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Mittwoch, 15. Februar 2012
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Leitglosse Am Scheideweg

20.11.2007 ·  Die Fortschritte der Stammzellforscher sind atemberaubend. Doch noch ist es zu einem therapeutischen Einsatz beliebig wandelbarer, ethisch unbelasteter Zellen ein weiter Weg. Denn über mögliche Nebenwirkungen der Neuprogrammierung weiß man noch nichts.

Von Joachim Müller-Jung
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Es sind verheißungsvolle Taten und noch größere Worte, mit denen die Stammzellforschung jetzt wieder in die Öffentlichkeit drängt: beliebig wandelbare und damit eines Tages vielleicht medizinisch unentbehrliche Zellen aus dem Labor - auf direktem Weg und mit vergleichsweise minimalen Eingriffen aus schlichten Hautzellen gewonnen. Eine Verjüngungskur durch genetische Reprogrammierung. Und vor allem: ohne den ethisch fragwürdigen Umweg über die Nutzung von Embryozellen.

Vom „Heiligen Gral“ sprechen nun ausgerechnet jene Forscher, die sich zur Gewinnung von Zellen solcher Qualität und Potenz bisher unumwunden für die Embryonutzung ausgesprochen haben. Und nicht nur das: Die faszinierenden neuen Zellen, über die japanische und amerikanische Wissenschaftler berichten, kommen sogar aus solchen Laboren, in denen die embryonale Stammzellforschung stark gefördert wurde. Werden sich diese Forscher jetzt besinnen und mit ihnen all die anderen, die in der Stammzelldebatte stets auf die Notwendigkeit der Nutzung von Embryozellen gepocht haben? Werden sie Klonpionier Wilmut folgen, der sich jetzt entschlossen hat, das Projekt „therapeutisches Klonen“ zur Herstellung patientenspezifischer Stammzellen aufzugeben?

Königsweg ist eingeschlagen

Diese Forderungen werden, zumal jetzt, in der neuerlichen Debatte über die Novellierung des Stammzellgesetzes sicher kommen. Sie sind im Grundsatz sogar verständlich - und wären gerechtfertigt, wenn die Forschung tatsächlich schon so weit wäre, über therapeutische Strategien nachdenken zu können. Biomedizinisch ebenbürtigen, aber „schonend hergestellten“ pluripotenten Stammzellen ist gewiss der Vorzug zu geben. Aber so weit ist man offensichtlich noch nicht.

Zweifelsohne ist der Königsweg der regenerativen Medizin, der für viele Patienten irgendwann zu überlebenswichtigen Ersatzzellen führen kann, endgültig eingeschlagen. Und die Fortschritte der Forscher sind atemraubend. Doch was die neuen Zellen in der medizinischen Praxis wirklich wert sind, welche Nebenwirkungen die genetische Neuprogrammierung der Zellen hat, das ist auch in Ansätzen bisher nicht bekannt. Und solange das so ist, wird die Mehrheit der Forscher für die nun gegebene Dreigleisigkeit plädieren: für adulte und für embryonale Stammzellen - und für die Erprobung der vielversprechenden reprogrammierten Körperzellen.

Quelle: F.A.Z., 21.11.2007, Nr. 271 / Seite 1
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