorgen und musst arbeiten, bis dir schwarz vor Augen wird, nur damit deine Schwiegereltern zufrieden sind“, gab eine Japanerin ihrer siebzehnjährigen Tochter um 1900 mit auf den Weg. Da bestieg diese sogenannte „Fotobraut“ ein Schiff nach Hawaii zu einem unbekannten japanischen Plantagenarbeiter. Mit dem hatte sie nicht mehr als ein Bild ausgetauscht, war in dessen Familienregister aber bereits als seine Ehefrau eingetragen.
Ein Beispiel für die Anpassungsfähigkeit
Warum ging die Siebzehnjährige das Wagnis ein? Junge Japanerinnen glaubten, so die Historikerin Eileen Tamura, einige Jahre mit den oft wesentlich älteren Männern würden genügen, um, finanziell saniert und ohne diesen Mann, zurückzukehren und neu zu heiraten. Viele erwiesen sich als erstaunlich anpassungsfähig. Hatten sie in Japan das Konzept der unterwürfigen Ehefrau auch noch so sehr eingebleut bekommen, so verließen sie in Hawaii ihre Männer gern für Besserverdiener - denn das Gut Frau war knapp, um 1900 standen einer Japanerin in Honolulu 25 japanische Junggesellen zur Auswahl gegenüber.
Und dann waren sie plötzlich doch gekommen, um zu bleiben - und die zweite Generation wurde geboren. Auch wenn Barack Obamas Heimat Hawaii schon immer als Tropenparadies galt, in dem im Gegensatz zum Rest der Vereinigten Staaten ethnische Spannungen angeblich nicht existieren, hat die weiße Minderheit den japanstämmigen Hawaiianern den sozialen Aufstieg ziemlich schwer gemacht. Man wollte durchaus, dass sie patriotische amerikanische Bürger werden sollten, gesetzestreu, fleißig, des Englischen in Wort und Schrift mächtig. Zudem sollten sie alles Japanische über Bord werfen, Christen werden und bitte schön auf ihrem Platz als Plantagenarbeiter bleiben.
Wenn nur noch der Name auf die Herkunft deutet
Erst in der dritten Generation haben die immer noch restjapanischen Hawaiianer eine weitgehend normale, insgesamt nur wenig diskriminierte Beziehung zum Mainstream Amerika entwickelt, sind beruflich etabliert, sozial und kulturell angepasst. Knapp die Hälfte heiratet außerhalb der eigenen ethnischen Gruppe, und das bedeutet auf dem Feld der Integration schon einen Erfolg.
„Drei volle Generationen à dreißig Jahre muss man wohl rechnen, bis sich die Unterschiede zwischen den Kulturen verwischen“, sagt auch der Migrationsexperte Han. Das kann fast bis zur Unkenntlichkeit geschehen, wenn etwa nur noch der Nachname darauf hinweist, dass man als Schimanski von den im 19. Jahrhundert eingewanderten „Ruhrpolen“ abstammt. Oder wenn in Berlin die Familie Bastille so wie die Lutschtablette und nicht das Pariser Gefängnis ausgesprochen wird. Außenstehende können die hugenottische Herkunft daher bestenfalls erahnen.
„Ähnlichkeiten in Kultur, Glauben und Aussehen begünstigen solch eine Verschmelzung enorm“, sagt auch Han. „Religion und Rasse, im Sinne von optischer Unterscheidbarkeit, bleiben hingegen immer übrig. Ganz gleich, wie weitgehend man sonst sprachlich, beruflich oder im Sportverein integriert ist.“ Das erfahren beispielsweise Koreaner in Kanada genauso wie Türken in Deutschland.
Männer plädieren eher für eine Rückkehr in die Heimat
Dass selbst die Frauenforschung nicht immer frei von Ethnozentrismus war und die Migrantin gern als „fremde Frau“ und undifferenziert als exotisches Opfer abstempelte, ist gegenwärtig durchaus Konsens. Soweit sie sich heute mit spezifisch weiblichen Migrations- und Integrationserfahrungen befasst, geschieht das unter der Hypothese, dass Frauen Migration und die damit verbundenen Anpassungsprozesse anders erleben als Männer. Was geschieht, wenn eine Frau ihr erlerntes Verhaltensrepertoire, das dafür sorgt, dass sie im soziokulturellen Kontext ihres Herkunftslandes erfolgreich zurechtkommt, plötzlich in einer neuen Umgebung einsetzen muss? Welche Chancen können sich daraus entwickeln, welche Bildungs- und vielleicht auch neue Freiheitsgrade?
Vor allem Frauen aus der Dritten Welt versuchen die Rückkehr nach Möglichkeit zu vermeiden, um nicht in alte, oft patriarchalischere Verhältnisse zurückzukehren. Untersuchungen an nach New York emigrierten Familien aus der Dominikanischen Republik zeigten etwa, dass vor allem Frauen die Vorzüge der Migration sehen und neben der persönlichen Freiheit auch die mit ihrer bezahlten Beschäftigung verbundene Anerkennung nicht aufgeben wollen. Die Männer hingegen, deren Rolle sich weniger erfreulich entwickelt hatte und die sich weniger wertgeschätzt sahen als in der Heimat, plädierten für eine Rückkehr. Also versuchen die Männer, das Konto zu füllen, während ihre Frauen in Sofagarnituren und riesige Kühlschränke investierten, um Fakten zu schaffen. Wie lange sind wir da, und wozu sind wir hier? - Das sind die zentrale Fragen, die Migrantenfamilien aushandeln müssen, um zu bestimmen, wo der persönliche Anpassungsprozess am Ende hinführen soll.
