01.08.2006 · Viele glauben, man könne zwischen männlich und weiblich trennscharf unterscheiden. Doch der Versuch, die Geschlechter kategorial typologisieren zu wollen, ist schon im Ansatz falsch. Was ist nun aber weiblich und männlich?
Von Eckart VolandGeschlecht ist zu allererst eine biologische Kategorie. Deshalb wähnten sich Biologen (und Nicht-Biologen) immer schon wie selbstverständlich legitimiert, auch Geschlechtsunterschiede als biologische Kategorie zu behandeln. Es sind allerdings all diejenigen frustriert worden, die glaubten oder hofften, daß ein Psychogramm genauso trennscharf zwischen männlich und weiblich unterscheide wie eine DNA-Analyse. Einen naturgesetzlich begründeten Katalog, der klipp und klar enthält, was im Denken, Fühlen und Handeln männlich und weiblich definiert, gibt es jedoch nicht und kann es auch gar nicht geben, weil der Versuch, die Geschlechter kategorial typologisieren zu wollen, schon im Ansatz falsch ist.
Der Biophilosoph Ernst Mayr hat wiederholt darauf hingewiesen, daß die vermutlich größte intellektuelle Hürde, die die Akzeptanz der Darwinischen Theorie und des biologischen Denkens überhaupt erschwert, im typologisierenden, essentialistischen Denken bestehe. Evolution produziere Typen, und was sich nicht eindeutig typologisieren lasse, könne deshalb nicht biologischen Ursprungs sein - so die irrige Annahme. Für viele folgt deshalb aus der Unmöglichkeit, auf der psychologischen und sozialen Ebene zu einer essentialistischen Geschlechterdefinition zu gelangen, die Schlußfolgerung, daß die je vorgefundene kulturelle Differenzierung der Geschlechterrollen nichts mit Biologie zu tun habe.
Biologische Anpassungsprozesse erkennbar
Soziobiologen widersprechen hier energisch und behaupten, daß möglicherweise wahrnehmbare Geschlechtsunterschiede unterschiedliche Lebensstrategien und deshalb unterschiedliche Motivationslagen spiegeln und auch je unterschiedliche Machtverhältnisse im ewigen Krieg der Geschlechter, die sehr wohl auf die Evolution des kleinen Unterschieds zurückgehen. Auch die kulturellen Unterschiede, mit der jeweils die Geschlechterrollen interpretiert und polarisiert werden, lassen in den Augen der Soziobiologie biologische Anpassungsprozesse erkennen.
Die einschlägige Idee zur biologischen Evolution von Geschlechtsunterschieden stammt von Darwin selbst. Er hatte neben seinem bahnbrechenden Konzept der natürlichen Selektion auch jenes der sexuellen Selektion entwickelt. Ausgangspunkt war die Beobachtung, daß Lebewesen, die gleich gut an die ökologischen Bedingungen ihrer Umwelt angepaßt sind, sich gleichwohl in ihrer genetischen Fitness unterscheiden können - je nachdem, wie erfolgreich sie die Ressourcen, die jeweils das andere Geschlecht vorhält, für die eigene Fortpflanzung einzuwerben und zu nutzen in der Lage sind.
Revitalisierung von Darwins Idee
Männliche Konkurrenz einschließlich der Prachtgefieder und anderer Show-Merkmale ebenso wie weibliches Partnerwahlverhalten galten Darwin als Schlüsselanpassungen, die sich im Zuge der sexuellen Selektion herausgebildet haben. Aus Gründen, über die die Wissenschaftsphilosophen nachzudenken begonnen haben, blieb diese Idee Darwins - anders als seine Idee der natürlichen Selektion - innerhalb und außerhalb der Wissenschaft zunächst wenig beachtet.
