20.12.2006 · Die Evolution hat nicht nur nützliche Merkmale hervorgebracht. So ist das prächtige Kleid des Pfauen eher hinderlich für das Tier. Diese „Handicaps“ haben aber eine wichtige Funktion: Mit Luxus signalisieren auch Menschen ihre verborgenen Eigenschaften.
Von Eckart VolandWarum eigentlich hat der Pfauenhahn ein solch prächtiges Schmuckgefieder? Es scheint alles andere als biologisch nützlich und deshalb Darwin und seine Vorstellungen offen zu verhöhnen. Schließlich muß das Männchen dafür viel hochwertige Nahrung beschaffen und verwerten. Es ist fast flugunfähig und läuft deshalb Gefahr, besonders leicht zur Beute zu werden. Wozu also der ganze verschwenderische Aufwand?
Nun - die Pfauenhennen wollen das so. Sie wählen nämlich die Väter ihrer Kinder nach deren Prachtgefieder aus, und die schönsten barocken Hähne sind die Gewinner in der Konkurrenz um Sex und Vaterschaft. Warum aber, so wird man fragen müssen, ist den Weibchen das männliche Äußere derart wichtig? Schließlich werden sie nach allen Regeln der Vererbung ihrerseits Söhne produzieren, die sich ebenso aufwendig, mühsam und riskant durchs Leben schlagen müssen. Warum verliert sich nicht das Handicap eines biologisch unnützen Luxusanhangs zugunsten eines billigeren Sparmodells? Die Antwort ist verblüffend einfach: Die schönsten Pfauenhähne zeugen die gesündesten Kinder.
Der prächtigste Hahn ist der gesündeste
Es war der israelische Ornithologe Amotz Zahavi, der einer lange Zeit skeptischen Fachwelt die Logik des „Handicap-Prinzips“ erläuterte. Er erkannte, daß die Evolution nicht nur im engen Sinn nützliche Merkmale hervorbringt, sondern auch „teure Signale“, eben Handicaps wie der Pfauenschwanz. Die Botschaft der teuren Signale ist einfach und logisch: Nur wer es sich leisten kann, Extrakosten in Kauf zu nehmen, kann es sich tatsächlich leisten. Fälschung ausgeschlossen.
Und deswegen ist der prächtigste Pfauenhahn in der Tat der gesündeste. Jeder blut- und darmparasitendurchseuchte Mitbewerber um die Gunst der Weibchen kann schlicht und ergreifend nicht mithalten. Investition in Luxus ist hier Investition in kommunikative Ehrlichkeit. Und von dieser Ehrlichkeit profitieren beide: der Signalsender, weil er seinen Status unmißverständlich kommunizieren kann, und der Signalempfänger, weil dieser bei der Einschätzung der Dinge verläßlichen Kriterien trauen kann. Bei Pfauen jedenfalls.
„Beweise mir, daß du nicht lügst“
Wozu dient eigentlich Luxus? Auch eine Uhr zum Preis eines Kleinwagens zeigt die Zeit nicht alltagsrelevant präziser an als eine Fünf-Euro-Uhr von der Tankstelle, und schon gar nicht hat der Träger einer Luxusuhr mehr Zeit als der Träger einer Billiguhr. Die Funktion von Luxus liegt sicher nicht in seiner praktischen, sondern statt dessen in seiner kommunikativen Funktion. Das Teure, mag es in Begriffen wie Luxus, Verschwendung oder Übertreibung daherkommen, hat Signalfunktion. Es kommuniziert ansonsten verborgene Eigenschaften desjenigen, der den Preis dafür gezahlt hat. Menschen fabrizieren in Ermangelung natürlicher Handicaps ihre artifiziellen Pfauenschwänze.
