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Im Zweifelsfall ökologisch

Der Pflanzenschutz hinterfragt die Sicherheit der Gentechnik - mit dem Ökolandbau im Hinterkopf.

© dpa Vergrößern Protest gegen Genmais am Kaiserstuhl (1998)

Gentechnik genießt in Deutschland keinen guten Ruf. Die Politik stellt mit all den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln die Weichen hin zu einem ökologischen Landbau und hat erst vor kurzem das neue Gentechnikgesetz vorgestellt, das die Regeln für Gentechnikanwendungen in Deutschland verschärft. Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen auf deutschen Äckern wird so erheblich erschwert. Auch bei den Verbrauchern herrschen große Vorbehalte: Die Diskussion über die Kennzeichnung gentechnischer Lebensmittel hat die Gemüter erhitzt.

Viele Wissenschaftler bezeichnen diese Ängste als unbegründete Vorurteile. Doch selbst Fachleute zeigen mitunter Berührungsängste. Deutlich wurde das auf der 54. Deutschen Pflanzenschutztagung, die vergangene Woche in Hamburg stattfand. Über 1300 Teilnehmer aus Wissenschaft, Industrie und Fachverbänden diskutierten zwar ausgiebig über neue Verfahren im biologischen Pflanzenschutz und neue Anwendungen im Ökolandbau, doch beim Thema Gentechnik drehte es sich meistens um die Biosicherheit bei der Freisetzung von transgenen Pflanzen und wenig um aktuelle Grundlagenforschung.

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Mais mit eigenem Pflanzenschutzmittel

Von der grünen Politik fühlen sich neben den Pflanzenschützern auch viele Landwirte in Richtung ökologischen Anbau gedrängt. Obwohl diese Art des Landbaus von vielen Bauern gern angenommen wird, zeigen sich oft schon bald Schwierigkeiten. Neben erhöhten Kosten und geringerem Ertrag sind es vor allem die Pflanzenkrankheiten, die ganze Ernten vernichten können. Diese Krankheiten können oft nur mit konventionellen Methoden, also durch Pflanzenschutzmittel, oder durch gentechnisch veränderte Pflanzen in Schach gehalten werden. Doch in Deutschland dürfen transgene Pflanzen bisher nur zu wissenschaftlichen Versuchszwecken angebaut werden. Die Experimente beschäftigen sich dabei vor allem mit den Risiken, die diese Pflanzen für die Umwelt bereithalten. Vor allem der Bt-Mais hat es den Wissenschaftlern angetan. Seiner Wirkung auf die Tierwelt widmeten sich einige der Vorträge.

Der gentechnisch veränderte Mais bildet mit Hilfe einiger eingeschleuster Gene des Bakteriums Bacillus thuringiensis sein eigenes Pflanzenschutzmittel: das Bt-Toxin. Dies zerstört die Darmwand von Fraßschädlingen und macht den Bt-Mais widerstandsfähig gegen Schädlinge wie den Maiszünsler, der im konventionellen und ökologischen Anbau große Ertragsverluste verursacht hat. Ein Pflanzenschutzmittel, das Bt-Toxine enthält und auf die Pflanzen aufgesprüht wird, ist seit einigen Jahren in Deutschland zugelassen und darf auch im ökologischen Landbau verwendet werden. Der Anbau von gentechnisch verändertem Bt-Mais hingegen ist in Deutschland nicht gestattet. Als Risiko werden vor allem die Auskreuzung in Wildpopulationen, die Resistenzbildung beim Maiszünsler, negative Auswirkungen auf Nichtzieltiere und die Übertragung der Pollen auf Felder des ökologischen Landbaus angesehen.

Forscher finden keine Auswirkungen

Mehr als zehn Arbeitsgruppen untersuchen innerhalb eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Monitoringprogramms die Sicherheit beim Anbau von Bt-Mais. Erste Ergebnisse wurden auf der Pflanzenschutztagung vorgestellt. Eine Gruppe der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) untersuchte Larven des Maiszünslers, die auf Bt-Mais gesammelt worden waren, auf Resistenzen gegen das Toxin. Die Wissenschaftler wurden weder bei den Larven noch bei deren Nachkommen fündig.

Mit den Effekten von Bt-Mais auf die Insekten in der Krautschicht beschäftigten sich Wissenschaftler vom Institut für Umweltforschung an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Auch diese Gruppe konnte bisher keine Auswirkungen der gentechnisch veränderten Pflanzen auf die Gliedertiere nachweisen. Und auch die Untersuchungen eines Forscherteams von der Universität Göttingen an Blattläusen und deren Parasitoidenkomplexen zeigten keine Auswirkungen der Fremdgene auf diese Tiere. Zu anderen Ergebnissen kam jedoch eine Gruppe um Martin Felke von der BBA in Darmstadt. Fressen die Raupen von Tagpfauenauge und Kohlmotte, die im Falle von Bt-Mais Nichtzielorganismen sind, Pollen der transgenen Maislinie Bt-176, so führt dies zu einer verzögerten Entwicklung der Larve. Die Darmstädter Forscher plädieren daher dafür, nur Maislinien mit geringer Toxizität zuzulassen, Mindestabstände zu Naturschutzgebieten einzuhalten und Mantelsaaten anzulegen.

Verärgerung über Gentechnikgesetz

Mit Mantelsaaten, also einem Saum aus nicht gentechnisch veränderten Pflanzen um die transgenen Bestände herum, und deren Auswirkungen auf solitäre Wildbienen beschäftigte sich eine andere Gruppe der BBA. Die Bienen wurden im Larvenstadium in einem Bereich außerhalb der Mantelsaat ausgesetzt. Als sie geschlüpft waren, sammelten sie Pollen und brachten diese ihrem Nachwuchs. Die in die Brutzellen eingetragenen Pollen wurden molekularbiologisch untersucht, und dabei stellte sich heraus, daß in mehr als zwanzig Prozent der Brutzellen die Pollen von gentechnisch verändertem Raps enthalten waren. Die Wissenschaftler sind der Meinung, daß Mantelsaaten nur bedingt vor dem Austrag transgener Rapspollen durch Insekten schützen.

Das neue Gentechnikgesetz scheint diese Versuche nun aber alle hinfällig zu machen. Werden im Saatgut ökologisch wirtschaftender Betriebe bestimmte Mengen - über die Anteile wird derzeit europaweit diskutiert - transgener Pflanzenteile gefunden, so gilt dies als wirtschaftlicher Schaden. Die im Gentechnikgesetz vorgesehenen Haftungsbestimmungen dafür sind so streng, daß ein solcher Vorfall für viele Landwirte den wirtschaftlichen Ruin bedeuten könnte. Auch Universitäten können haftbar gemacht werden.

Die Lust auf neue Versuche und den Anbau von transgenen Pflanzen ist daher vielen vergangen. Einige machten dies auf der Pflanzenschutztagung deutlich. Ansonsten wurde das Thema Gentechnikgesetz nur ungern angeschnitten, der Ärger darüber war in Hamburg allseits zu spüren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.09.2004, Nr. 227 / Seite N1

 
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Veröffentlicht: 29.09.2004, 12:10 Uhr

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Von Christian Schwägerl

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