12.09.2004 · Groß war der Sommer nicht. Aber eines hat er an den Tag gebracht: Tätowierungen, wohin man schaut. Selbst für Ethnologen sind sie ein Rätsel.
Von Julia GrossWenn es Herbst wird, verschwinden endlich auch wieder die Tattoos aus dem Straßenbild. Das stört nur wenige von uns. Für frühere Kulturen wäre das allerdings eine Katastrophe gewesen. Freiwillig erduldete Piekser, Farbe in der Haut, die nie wieder verschwindet - schon seit Tausenden von Jahren lassen das Menschen mit sich machen.
Die Chumash-Indianer aus Südkalifornien etwa bemalten die Haut und stachen die Farbe dann mit einer sauberen Nadel hinein. Ihre Stammesbrüder im Nordwesten Amerikas schnitten die Haut mit einem Obsidian ein und verrieben das Pigment in der Wunde. In Alaska benutzten die Inuit sogar Nadel und einen farbgetränkten Faden. Die ältesten bekannten Werkzeuge, die vermutlich zur Tätowierung dienten, stammen aus Höhlen in Frankreich: lange Nadeln aus Knochen mit einer eingeritzten Kerbe, in denen sich Spuren von rotem Farbpigment fanden - aus der Zeit von 38000 bis 10000 vor Christus.
Tätowierter „Ötzi“
"Das Tätowieren kam also entweder aus Frankreich, und die Technik hat sich bei der Verbreitung stark verändert, oder Menschen aus ganz verschiedenen Orten und Kulturen haben die Technik unabhängig voneinander entwickelt", sagt Terisa Green, Archäologin an der University of California in Los Angeles. "Ich denke, es war eine unabhängige Entwicklung, denn es ist relativ leicht, ein Tattoo herzustellen. Aber der Brauch ist so alt, daß wir seinen Ursprung wohl nie herausfinden werden."
Ein Grund dafür: Wissenschaftler graben zwar Ruinen, Werkzeuge und Knochen unserer Vorfahren aus, aber die Haut hat nur in seltenen Fällen Jahrtausende überdauert. Um so größer war die Sensation, als in den Alpen jener "Ötzi" getaufte Mann aus der Bronzezeit gefunden wurde. Kurze parallele Linien verzieren nahe der Wirbelsäule seinen Rücken und auch seine Fußgelenke. Die rechte Kniekehle ist mit einem Kreuz markiert. Weil mehrere dieser Tätowierungen an Punkten liegen, die auch Akupunkteure benutzen und weil "Ötzi" nachweislich an Arthritis litt, glauben die Entdecker der Gletscherleiche, daß die Tätowierungen aus therapeutischen Gründen gestochen wurden.
Tätowierung als Fingerabdruck
Das scheint unter anderem deshalb plausibel, weil auch die Mumie eines mutmaßlichen sibirischen Stammeshäuptlings ähnliche Markierungen auf dem Rücken trägt. Den Mann vom Stamm der Pazyrik zierten zudem zahlreiche phantastische Tierdarstellungen. Allerdings ist er fast dreitausend Jahre jünger. Wann genau die Menschen auf den Inseln des Pazifiks angefangen haben, sich gegenseitig zu tätowieren, ist ebenfalls kaum zu datieren. Bis zu dreitausend Jahre altes Steinzeug mit tattooähnlichen Mustern sowie Werkzeuge, die zum Tätowieren hätten benutzt werden können, deuten darauf hin, daß die Tradition spätestens zur Zeit der Besiedelung der Inseln von Südostasien aus begründet wurde.
Fest steht dagegen: Nirgendwo existierte eine ähnlich elaborierte Tätowierkultur wie im Pazifikraum. Über die Bedeutung der Muster ist jedoch so gut wie nichts bekannt. Die Europäer, die im 18. und 19. Jahrhundert auf die Inseln kamen, hatten größtenteils kein Interesse an polynesischer Kunst und Kultur. Die nachfolgenden Missionare und Kolonisten lehnten sie sogar ab und erzwangen die Anpassung an westliche Sitten.
„Wer nicht tätowiert war, durfte nicht heiraten“
"Die meisten Informationen gingen dabei verloren", sagt Terisa Green. Aus den tief in die Haut geritzten Linien des sogenannten Moko, der Gesichtstätowierung der neuseeländischen Maori, konnten die Ureinwohner zum Beispiel Abstammung, Familienzugehörigkeit und bedeutende Leistungen herauslesen. "Ein Moko repräsentierte die Person wie ein Fingerabdruck", sagt Green. Wie das genau funktionierte, weiß heute niemand mehr. Doch die Maori kannten die individuell geschwungenen Linien offenbar auswendig und konnten sie wie eine Unterschrift aufzeichnen.
Ausgerechnet die deutsche Kolonialmacht bewahrte um 1900 auf Samoa die Tätowier-Tradition. Ob das aus ehrlichem Interesse heraus geschah oder um den Einfluß der britischen Missionare gering zu halten, sei dahingestellt. In Werken wie Carl Marquardts "Die Tätowierung beider Geschlechter in Samoa" von 1899 wurden zumindest detaillierte Zeichnungen und Beschreibungen der zugehörigen Rituale überliefert. Auf Samoa war das Tätowieren untrennbar mit dem Übergang zum Erwachsenwerden verbunden. Die Jungen begannen im Teenager-Alter mit dem schmerzhaften Prozeß, an dessen Ende eine durchgehend tätowierte Fläche von den Hüften bis zum Knie stand. Das samoanische Wort für "zum Mann werden" bedeutete auch: "Du kannst tätowiert werden." Und das ist kein Zufall: "Wer nicht tätowiert war, durfte nicht heiraten, nicht in Gegenwart von Erwachsenen sprechen und mußte niedere Arbeiten verrichten", sagt Green. Die jungen Männer, die vor dem Schmerz zurückschreckten, galten als Feiglinge.
Tätowierung als Bestrafung
In der engen Verflechtung mit dem sozialen Alltag liegt der größte Unterschied zwischen der Rolle der Tätowierung in der westlichen Kultur und den Pazifik-Inseln. Nachdem James Cook um 1770 die Kunst des Tätowierens und auch das Wort "Tattoo" (vom tahitianischen "tatau", was "markieren" bedeutet) mit nach Europa gebracht hatte, war es dort eine Zeitlang sehr modern, die Haut auf diese Weise zu schmücken. König Edward VII. von England hatte eine Tätowierung, ebenso seine Söhne. Von Winston Churchills Mutter weiß man, daß sich um deren Handgelenk eine Schlange wand. "Im großen und ganzen waren Tattoos in der westlichen Kultur aber eher stigmatisierend. Manchmal wurden sie sogar als Bestrafung eingesetzt", sagt Green. "Sie spielten niemals eine Rolle in grundlegenden Mechanismen der Gesellschaft."
Irgendein Verlangen, sich selbst unwiderruflich zu markieren, scheint dennoch rund um den Globus zu existieren. Als Schmuck, als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder als Zeichen des eigenen Status. "Menschen haben das unstillbare Bedürfnis zu kommunizieren", sagt Green. Und manchmal tut das eben weh.