24.12.2010 · Erforschen kann man viel, warum dann nicht auch das bekannteste Weihnachtslied der Welt? Dem hat sich die österreichische „Stille Nacht“-Gesellschaft verschrieben. Und kämpft dabei mit liebgewordenen Legenden.
Von Tilman SpreckelsenMan muss schon sehr lange in den Winterurlaub fahren und sehr weit weg, um dem Lied zu entkommen: Spätestens im Advent hört man es in jeder deutschen Fußgängerzone. Es gehört zum festen Repertoire jedes Straßenmusikers, keine weihnachtliche Spieluhr, die es vermissen ließe, und wer es auf Deutsch nicht mehr hören kann, dem bleiben noch die Übersetzungen in etwa 300 andere Sprachen. Kaum ein zweites Lied wurde häufiger aufgenommen, allein in der Populärkultur stammen zahlreiche Versionen von so unterschiedlichen Musikern wie Simon and Garfunkel, Elvis, Tori Amos, Bing Crosby, Joan Baez, Ella Fitzgerald, Jimi Hendrix, Johnny Cash oder jüngst Susan Boyle – seltsam, dass ausgerechnet ein akustisch so omnipräsentes Werk die „Stille Nacht“ im Titel trägt.
Aber wie ist es entstanden? Die Legende geht so: In der St.-Nikolaus-Kirche der Gemeinde Oberndorf an der Salzach soll im Jahr 1818 wie jedes Jahr der Weihnachtsgottesdienst gefeiert werden. Doch weil die Kirchenmäuse vor lauter Hunger die Bälge der Orgel zernagt haben, fehlt es an musikalischer Begleitung der Feier. Also setzt sich der junge Geistliche Joseph Mohr hin, wirft ein frommes Weihnachtslied aufs Papier und eilt damit zum Mesner Franz Xaver Gruber, der im benachbarten Arnsdorf wohnt und an der Oberndorfer Nikolauskirche als Organist beschäftigt ist. Ob Gruber nicht rasch eine Melodie dazu finden könne? Gruber kann, er schreibt einen zweistimmigen Satz mit Gitarrenbegleitung, und noch am selben Abend kommt das Werk durch Mohr und Gruber zur Uraufführung. Der Rest ist Weihnachtsgeschichte.
Ohne Mäuse
So wird es in heimattümelnden Filmen verbreitet, so fand es Eingang in die populäre Literatur, und so steht es auf zwei Glasfenstern in der romantischen, 1935 am Platz der 1906 abgerissenen Nikolauskirche von Oberndorf errichteten Kapelle: „Lehrer Franz Gruber komponierte hier am 24. Dezember 1818 die Melodie“ steht dort neben einem Bild der Gemeinde Arnsdorf, der ebenfalls abgebildete Komponist trägt eine Gitarre in der Hand. Und auf einem anderen Fenster: „Vikar Josef (!) Mohr schuf hier den Text des Liedes.“
Dass es etwas anders gewesen sein muss, weiß man schon länger, auch wenn erst vor fünfzehn Jahren ein Dokument aufgetaucht ist, das ein völlig neues Licht auf die Sache wirft: Demnach hatte Mohr den Text bereits zwei Jahre zuvor gedichtet, und zwar im Dorf Mariapfarr im Salzburger Lungau. Auch sonst ist die Entstehung von „Stille Nacht“ von einigen Mythen umgeben. Zum Glück gibt es Menschen, die es genauer wissen wollen.
„Wir halten nichts von der Mäuselegende, auch wenn wir sie selbst noch in der Schule absolviert haben“, sagt Michael Neureiter, der Präsident der „Stille Nacht“-Gesellschaft (SNG). Denn zum einen gibt es kein einziges zeitgenössisches Dokument, das einen mäusezerfressenen Orgelbalg bezeugt. Stattdessen aber lässt sich nachweisen, dass die Orgel der Nikolauskirche damals allgemein nicht mehr als ausreichend angesehen wurde, den Raum zu füllen, Weihnachten hin oder her. Drittens aber, sagt Neureiter, hätte die volkstümliche Tradition der Krippenfeier nach der eigentlichen Christmette das Musizieren mit einem anderen Instrument als der eher dem Gottesdienst vorbehaltenen Orgel erfordert – der entscheidende Grund für den zweistimmigen Gesang der beiden „Stille Nacht“-Urheber zur Gitarrenbegleitung.
Grubers Handschriften
Bei der Gelegenheit räumt Neureiter gleich mit einer weiteren Legende auf: Nicht Gruber, der Komponist, hätte damals die Gitarre gespielt, sondern der Textdichter Mohr. Und weil sich durch einen glücklichen Zufall dessen Instrument bis heute erhalten hat, gibt es wenigstens ein handfestes Zeugnis der Uraufführung dieses Lieds.
