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Krebsfrüherkennung Der mündige Patient - ein Mythos wird entlarvt

13.08.2009 ·  Deutsche Frauen und Männer sind, was ihre Einschätzung der Risikominderung durch Vorsorgeuntersuchungen angeht, mangelhaft informierte Optimisten. Und die Ärzte tragen ihren Teil zu dieser Desinformation bei. Es mangelt an Kenntnissen in Statistik.

Von Joachim Müller-Jung
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Angekündigt war eine neue Studie zum Verständnis der Krebsfrüherkennung, vermutet werden durfte ein Denkzettel für Medizin und Politik. Was dann allerdings in den Räumen einer Berliner Agentur auf den Tisch kam, war weit mehr als das - es wurde eine glatte Abrechnung mit Anklagecharakter. Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Autor von Büchern wie "Das Einmaleins der Skepsis", hat am letzten Dienstag die Gesundheitsindustrie mitsamt der sie stützenden und fördernden Politik der fahrlässigen Desinformation bezichtigt.

Der mündige Patient? Ein Mythos. "Es werden viele Hoffnungen geweckt und viel Geld ausgegeben, aber es fließt wenig Information", das waren die ersten Worte Gigerenzers bei der Vorstellung seiner im amerikanischen "Journal of the National Cancer Institute" erscheinenden Studie.

Wie informieren sich Frauen und Männer?

Die Untersuchung ist die erste, die Gigerenzer - zusammen mit Jutta Mata von der TU Lissabon und Ronald Frank von der Gesellschaft für Konsumforschung - unter dem Dach des erst vor wenigen Monaten gegründeten Harding Center for Risk Literacy vorgenommen hat. Um zwei einfache Fragen ging es: Sind Frauen und Männer ausreichend kompetent, wenn es um die Einschätzung des Nutzens der Krebsfrüherkennung geht? Und zweitens: Wie informieren sie sich?

Befragt wurden in Interviews rund zehntausend Menschen in acht europäischen Staaten sowie im europäischen Teil von Russland. Die Frauen wurden gefragt, wie sie die Risikominderung durch die europaweit stark propagierte und schon weit vorangetriebene Reihenuntersuchungen auf Brustkrebs - das Mammographie-Screening - einschätzen. Die Männer sollten ihre Chancen auf eine lebensrettende Früherkennung von Prostatatumoren mit dem Test auf das prostataspezifische Antigen - den PSA-Test - beziffern.

Das Beispiel Brustkrebs-Screening

Zugrunde gelegt haben Gigerenzer und seine Kollegen die Resultate aus evidenzbasierten Studien der vergangenen drei Jahre. Darin wurde festgestellt, dass von tausend Frauen, die an keiner Brustkrebsvorsorge teilnehmen, innerhalb von zehn Jahren fünf mit der Diagnose Brustkrebs sterben. Unter tausend Frauen im Screening sterben hingegen vier an Brustkrebs. Zwanzig Prozent Risikominderung, wie oft zu hören und zu lesen ist, bedeutet also nicht etwa, dass zwanzig von hundert Frauen durch Screening gerettet werden. Zwanzig Prozent ist eine relative Risikoreduktion: Statt fünf "nur" noch vier Brustkrebstote bei tausend Tests.

Um einen tödlichen Brusttumor frühzeitig zu erkennen, was mit Röntgenaufnahmen der Brust möglich ist, und diesen zu entfernen, müssen also tausend Frauen untersucht werden - mit dem Risiko der daraus folgenden Strahlenbelastung. Andererseits profitieren einige Erkrankte durch die Früherkennung, weil weniger Chemotherapie und Lymphknotenentfernungen nötig und die brusterhaltende Operation wahrscheinlicher wird.

Alles in allem also eine Risiko-Gemengelage, die grundsätzlich nicht neu, aber immer wieder Ausgangspunkt für neue Diskussionen um den Sinn der Früherkennungen ist. Noch umstrittener und unbefriedigender, was das Gefahrenminderungspotential und die Studienlage angeht, ist die Situation beim umstrittenen PSA-Test. Hier haben Gigerenzer eine Risikominderung durch den PSA-Test von null bis höchstens einem Todesfall bei tausend Getesteten angesetzt.

