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Linguistik Noam Chomsky Superstar

 ·  Der amerikanische Sprachforscher ist heute vor allem als linker Aktivist bekannt. Dass er vor sechzig Jahren die gesamte Linguistik revolutionierte, gerät darüber fast in Vergessenheit. Gelten seine Theorien immer noch?

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Schon eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ist die große Aula der Universität Köln mit mehr als tausend Menschen rappelvoll. Noch einmal so viele verfolgen das Geschehen per Videoübertragung im nahen Seminargebäude. Doch weder Tokio Hotel noch der Papst sind am vergangenen Montag in Köln zu Gast, sondern der amerikanische Linguist und Philosoph Noam Chomsky. Und der macht nach einer stürmischen Begrüßung durch die Anwesenden auch nichts anderes, als wie angekündigt eine Stunde lang über die sonst wenig publikumswirksame Frage zu dozieren, was die menschliche Sprache von anderen kognitiven Systemen unterscheidet.

Dabei verzichtet Chomsky auf jegliche Hilfe von Powerpoint-Folien oder Handouts, was es nicht gerade leichter macht, der brüchigen Stimme des 82-Jährigen und seinen komplexen Gedankengängen zu folgen. Doch die meisten der Anwesenden sind ohnehin nicht wegen des Linguisten Chomsky gekommen; sie wollen nur einmal mit eigenen Augen den prominenten linken Intellektuellen und bekennenden Anarchisten sehen. In dieser Rolle wurde Chomsky, der schon Mitte der fünfziger Jahre als junger, hochbegabter Mann an das renommierte Massachusetts Institute for Technology (MIT) in Boston kam und dort bald Professor wurde, spätestens seit seiner scharfen Verurteilung des Vietnam-Kriegs bekannt.

Heute gilt der aus einem streng jüdischen Elternhaus stammende Chomsky als einer der einflussreichsten Kritiker amerikanischer und israelischer Außenpolitik und als Galionsfigur der Anti-Globalisierungsbewegung. Dass seine Rolle als Sprachforscher dabei in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr in den Hintergrund geriet, scheint auch Chomskys Selbstbild zu entsprechen: "Die Linguistik ist für Chomsky schon lange zur Nebenbeschäftigung geworden. Und doch halten seine Lehren die ganze Disziplin nach wie vor in ihrem Bann", meint der Linguist Martin Haspelmath vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Auf dem Weg in die Tiefe

In der modernen Linguistik steht Chomskys Name vor allem für die sogenannte generative Grammatik, die er bereits in den fünfziger Jahren formulierte. Ausgangspunkt war die Frage, wie es dem Menschen schon als Kind gelingen kann, mit einer begrenzten Zahl sprachlicher Mittel eine unendliche Vielfalt von Sätzen zu erzeugen. Die Antwort des damals noch vorherrschenden Behaviorismus lautete, dass der Spracherwerb wie jegliches erlerntes Verhalten das Resultat eines Reiz-Reaktions-Trainings sei: Kinder lernen Wörter und grammatikalische Regeln durch Imitation des Gehörten sowie durch Lob und Tadel der Eltern - ähnlich wie eine Laborratte lernt, eine bestimmte Taste zu drücken, um Futter zu bekommen oder einen Stromstoß zu vermeiden.

Chomsky lehnte diese Sichtweise ab. Seiner Meinung nach kann nur ein bereits von Anfang an dafür angelegtes Gehirn die Leichtigkeit erklären, mit der Kinder trotz des oft recht geringen Inputs aus ihrer Umwelt Sprache erlernen. Er postulierte einen angeborenen "Spracherwerbsapparat", der einem bei allen Menschen gleichen Fundus grundlegender Regeln für Produktion und Verständnis von Sprache gehorche.

Die Existenz einer solchen Universalgrammatik erscheint erst einmal paradox. Schließlich unterscheiden sich Sprachen nicht nur ganz erheblich in ihrem Wortschatz, sondern auch in ihren Grammatiken. "Diese Unterschiede, die ganze Vielfalt der 6000 Sprachen der Welt, existieren nur an der Oberfläche, sie sind Externalisationen der Tiefenstruktur", erklärt Chomsky.

Diese oft auch als "Mentalesisch" bezeichnete innere Sprache des Geistes sei evolutionär in erster Linie auf das Denken angelegt, nicht aufs Sprechen, sagt Chomsky. Erst in einem zweiten Schritt werde sie nach den Regeln der generativen Grammatik in die jeweilige Sprache transformiert, egal, ob es sich dabei um Englisch, Suaheli oder die Berührungssprache von taubblinden Menschen handele.

