26.06.2009 · Das Leben des Nobelpreisträgers und großen Hirnforschers auf der Leinwand ist ein Ereignis. Im F.A.Z.-Interview spricht der aus Wien stammende Wissenschaftler über die Besonderheit biografischen Erinnerns und Grenzen des Gehirndopings.
Das Leben des Nobelpreisträgers und großen Hirnforschers auf der Leinwand ist ein Ereignis. Im F.A.Z.-Interview spricht der aus Wien stammende Wissenschaftler über die Besonderheit biografischen Erinnerns und die Grenzen des Gehirndopings.
Haben Sie sich bei den Dreharbeiten nicht manchmal auch über Gedächtnislücken geärgert und gefragt, ob sie Ihren Erinnerungen wirklich trauen können?
Na klar, das Gedächtnis ist nicht präzise. Es lässt sich leicht durcheinanderbringen. Das Schlimme am autobiographischen Gedächtnis ist aber nicht, dass es seine Funktionstüchtigkeit verliert, sondern dass es immer weniger Menschen um dich herum gibt, mit denen du die Fakten absichern kannst. Meine Erinnerungen an unsere Haushälterin Mitzi sind sehr lebendig geblieben. Ich mochte sie sehr, habe oft von ihr erzählt, das hat die Erinnerung verfestigt. Trotzdem bleiben Lücken. Mitzi und ihr Freund, ein Gasklempner, sind mit mir öfter ins Kino gegangen, wenn sie auf mich aufpassen sollte. Auf dem Weg ins Kino hat sie dem Klempner dann erzählt, ich wisse alles über Sex. Mitzi hatte mich zuvor detalliert, nicht obszön, über die Liebe aufgeklärt. Ich weiß nicht mehr, was wir damals auf dem Weg zum Kino erzählt haben, aber ich erinnere mich daran, dass es sehr lustig war. Ich sehe uns den Mund öffnen, aber ich erinnere mich nicht, was dabei herauskam.
Heute würde man das alles wahrscheinlich auf dem Handy aufzeichnen. Können die Datenberge unser Gehirn entlasten?
Absolut. Einer der Gründe, warum ich diesen Film gemacht habe, ist, dass unsere Enkel und Urenkel sehen können, wer Denise und ich waren. Es sollte ein Heimatfilm werden. In meiner Kindheit wurden alle Babies fotografiert, meistens splitternackt. Von mir wurden in Wien fünfzig solcher Fotos gemacht. Mein Sohn macht heute fünfzig solcher Fotos allein, wenn er mit der Familie zum Picknick fährt. Das hat allerdings auch etwas Suchterzeugendes. Meine Frau hat vor kurzem ein I-Phone bekommen, es ist für sie wie ein Kind. Sie ist 76 und spielt die ganze Zeit damit, stellen Sie sich das vor. Die Frage jedoch, ob das unsere Kreativität künftig erweitert oder ob sie eingeschränkt wird, das weiß heute keiner.
In ihrem Film gibt es nur wenige Szenen, in denen Sie sich als Hirnforscher zur Zukunft äußern zu den Verlockungen und Versprechen des Hirndopings etwa.
Ist das so? Stimmt.
War das Absicht?
Nein, vieles ist rausgefallen. Wir hatten sieben Stunden Filmmaterial. In meinem Buch gibt es aber ein ganzes Kapitel dazu. Und in dem Band über Expressionismus und Hirnforschung, an dem ich gerade sitze, geht es um eine Zukunftsphantasie, in der die Neurowissenschaften das Esperanto liefern, die gemeinsame Sprache für Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Unser Geist sitzt nun mal im Gehirn. Ich versuche, die Emotionen in der Kunst mit Vorgängen im Gehirn zu verstehen.
Je größer die Emotionen, desto stärker die Erinnerung, sagen sie. Dahinter stehen biochemische Prozesse. Ist es vertretbar, solche Zugänge zum Gedächtnis, wie Sie sie auch mit Ihrer Firma vorantreiben, pharmakologisch auszunutzen?
Nicht in jedem Fall. Wenn der Mensch stark traumatisiert ist, dann werden die Erinnerungen durch die Emotionen zu stark. Die Leute denken ständig an das Schreckliche und leiden. Ich habe dennoch ein unangenehmes Gefühl, wenn man die Erinnerungen mit Pillen zu löschen versucht. Ich halte das für eine gefährlichere Sache als Hirndoping. Du bist, was du bist, mit all deinen Erinnerungen. Wer da eingreift, greift in die Charaktereigenschaften eines Menschen ein.
Was ist besser daran, wenn man die Gedächtnisleistung künstlich steigert?
Wenn jemand achtzig Jahre alt ist und das Gedächtnis nachlässt, würde ihm doch niemand verweigern, diese Einbußen an Lebensqualität zu beheben, indem man ihm eine Pille gibt und wir es so erreichen, dass er sich danach besser fühlt. Die Pille darf natürlich keine schweren Nebenwirkungen haben, dann können wir es wagen. Aber für all das kann man klare Kriterien aufstellen. Es ist allerdings lächerlich, einen Dreizehnjährigen, der sich für den Aufnahmetest zum Gymnasium vorbereitet, mit Pillen vollzustopfen. Da gibt es bessere Wege, seine Leistung zu verbessern. Zum Beispiel lernen.
Ist es aber nicht viel verlockender für viele, solche Pillen und die damit erhoffte Wirkung einfach rasch zu kaufen?
Die Firmen können Tausende Wirkstoffe entwickeln, aber keine von ihr kommt je auf den Markt, wenn sie nicht von der Zulassungsbehörde geprüft und genehmigt wird. Hier wird entschieden, nicht bei den Wissenschaftlern. Die Gesellschaft muss einen verantwortlichen Umgang damit regeln, nicht die Wissenschaftler.