Deutliche Überschätzung der Risikominderung in Deutschland

Auf die Frage nun, wie viel Menschen wohl durch den jeweiligen Früherkennungstest gerettet werden könnten, erwiesen sich die Europäer, so Gigerenzer, als absolut "mangelhaft informierte Optimisten" - mit den deutschen Frauen an der Spitze:. 92 Prozent der Frauen in den neun Ländern und 89 Prozent der Männer überschätzten das Risikominderungspotential um mindestens das Zehnfache. Beinahe 98 Prozent der deutschen Frauen gaben an, die Mammographie könne statt der einen mindestens zehn Krebstote verhindern. Fast ein Drittel rechnet sogar mit hundert oder zweihundert Krebsopfern weniger. Besonders pikant: In Russland, wo Screenings kaum verbreitet und diskutiert werden, schätzen sowohl Frauen wie Männer die Risikolage deutlich realistischer ein.

Auf der Suche nach den Quellen solcher Fehlinformationen sind Gigerenzer und sein Team überall und nirgends fündig geworden: "Es gibt keine einzige Informationsquelle, die korrekte Informationen liefert", sagte Gigerenzer, jedenfalls nicht in Deutschland. Wo Transparenz gefordert sei, herrsche Desinformation und Unmündigkeit. Weder Fachblättchen und offizielle Gesundheitsbroschüren, die von immerhin vierzig Prozent der deutschen Teilnehmer als Informationsquelle angegeben wurden, noch die viel regelmäßiger genutzten Massenmedien wie Fernsehen und auch der praktizierende Arzt als Informationsquelle Nummer eins in Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien und Spanien trügen zu realistischeren Einschätzungen bei.

Bessere Kenntnisse in Statistik notwendig

"Die Frauen, die sich hierzulande vom Arzt beraten lassen, überschätzen den Nutzen sogar besonders stark", so Gigerenzer. Überall werde mehr geworben und auf höhere Teilnehmerraten geschielt statt sauber informiert. Was er, der selbst in der Ärztefortbildung tätig war, mit einer klaren Forderung verbindet: Zur medizinischen Ausbildung gehöre mehr Statistik und Wahrscheinlichkeitslogik, damit "die Ärzte anfangen, ihre eigenen Tests zu verstehen". Die Menschen - Mediziner inbegriffen - müssten den Risiken endlich ungeschminkt in die Augen sehen. "Wir sollten beginnen, ein entspannteres Verhältnis im Umgang mit Unsicherheiten zu entwickeln", sagte Gigerenzer.

Was aber wären die Folgen von mehr Realismus und weniger Optimismus in der Früherkennung? Zugespitzt könnte man fragen: Verdankt die Krebsvorsorge vielleicht sogar ihre Existenz bisher nur der Unmündigkeit der Menschen? Der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Werner Hohenberger, warb jedenfalls in dem unlängst erschienenen "Forum"-Heft ungeachtet aller Einschränkungen der Tests und Diskussion für das "noch längst nicht ausgeschöpfte Potential. Die enttäuschende Teilnahmequote an den Krebsvorsorgeuntersuchungen unterstreicht den Nachholbedarf in Deutschland. Nur etwa jeder fünfte Mann und jede zweite Frau in Deutschland nutzen die Angebote der gesetzlichen Krebsfrüherkennungsmaßnahmen." Das ist Mittelmaß. In einigen Ländern wie den Niederlanden oder Frankreich, wo man besonders optimistisch ist, sind die Teilnahmeraten an der Mammographie mit die höchsten.

Die Gesundheitspolitik steht vor einem Dilemma. Sollte man die überhöhten Erwartungen an die Tests gezielt herunterschrauben mit dem Risiko, dass weniger die Vorsorge akzeptieren - und damit deren Effizienz senken, möglicherweise sogar Screening-Programme aus den Angeln heben? Gigerenzer ist in der Hinsicht emotionslos: "Ich sage nicht, die Menschen sollen nicht hingehen zu den Untersuchungen. Aber es kann auch nicht darum gehen, ein Programm aufrechtzuerhalten, dessen Nutzen klein ist" - jedenfalls nicht um den Preis der Intransparenz und Desinformation.

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