Das Konzept einer „segementierten Assimilation“
Die Idee vom Schmelztiegel aber ist längst passé. Auch an Milton Gordons einst rundweg akzeptiertes Akkulturationsmodell glaubt man heute nicht mehr: Es besagt, dass es in der Migration von Verhaltensanpassung über Ehepartnerwahl zu einer bürgerlichen Assimilation und Identifikation kommt, so dass am glücklichen Ende alle ihre Komposita aufgeben und statt Deutschtürken und Afroamerikaner eben Deutsche und Amerikaner sind.
So linear wie mit den europäischen Einwanderern in die Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert verläuft das eben doch längst nicht mehr. Statt einer Komplettassimilation gilt heute das bescheidenere Ziel der Teilintegration oder „segmentierten Assimilation“ als vernünftiges Ziel.
„Die historische Erfahrung zeigt, dass, je mehr man versucht zu assimilieren, es umso weniger funktioniert - man denke nur an die Russifizierung der baltischen Staaten“, sagt Han. Das bedeutet nicht, dass Sprach- und Integrationskurse nicht notwendig seien. Aber Sprache braucht die Alltagserfahrung, um Bedeutung zu haben.
Migrantinnen als Devisenbringer
„Wenn beispielsweise ein Immigrant nie ein Schützenfest gefeiert hat, kann er das Wort kennen und trotzdem die dahinterstehenden Zusammenhänge nicht begreifen.“ Genauso, könnte man sagen, verhält es sich mit Werten, Normen und Lebenskonzepten der Aufnahmeländer. Auch diese muss man erleben. Und da haben, global betrachtet, viele Arbeitsmigrantinnen einen entscheidenden Vorteil. Ihnen gelingt die Anpassung oft schneller als Männern. Ihr temporäres Ziel ist schließlich nicht die Baracke für Vertragsarbeiter auf den Baustellen Dubais, wo sie weitgehend isoliert von der Aufnahmegesellschaft unter ihresgleichen leben. Frauen arbeiten häufiger, sei es legal oder illegal, temporär, saisonal oder dauerhaft, als Servicekräfte - und das heißt beispielsweise in Privathaushalten der gehobenen Mittelschicht.
Sprache und Gepflogenheiten schnappt man da einfach schneller auf. Da ist die polnische Studentin, die alle Ferien mit der Betreuung einer alten Dame in Bonn verbringt. Da ist das malaysische Dienstmädchen, das einer deutschen Familie in Singapur den Haushalt macht. In Saudi-Arabien geht der Trend heute weg von Nannys aus dem nichtmuslimischen Asien hin zu indonesischen Kinderfrauen. Das beruhigt die islamischen Geistlichen. 85 Prozent der auf den Philippinen ausgebildeten Krankenschwestern arbeiten bereits im Ausland. Und der demographische Wandel vieler Aufnahmeländer wird diese Wanderungsbewegungen weiter verstärken. Noch freuen sich alle diese asiatischen Sendeländer, immerhin stellt Arbeitsmigration eine wichtige Devisenquelle dar. Frauen mögen wegen ihres geringeren Verdienstes zwar in der Summe weniger Geld an die Lieben daheim transferieren als Männer, dafür schicken sie einen wesentlich höheren Anteil ihres Gehalts.
Chinesische Unternehmerinnen
Dass Migration nie geschlechtsneutral sein kann, zeigt sich schon bei der Frage, wen man denn nun überhaupt wegschicken kann. Lieber die Frauen? Oder die Männer? Und die Antwort findet man gewöhnlich in der vorherrschenden Arbeitsteilung, die wenig mit körperlichen Fähigkeiten, sondern kulturellen Vorlieben zu tun hat. In vielen afrikanischen Ländern etwa ist Ackerbau traditionell Frauensache. Dort sollen die eher entbehrlichen Männer ihr Glück in der Stadt versuchen. In den Anden glaubt man dagegen, dass prinzipiell nur Söhne für die Landwirtschaft geeignet sind. Die Familien neigen daher dazu, unverheiratete - also überflüssige - Töchter langfristig ins Ausland zu schicken, sei es in Dienstbotenverhältnisse nach Florida oder Massagesalons in Spanien.
Sehr viel selbstbestimmter können da besser ausgebildete Frauen ihre Migration angehen. So machen beispielsweise chinesische Kleinunternehmerinnen, die schon zu Hause in Großstädten gelebt hatten, seit Anfang der neunziger Jahre gute Geschäfte in Ungarn. Ihre temporäre Migration gehen sie als Projekt schneller Kapitalbildung an - und es scheint zu funktionieren. In beinahe jeder ungarischen Stadt mit mehr als 2000 Einwohnern gibt es einen chinesisch geführten Laden.
Bleiben wollen sie nicht für immer, und was sie außer Geld an Migrationserfahrung, Sprachkenntnissen und Werten mitnehmen werden, bleibt zu untersuchen. Immerhin ein Souvenir scheint nicht selten zu sein: Halbeuropäische Babys gelten in China als ziemlich schickes Mitbringsel.