Nicht ohne Diagramme

Eine elegante Theorie, die an mehr als zweitausend Jahre Sprachphilosophie seit Aristoteles anknüpft. Doch wie soll man sie empirisch überprüfen und die einzig wahre Grammatik des Mentalesischen ergründen, wenn diese doch stets von den sicht- und hörbaren, real existierenden Sprachen mit ihrer verwirrenden Formenvielfalt überdeckt wird? Die Analyse bestimmter Oberflächenstrukturen erlaube Rückschlüsse auf die ihr zugrunde liegende universelle Kerngrammatik, so das Credo des jungen Chomsky. Von den späten fünfziger Jahren an beschäftigte sich die schnell wachsende Schar der Chomskyaner deshalb mit hochformalen Analysen von Sprache. Am bekanntesten und noch halbwegs nachvollziehbar sind etwa die komplexen Baumdiagramme, mit denen sich jeder Satz Schritt für Schritt in seine Einzelteile wie Nomin

alphrase ("Der Hund") und Verbalphrase ("biss die Katze") und dann weiter in Determinierer ("der, die"), Nomen und Verb zerlegen lässt. "Dabei beschäftigen sich echte Chomskyaner aber hauptsächlich anhand eines recht beschränkten Repertoires von grammatikalisch korrekten und inkorrekten Beispielsätzen mit bestimmten Problemen der Wortstellung im Satz. "Andere grammatische Kategorien wie Kasus oder Tempus interessieren sie als vermeintlich bloße Merkmale der Oberflächenstruktur kaum", sagt der Kölner Linguistikprofessor Nikolaus Himmelmann.

Im Laufe der Jahrzehnte entstanden eine ganze Reihe neuer, teils parallel gebrauchter Varianten von Chomskys Sprachmodell, die unter Namen wie "Prinzipien und Parameter" oder "minimalistisches Programm" jeweils einen Wust neuer Begrifflichkeiten einführten, deren tiefere Bedeutung dem linguistischen Laien kaum zugänglich ist. Dabei lassen sich Chomskys Arbeiten nach wie vor auf seine simple Ausgangsfrage zurückführen: Wie kommt der Mensch zur Sprache? Besitzt der Mensch ein rein biologisch bedingtes Grammatik-Modul, oder ist Sprache, so die alternative Hypothese, das Ergebnis sehr viel breiter angelegter kognitiver Fähigkeiten, etwa ein durch die kulturelle Weitergabe immer mehr verfeinertes Nebenprodukt unserer einzigartigen Begabung, sich in andere hineinzuversetzen, und eines sozialen Mitteilungsbedürfnisses, das Tieren offenbar fehlt? Letzteres ist die zentrale These des Psychologen Michael Tomasello, Direktor der Abteilung für komparative und Entwicklungspsychologie am Leipziger Max-Planck-Institut, der die Ursprünge der menschlichen Kommunikation in einer Verständigung mit Gesten vermutet, die im Laufe der Menschwerdung erst später durch Sprachlaute ergänzt und ersetzt worden sind.

Zusammenstöße mit der Empirie

Aber auch in der reinen Sprachforschung verlieren die lange Zeit dominierenden Chomskyaner an Boden. Abtrünnige finden sich etwa unter Ethnolinguisten. Während Chomsky die überwältigende Vielfalt der Sprachen als reines Oberflächenphänomen seiner Universalgrammatik abtut, verbringen sie Jahre ihres Lebens bei kleinen Völkern im Dschungel Amazoniens oder auf den Savannen Afrikas, um deren Sprachen zu studieren. Die dabei zutage geförderte Vielfalt der sprachlichen Ausdrucksformen bietet kaum noch Raum für die von Chomsky und anderen postulierten Sprachuniversalien, behaupten der australische Linguist Nicholas Evans und sein im niederländischen Nimwegen als Kodirektor des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik arbeitender Kollege Steve Levinson.

In einer vielbeachteten Studie im Journal Beavioral and Brain Sciences über den "Mythos der sprachlichen Universalien" zeigten Evans und Levinson, dass es schon in jenem Bruchteil der insgesamt 6000 bis 8000 Sprachen der Welt, der bisher von Linguisten genauer untersucht wurde, praktisch nichts gibt, was es nicht gibt: Sogenannte isolierende Sprachen wie Chinesisch etwa kennen keine Beugung einzelner Worte in Abhängigkeit von Fall, Tempus oder Ein- und Mehrzahl, all diese Informationen müssen an der Wortfolge im Satz und dem Kontext abgelesen werden. Das andere Extrem bilden polysynthetische Sprachen, wie man sie häufig bei den Ureinwohnern Amerikas findet: In der Sprache des Irokesenstammes der Cayuga beispielsweise wird der Ausdruck "Ich werde wieder Kartoffeln für sie pflanzen" zu dem Wort "Eskakhehona'tayethwahs" zusammengezogen.