Wer sich auf dem sozialen Parkett behaupten will, darf sich bei der Einschätzung seiner Mitmenschen nicht täuschen lassen - und hat damit ein Problem: Die soziobiologisch wirklich interessierenden Eigenschaften eines Individuums - Fitness, Macht, moralische Integrität - sind nämlich unsichtbar. Der Anbieter muß folglich angeben, wie fit, mächtig oder moralisch gut er ist, und der Nachfrager muß sich davon überzeugen lassen. Das bloße Wort taugt dafür nicht. Es ist billig, und deshalb ist die Lüge nicht weit. „Beweise mir, daß du nicht lügst“, lautet deshalb die gegenseitige Forderung unter persönlichen Nutzenmaximierern. Dies verlangt die Übertreibung, denn je teurer eine Botschaft ist, desto weniger wahrscheinlich kann sie von Tauge- und Habenichtsen nachgeahmt werden. Signalgebern bleibt gar nichts anderes übrig, als sich auf den für sie so teuren Wettbewerb einzulassen.
Ohne Verschwendung keine Kultur
Machtpräsentation bedient sich nicht selten üppiger Prachtentfaltung. Mit kolossaler Architektur und gediegenster Ausstattung kann man seiner Umwelt deutlich machen, welchen sozialen, ökonomischen oder militärischen Rangplatz man beansprucht. Die Logik dieses Signalsystems funktioniert gleichermaßen, ob Einzelpersonen, Dynastien, Clans, Stämme, Parteien, Staaten, Kirchen oder Konzerne im Wettbewerb stehen. Pracht entsteht folgerichtig um so wahrscheinlicher, je drückender die Konkurrenz ist. Die größten und teuersten Bankenhochhäuser werden dort gebaut, wo schon die der Konkurrenz stehen. Ein Barockfürst, der auf sein persönliches Versailles verzichtet hätte, wäre über kurz oder lang an der Mißachtung von Untertanen und Feinden gleichermaßen gescheitert. Deshalb mag man Luxus gar nicht mehr als nutzlose Verschwendung brandmarken.
Die menschliche Kulturgeschichte ist nicht zuletzt eine grandiose Geschichte der Übertreibung durch teure Signale. Man besinne sich für einen Moment auf all das, was die Geschichte und die Leistungen der menschlichen Kultur symbolisiert, auf die materiellen, künstlerischen und philosophischen Hinterlassenschaften. Was erklärt eigentlich die Unesco zum Weltkulturerbe? Alles in allem kann man sich dem Schluß nicht entziehen, daß hier durchweg Dinge unter Schutz gestellt werden, deren hervorragendste Eigenschaft es war, zwar unpraktisch, aber unglaublich teuer gewesen zu sein. Mehrheitlich Dinge, die man gewiß nicht zum Überleben braucht, die sich aber einzigartig dafür eignen, sich der Funktionslogik des Handicap-Prinzips entsprechend vorteilhaft in Szene zu setzen. Schließlich braucht man keinen Dom oder Palast zum Regieren oder den Wörlitzer Park für produktiven Gartenbau.
Damit wird deutlich, daß auch die konstruktiven Prinzipien der menschlichen Kulturgeschichte in ungebrochener Kontinuität zur biologischen Evolution stehen. Es sieht geradezu danach aus, als ob die Kommunikation mit teuren Signalen, die auffälligerweise bei anderen Primaten nicht vergleichbar häufig ist, ein entscheidender Schritt in der Entwicklung unserer Art gewesen sein könnte. Ist die Naturgeschichte von Homo sapiens von kulturschaffenden Angebern angetrieben worden? Wir verdanken ihnen ohne Zweifel große Teile unserer kulturellen Errungenschaften, denn die Kulturgeschichte ist nicht zuletzt Ausfluß eines ewigen Wettstreits um Aufmerksamkeit. In dieses Bild fügen sich auch die schönen Künste und die Philosophie, schließlich sind Kunst und Philosophie im konventionellen Sinn nicht produktiv, sondern signalisieren verschwenderische Eloquenz. Ohne Übertreibung und Verschwendung keine Kultur.