23.05.2006 · Schwerer Rückschlag für alle, die auf Gentherapie im Kampf gegen schwere Krankheiten setzen: Todesursache bei einem gentherapierten Patienten war das Versagen der veränderten Zellen. Alle weiteren Versuche wurden ausgesetzt.
Von Joachim Müller-JungBei einem Frankfurter Patienten, der zwei Jahre nach dem ersten erfolgversprechenden gentherapeutischen Eingriff an Erwachsenen vor wenigen Wochen verstarb, hat offenbar die Gentherapie versagt. „Die meisten der gentechnisch veränderten weißen Blutzellen haben ihre Funktion teils oder vollständig verloren“, heißt es in einer Mitteilung der Ärzte und Forscher.
Die Zahl der übriggebliebenen Blutzellen mit dem korrigierten Gen habe nicht ausgereicht, die durch einen Darmdurchbruch ausgelöste Bakterieninfektion zu stoppen. Der letztlich an Blutvergiftung verstorbene Patient hatte vor dem Eingriff an einer unheilbaren, angeborenen Immunschwäche, der septischen Granulomatose (CGD), gelitten.
Ursache des Ausfalls unklar
Wie es zu dem Ausfall der gentechnisch korrigierten Blutzellen kam, ist unklar. Die Untersuchung sei noch nicht abgeschlossen, heißt es in dem Zwischenbericht, der von den Ärzten des Frankfurter Universitätsklinikums und des Georg-Speyer-Hauses eng mit der Kommission Somatische Gentherapie - der Zulassungsstelle im zuständigen Paul-Ehrlich-Institut - abgestimmt wurde. Ein zweiter erwachsener Patient sowie ein Kind, die etwa in der gleichen Zeit mit demselben Verfahren behandelt wurden, sind nach Aussagen der Wissenschaftler weiter wohlauf. Allerdings werde man die Patienten jetzt häufiger, im Abstand von etwa einem Monat eingehend untersuchen, kündigt Manuel Grez vom Georg-Speyer-Haus an.
Insbesondere der Zahl der genkorrigierten weißen Blutzellen gilt das Augenmerk. Bei dem verstorbenen Patienten waren am Ende bestenfalls noch neun bis zehn Prozent funktionstüchtig. Sie sollen eigentlich dafür sorgen, daß Bakterien und andere größere Eindringlinge im Körper buchstäblich verschluckt werden. Vor der Therapie waren diese besonders wichtigen Immunzellen, die Granulozyten, wegen des angeborenen Gendefekts auf dem X-Chromosom komplett ausgefallen.
Antikörper gegen genkorrigierte Immunzellen?
Nach dem gentherapeutischen Eingriff an den Blutstammzellen, denen eine korrekte Version des Gens mit Retroviren eingeschleust wurde, sollen mehr als die Hälfte der weißen Blutzellen die gewünschte Funktion erreicht haben. Die Patienten waren von da an beinahe wie gesunde Menschen vor den gefürchteten, und bei ihnen leicht tödlich verlaufenden Infektionen gefeit. Bei dem einen Patienten allerdings wohl nur vorübergehend.
Über die Ursachen des Ausfalls läßt sich nach Aussagen von Grez nur spekulieren. Möglicherweise habe der Patient Antikörper gegen die genkorrigierten Immunzellen gebildet, die letztlich zur Zerstörung der Blutzellen führten. Oder die Aktivität des eingeschleusten Gens habe durch nachträgliche Veränderungen in den Steuerungseinheiten des Gens abrupt nachgelassen.
In weiteren Experimenten will man diese und weitere offene Fragen klären. Bis dahin sind alle Gentherapie-Versuche ausgesetzt worden. Insgesamt hätten sich zehn Patienten mit der fatalen Immunschwächekrankheit angemeldet. „Wir wollen auf jeden Fall weitermachen“, sagte Grez. Vorerst allerdings gehe es darum, das Scheitern zu klären, etwa auch die Frage, ob es bei dem Patienten wie bei anderen gentherapie-versuchen an Kindern zu einer bösartigen Entartung der Blutzellen gekommen ist. In Laborexperimenten will man indessen die Effizienz der Genfähren erhöhen und damit den Weg für künftige Therapieversuche ebnen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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