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Hypnose Wörter verlieren ihren Sinn

 ·  Für die meisten Menschen klingt Hypnose nach Hokuspokus. Hypnose kann aber nachweislich die Denkleistung beeinflussen und die neuronale Aktivität in Hirnarealen verändern. Die Macht des Hypnosependels vermag zu erstaunen.

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Hypnose klingt nach Hokuspokus. Da ist die Rede von Pendeln und Suggestion oder von willenlosen Opfern, die über glühende Kohlen laufen. Die Arbeit der Hypnotiseure hat aber durchaus eine wissenschaftliche Grundlage: Hypnose kann die Denkleistung beeinflussen und die neuronale Aktivität in verschiedenen Hirnarealen verändern. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler von der Cornell University in New York gekommen, als sie Probanden unter dem Einfluß von Hypnose einem speziellen kognitiven Test unterzogen.

Die Arbeitsgruppe um Amir Raz untersuchte acht gut hypnotisierbare Personen und acht Probanden, die schlecht auf Hypnose ansprachen. Zunächst wurden alle Teilnehmer - so gut es ging - in Hypnose versetzt. Anschließend präsentierten die Forscher den Probanden in mehreren Durchgängen Farbwörter, die in einer von vier verschiedenen Farben auf einem Bildschirm erschienen - entweder in der Farbe, die das jeweilige Wort benannte, oder in einer anderen. So war etwa das Wort „rot“ in roter oder in blauer Farbe zu lesen. Die Probanden sollten im Anschluß so schnell wie möglich angeben, in welcher Farbe es dargeboten worden war.

Man kann nicht nicht lesen

Für gewöhnlich reagieren wir langsamer, wenn das Farbwort und die Farbe, in der es geschrieben ist, nicht übereinstimmen. Experten nennen dieses Phänomen nach ihrem Entdecker den Stroop-Effekt. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat John Ridley Stroop herausgefunden, daß wir ein Wort automatisch zu lesen beginnen und es nicht ignorieren können - auch dann, wenn uns eigentlich nur die Farbe interessiert, in der das Wort geschrieben ist. Präsentiert man uns also das Wort „rot“ in blauer Tinte, tendieren wir dazu, „rot“ statt „blau“ zu sagen, wenn wir nach der Schriftfarbe gefragt werden. Anders ist es bei Erstkläßlern. Sie erfassen das Wort noch nicht als ganzes, sondern müssen jeden Buchstaben an den nächsten reihen.

Den Probanden der Cornell University suggerierte man vor der Hälfte der Durchgänge, die auf dem Monitor dargebotenen Farbwörter seien lediglich bedeutungslose Symbole, deren Sinngehalt die Teilnehmer nicht verstehen würden, ähnlich wie die Schriftzeichen einer fremden Sprache. Von den gut hypnotisierbaren Probanden erwarteten die Wissenschaftler, daß sie im Test besser abschneiden würden: Bei einer fehlenden Übereinstimmung zwischen dem Farbwort und seiner Schriftfarbe - etwa „rot“ in blauer Tinte geschrieben - sollten die Teilnehmer nach erfolgreicher Hypnose zügiger die Schriftfarbe benennen können, da sie nicht durch die Bedeutung des Farbwortes abgelenkt würden.

Die Macht des Hypnosependels

Und tatsächlich haben die gut hypnotisierbaren Probanden die Schriftfarbe schneller und häufiger richtig benannt als diejenigen Teilnehmer, die schlecht auf Hypnose ansprachen, wie die Forscher in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Early Edition) berichten.

Mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) und der Elektroenzephalographie (EEG) hatten die Forscher während der Untersuchung zudem die Hirnaktivität der Probanden aufgezeichnet. Dadurch konnten sie verfolgen, welche Areale aktiviert wurden. Sie untersuchten etwa gezielt die vordere zinguläre Hirnrinde, einen Bereich des limbischen Systems im Stirnhirn. Aus früheren Studien weiß man, daß dieses Areal aktiv ist, wenn Konflikte gelöst werden. Entsprechend zeigte sich bei den gut hypnotisierbaren Probanden der Cornell-Studie eine vergleichsweise geringere Aktivität der vorderen zingulären Hirnrinde, mußten sie sich doch nicht zwischen Wortbedeutung und Schriftfarbe entscheiden und folglich keinen Konflikt lösen.

Die Forscher beobachteten außerdem eine verringerte Aktivität in Hirnarealen im Hinterkopf, die visuelle Reize verarbeiten. Dieses Phänomen leuchtet ein, wenn man annimmt, daß die Probanden nach erfolgreicher Hypnose tatsächlich nicht mehr automatisch lesen. So macht der Sehsinn unter Hypnose Pause, und aus Erwachsenen werden gewissermaßen Abc-Schützen, die noch keine Buchstaben kennen. Die Macht des Hypnosependels vermag zu erstaunen.

Quelle: F.A.Z., 06.07.2005, Nr. 154 / Seite 34
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