Dies könnte damit zu tun haben, daß Ende des neunzehnten und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Darwins Idee wenig Chancen auf Anerkennung hatte, weil sie entgegen dem Zeitgeist dem weiblichen Geschlecht eine dem männlichen Geschlecht gleichwertige konstruktive Rolle im Evolutionsprozeß einräumte. Wie dem auch sei - kurz nach dem zweiten Weltkrieg wurde Darwins Idee der sexuellen Selektion revitalisiert. Es war der Genetiker A. J. Bateman, der 1948 mit der Veröffentlichung seiner Experimente an Fruchtfliegen die Diskussion eröffnete. Seine Ergebnisse scheinen auf den ersten Blick wenig spektakulär, ja geradezu trivial - und dennoch: sie markieren ein ganz entscheidendes Faktum zum Verständnis der geschlechtlichen Differenzierung der Lebensstrategien.
Pro-Kopf-Investition in Fortpflanzung verschieden
Bateman beobachtete, daß mit je mehr Weibchen sich ein Männchen paarte, desto mehr sein Fortpflanzungserfolg anstieg. Weibliche Fruchtfliegen hingegen konnten in den Reagenzgläsern Batemans ihren Fortpflanzungserfolg nicht dadurch steigern, daß sie mehr Männchen zur Paarung akzeptierten. Und zweitens beobachtete Bateson, daß die Spannbreite im Reproduktionserfolg für männliche Fruchtfliegen viel größer war als für weibliche. Im Mittel müssen beide Geschlechter gleich viel Nachkommen haben - das geht wegen der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung gar nicht anders -, aber die Varianz kann sich je nach Paarungsverhalten enorm unterscheiden.
Frauen können niemals so viele Kinder gebären, wie Männer zeugen können. Dies ist sichtbarer Ausdruck dessen, was am Anfang jeglicher geschlechtlichen Differenzierung steht und was zu einer folgenreichen und soziokulturell höchst dynamischen Angebots-/Nachfrage-Asymmetrie auf dem Markt sexueller Transaktionen führt: Die pro-Kopf-Investition in Fortpflanzung ist zwischen den Geschlechtern grundverschieden. Bereits die Keimzellen der Frauen sind in ihrer Herstellung und Bevorratung wesentlich aufwendiger als die der Männer. Bei Säugetieren kommen die Kosten für Schwangerschaft, Geburt und Laktation hinzu. Weil aber Frauen diesen hohen Reproduktionsaufwand betreiben, werden sie umworben, und ihre Konkurrenz um Männer erreicht nicht die Ausprägungsstärke wie die Konkurrenz unter Männern um Frauen.
Männer sind das risikofreudigere Geschlecht
Mit ihren billig herzustellenden und schnell zu ersetzenden Keimzellen investieren Männer von vornherein weniger in Fortpflanzung und werden deshalb den Marktgesetzen gemäß eine stärkere Konkurrenz um das knappe Gut des anderen Geschlechts auszutragen haben. Die erhöhte Konkurrenz unter Männern produziert einige Gewinner, vor allem aber viele Verlierer. Für jeden einzelnen Mann sind seine Marktchancen deshalb a priori geringer als die Marktchancen jeder einzelnen Frau.
Mit der von Anbeginn an unterschiedlichen Asymmetrie der Kosten für Fortpflanzung ist der Urknall der Geschlechterdifferenz unter Säugetieren beschrieben. Und welche je historisch kontingente und komplexe Evolutions- und Kulturgeschichten der Geschlechtsunterschiede sich hieraus auch entwickelt haben mögen, sie sitzen in letzter Analyse den Folgen des großen Unterschieds zweier kleiner Keimzellen auf. Ihre unterschiedliche Marktposition hat die Geschlechter evolutionär gelehrt, sich strategisch verschieden auf diesem Markt zu verhalten - weshalb psychologische Geschlechtsunterschiede strategische sind. Ferner gehört eine grundsätzliche Lebenseinstellung zu jenen Merkmalen, die ganz subtil mit geschlechtlicher Differenzierung zu tun hat, nämlich die Einstellung zu Risikoverhalten. Weil Männer, wenn sie im Spiel bleiben wollen, mehr strampeln müssen als Frauen, sind sie das risikofreudigere Geschlecht.