Die 1972 gegründete SNG mit ihren 180 Mitgliedern hat sich neben der Vermittlung authentischer Fassungen des Liedes (gegenüber zahlreichen Varianten in Bezug auf Melodie, Text und Reihenfolge der Strophen) sowie der Vernetzung von irgendwie mit „Stille Nacht“ in Beziehung stehender Gemeinden der Erforschung des Liedes, seiner Urheber und zunehmend auch seiner Verbreitung verschrieben. Dafür gibt es einen wissenschaftlichen Beirat, der gegenwärtig aus zwei Musikwissenschaftlern, einer Historikerin und einer Archäologin besteht. Ein Mitglied dieses Kreises, die Muskwissenschaftlerin Eva Neumayr vom Archiv der Erzdiözese Salzburg, publizierte jüngst in den Blättern der „Stille Nacht“-Gesellschaft eine quellenkritische Studie zum musikalischen Hintergrund des Textautors Mohr und zur Frage, ob sich – außer bereits bekannten Abschriften fremder Kompositionen – auch eigene musikalische Werke Mohrs erhalten haben, was, wie die Autorin am Ende ihres Textes fordert, noch weiter erforscht werden muss.
Frühere Untersuchungen haben bereits eine Reihe von authentischen Handschriften zutage gefördert oder interpretiert, die zum größten Teil von Gruber stammen und sich leicht voneinander unterscheiden. Der wechselvolle Lebenslauf Mohrs, der 1792 in Salzburg unehelich geboren wurde, als Sänger und Geiger seinen Lebensunterhalt bestritt, 1811 ins Priesterseminar eintrat und später wiederholt mit seiner Auffassung vom geistlichen Beruf aneckte, ist nach den Quellen ebenso beschrieben worden wie der von Gruber, der in ruhigeren Bahnen verlief: Geboren 1787 im oberösterreichischen Hochburg als Sohn eines Leinenwebers, wurde er 1807 Lehrer und Mesner in Arnsdorf, musste dafür allerdings die Witwe seines Vorgängers heiraten. 1833 ging er als Kirchenmusiker nach Hallein.
Eine unbekannte Messe?
Allem Anschein nach sind sich Mohr und Gruber nach 1818 nicht mehr begegnet. Jedenfalls hat ein eventuelles Treffen keine Spuren hinterlassen. Das gemeinsam geschaffene Lied aber verbreitete sich seit den 1820er und vor allem 1830er Jahren enorm schnell. Hierauf legt die SNG gegenwärtig den Schwerpunkt ihrer Forschung, indem sie nach handfesten Zeugnissen dieser Verbreitung sucht – nach Liederbüchern, in denen „Stille Nacht“ in irgendeiner Fassung enthalten ist.
„Wir wissen inzwischen“, sagt Neureiter, „dass das Lied nicht von Oberndorf aus in die Welt gegangen ist, sondern über Fügen im Zillertal durch Vermittlung des Orgelbauers Karl Mauracher, der 1825 in Oberndorf eine neue Orgel gebaut hat, sich damals mit Franz Xaver Gruber anfreundete und die Noten des Liedes ins Tiroler Zillertal genommen hat. Von dort wurde das Lied durch Sängertruppen in die Welt verbreitet“ und zunächst als authentisches Tiroler Volkslied rezipiert, bis Gruber 1854 in einem kurzen Text die eigentliche Entstehungsgeschichte referierte – Mohr war damals bereits seit sechs Jahren tot.
Neureiter, der als Sohn des Halleiner Mesners sogar einige Jahre im ehemaligen Schlafzimmer Franz Xaver Grubers gelebt hat, hofft allerdings nicht nur auf Liederbücher, um die „Stille Nacht“-Forschung voranzutreiben: „Es besteht ja immer noch die Möglichkeit, dass in irgendwelchen Kisten in Hallein, Mariapfarr oder in einem anderen der relevanten Orte neues Material auftaucht“, sagt Neureiter, der nach einer langjährigen politischen Karriere mittlerweile eine Firma für die Restauration von Turmuhren betreibt. „Ich habe vor 14 Tagen aus Kärnten eine Messe in die Hand bekommen, eine Trauermesse, von Franz Gruber – wir sind gerade dabei zu klären, ob das unser Franz Xaver Gruber ist oder sein Sohn.“ Ein unbekanntes Werk des „Stille Nacht“-Komponisten: Das wäre kein schlechtes Weihnachtsgeschenk für die Freunde des Liedes.
Tilman Spreckelsen Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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