Auf ähnliche Weise integrieren manche Sprachen auch die Information von Adverb und Adjektiv in die Verben und Nomen - und schon bleiben von den vormals vier postulierten universellen offenen Wortkategorien (Nomen, Verben, Adjektive und Adverben lassen sich im Gegensatz zu etwa Artikeln oder Präpositionen beliebig neu erfinden) nur noch zwei übrig. Noch viel fremder sind der nur eine Handvoll Sprachen sprechenden Mehrheit der Weltbevölkerung andere Phänomene vermeintlich exotischer Sprachen: So muss der Sprecher im nordkalifornischen Central Pomo durch kleine Anhängsel ans Verb angeben, ob er das Erzählte mit eigenen Augen gesehen oder anderweitig wahrgenommen hat, beziehungsweise ob es ihm erzählt wurde oder ob er es als erwiesenen Fakt ansieht.

Sprachreichtum

Mit einer langen Reihe solcher Beispiele belegen Evans und Levinson nicht nur die faszinierende Vielfalt sprachlicher Äußerungen, sie zerpflücken damit auch Punkt für Punkt eine lange Liste vermeintlicher Universalien. Was davon übrig bleibt, sind fundamentale Wortkategorien wie Nomen und Verb, die Aufteilung des Lautmaterials in Vokale und Konsonanten oder die Existenz von Eigennamen. Diese vorerst verbleibenden Übereinstimmungen aller bekannten Sprachen könnten allerdings die relativ triviale Folge von quasi naturgesetzlichen Sachzwängen respektive eine Frage von Definitionen sein: Eine Sprache ohne Eigennamen, Subjekt oder Prädikat wäre eben keine Sprache.

Ausnahmen bestätigen die Regel, könnte man sagen, und auf die unbestreitbar enorm große Zahl struktureller Gemeinsamkeiten hinweisen, die viele Sprachen teilen. Doch dafür haben die Ethnolinguisten eine einfache Erklärung: eine gemeinsame Abstammung. Mit statistischen Methoden, die er sich bei Evolutionsbiologen abgeschaut hat, untersucht Levinsons Nimwegener Kollege Michael Dunn die Evolution von Sprachen. Für eine Anfang Mai in Nature publizierte Arbeit analysierte Dunn anhand von 301 Sprachen aus vier großen Sprachfamilien die Trends in der Wortstellung, also der Abfolge bestimmter Satzelemente wie Objekt, Verb oder Relativsatz, die eine zentrale Rolle in Chomskys Theorien einnimmt. Die Ergebnisse zeigten klar, dass die Entwicklung von Sprachen keinem universellen Regelwerk folge, sondern vielmehr Ergebnis einer kulturellen Evolution sei, schließen Dunn und seine Koautoren.

Endgültig widerlegt ist Chomsky damit nicht, denn wie jede empirische Methode hat auch die statistische Linguistik ihre Tücken. Allerdings stellt sich die Frage, wie seine im Laufe der Jahre immer abstrakteren Theorien denn überhaupt zu falsifizieren wären. Ein Kandidat könnte das winzige Amazonas-Volk der Pirahã sein, dessen auch sonst stark reduzierte Sprache nach Meinung des amerikanischen Linguisten und ehemaligen Chomsky-Schülers Daniel Everett keinerlei Nebensätze enthält. Everett sieht darin ein Fehlen des Phänomens der Rekursion, des Einbettens eines Gedankens in einen anderen also. Eben diese linguistische Rekursion hatte Chomsky 2002 in der bislang letzten großen Modifikation seiner Theorie zum wichtigsten und universellsten Alleinstellungsmerkmal menschlicher Sprache erklärt. Everetts Behauptung, die mangels anderer Pirahã sprechender Linguisten nur schwer zu überprüfen ist, führte zu heftigen Diskussionen. Doch den Großmeister der Linguistik ficht sie wenig an: Die Störungen in der Umlaufbahn von Uranus hätten Physiker Mitte des 19. Jahrhunderts ja auch nicht zum Verwerfen der Keplerschen Gesetze veranlasst, sondern vielmehr die Suche nach deren Verursacher, den bis dato unbekannten Planeten Neptun, beflügelt.

"Chomsky steht eben für die Faszination am großen, philosophischen Entwurf, da ist ihm die Falsifizierbarkeit seiner Hypothesen relativ egal", meint Martin Haspelmath. Bei aller Anerkennung der Leistung Chomskys, der die Linguistik von einer reinen Geistes- in eine Naturwissenschaft verwandelt habe -, in den aktuellen Debatten der Disziplin spielten seine Theorien heute nicht mehr die entscheidende Rolle. Reine Chomskyaner seien unter Linguisten kaum noch zu finden. In einem Punkt kann sich Haspelmath aber trotzdem mit Chomsky identifizieren: "Mit vielen seiner politischen Ansichten bin ich völlig einverstanden."

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