12.12.2005 · Angesichts gestiegener Kosten durch die Gesundheitsreform sind im vergangenen Jahr 8000 Kinder weniger nach einer künstlichen Befruchtung auf die Welt gekommen als zuvor - das entspricht der Geburtenrate einer Millionenstadt.
Von Joachim Müller-JungDer internationale Reproduktionsmarkt ist weiter im Umbruch. Das haben zum einen die am Wochenende in Münster veröffentlichten Zahlen des "Deutschen IVF-Registers" aus dem Jahr 2004 deutlich gemacht, und vielleicht noch untrüglicher ist der Hinweis, den ein österreichischer Fortpflanzungsmediziner dieser Tage auf der Homepage seiner mittlerweile fünf europäischen Reproduktionsinstitute publik gemacht hat: "Gewinnspiel: Die Verlosung einer Gratis-IVF/ICSI-Behandlung erfolgte am 5. Dezember 2005 um 14 Uhr. Eine anwesende Patientin fungierte als Glücksfee und zog aus den vielen richtig ausgefüllten Antwortmails die Gewinnerin, welche umgehend verständigt wurde." Wochen vorher hatte der Mediziner mit einer entsprechenden Bekanntmachung um die Gunst nicht zuletzt auch der deutschen Kinderlosen geworben.
Eine Billigfahrt nach Pilsen jenseits der deutsch-tschechischen Grenze, eine Fahrt ins vermeintliche Paradies der Babymacher - solche oder ähnliche Entwicklungen hatten die deutschen Reproduktionsmediziner zu beklagen, als sie vor wenigen Tagen zum ersten Kongreß des "Dachverbandes Reproduktionsbiologie und -medizin" (DVR) in Münster zusammenkamen. Klagen, die dutzendfach und immer öfter vorgetragen worden sind, seit zum 1. Januar 2004 die alte Bundesregierung mit Unterstützung der damaligen christdemokratischen Opposition das Gesundheitsmodernisierungsgesetz in Kraft und damit zugleich die Reproduktionsmedizin unter Druck gesetzt hat. Seit diesem Datum müssen gesetzlich versicherte Paare, die ihren unerfüllten Kinderwunsch durch künstliche Befruchtung verwirklichen wollen, die Hälfte der anfallenden Kosten selbst übernehmen. Frauen, die jünger als fünfundzwanzig oder älter als vierzig sind, müssen alles selbst bezahlen, gleichgültig, ob der Kinderlosigkeit eine angeborene oder unbehandelbare Krankheit zugrunde liegt.
60 Prozent Rückgang
Pro Behandlungszyklus betragen die Kosten einer gewöhnlichen In-vitro-Fertilisation im Reagenzglas im Schnitt 2800 Euro, bei einer Mikroinjektion des Samens in die Eizellen rund 3400 Euro. Allerdings belassen es die Ärzte und die Paare in vielen Fällen nicht bei einer Behandlung, um ans Ziel zu kommen. Bei knapp 39400 behandelten Frauen im vorigen Jahr wurden insgesamt 61.724 Eingriffe verzeichnet. Übernommen werden seit der Gesundheitsreform von den Krankenkassen pro Frau maximal drei Behandlungen.
Die privat zu tragenden Kosten sind nach Überzeugung von Ricardo Felberbaum, dem Vorstandsvorsitzenden des Deutschen IVF-Registers in Bad Segeberg, denn auch der Hauptgrund für eine Entwicklung, wie sie die an Wachstum gewöhnte Reproduktionsbranche vorher noch nie erlebt hat: Innerhalb eines Jahres, von 2003 auf 2004, das erste Abrechnungsjahr der Gesundheitsreform, sank die Zahl der Behandlungszyklen um insgesamt fast sechzig Prozent. Im Jahr 2003 waren es noch knapp 25000 konventionelle IVF-Behandlungen, im Jahr danach nur noch knapp 11.800. Gleichzeitig ging die Zahl der in den rund 120 deutschen Reproduktionszentren vorgenommenen ICSI-Mikroinjektionen von etwa 51.000 auf rund 25.000 zurück. Im Ergebnis sank die Geburtenzahl durch künstliche Befruchtungen um annähernd achttausend Kinder. "Das entspricht nahezu der jährlichen Geburtenrate einer Millionenstadt wie Köln", sagte Franz Geisthövel vom DVR in Münster. Statt der 17.606 Kinder, die im Jahr 2003 durch künstliche Befruchtung in Deutschland geboren wurden, waren es bis zum Ablauf des vergangenen Jahres nur knapp 9800 Retortenkinder.
Keine Zunahme der Mehrlingsgeburten
Wie abrupt sich die Kostenübernahme auf die Statistik ausgewirkt hat, läßt sich Felberbaum zufolge auch in der Benutzung von "älteren", im Vorkernstadium tiefgefrorenen Embryonen ablesen. Nicht weniger als ein Viertel der Embryonen, knapp 17.000, die den Frauen übertragen wurden, waren in den Monaten und Jahren davor kryokonserviert worden. Mit diesen als "therapeutische Ressourcen" bezeichneten Vorräten hat man die Kosten für die Behandlungen selbst in vielen Fällen verringert. Auch qualitativ versucht man, dem "Fortpflanzungstourismus" ins liberalere Ausland, nach Tschechien, Polen, Belgien, Spanien oder England, etwas entgegenzusetzen. Zumindest gaben die Reproduktionsmediziner in Münster als Ziel aus, daß "trotz des restriktiven Embryonenschutzgesetzes und trotz des Gesundheitsmodernisierungsgesetzes ein von ungewollter Kinderlosigkeit betroffenes Paar in Deutschland nicht schlechter behandelt wird", wie es im neuen IVF-Register zusammenfassend heißt.
Zumindest in einem Punkt hat sich der Kostendruck bislang nicht wie vielfach befürchtet ausgewirkt: Zu mehr Zwillings-, Drillings- oder gar Vierlingsschwangerschaften ist es im vergangenen Jahr offenbar nicht gekommen. Weil jede Behandlung neue Kosten verursacht, war befürchtet worden, daß in den Reproduktionskliniken mit Inkrafttreten der Schmidtschen Gesundheitsreform im Schnitt mehr als die angestrebten ein oder zwei Embryonen pro Zyklus übertragen würden. Tatsächlich ist der Anteil der vergleichsweise komplikationsanfälligeren Zwillingsgeburten auf knapp zwanzig Prozent und der von Drillingen auf 1,2 Prozent weiter leicht gesunken.
Zu teuer ?
Alexander Kip (Kip)
- 14.12.2005, 14:38 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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