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Mittwoch, 22. Februar 2012
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Glosse Unter Narzissten

20.09.2011 ·  Die Selbstverliebten machen sich wichtig und regieren die Welt. Sie stürzen uns aber auch in Finanz- und Eurokrisen. Und: Die Narzissten vermehren sich. Die Spieltheorie hat dafür sogar eine Erklärung. Wie kann die Evolution so was nur zulassen?

Von Joachim Müller-Jung
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Es gibt eine Sorte Menschen, die sich Respekt nicht mehr sauer verdienen müssen. Sie nehmen ihn einfach für sich in Anspruch. Kraft ihrer Ausstrahlung und ihrer (selbstverständlich) höheren Intelligenz. Als vor Monaten zwei amerikanische Psychologen das gehäufte Auftreten dieses Menschenschlags auf ihrem Universitätsgelände feststellten und sogar die Behauptung aufstellten, dass es sich um eine neue "soziale Epidemie" handeln könne, durfte man sich wundern. Nicht der Vermehrung der Narzissten wegen, sondern weil es erst jetzt bemerkt wurde.

Inflation der Selbstüberschätzung

Die Finanzkrise, das Versagen der politischen Klasse, katastrophales Krisenmanagement, all das sei den Entscheidungen von realitätsblinden, selbstverliebten und überheblichen Zeitgenossen zu verdanken. Und wenn nun auch noch die Jugend zum maßlosen Narzissmus neige, sei das Schlimmste zu befürchten. Vor fünfzehn Jahre hatte man 18 Prozent, im Jahr 2009 knapp 34 Prozent pathologischer Selbstüberschätzung bei Studenten ermittelt. Eine soziale Seuchenpolizei wurde dennoch nicht installiert. Vorerst dürfen die Narzissten weiter schalten und walten, wie sie sich gefallen. Das ist unschwer auch im krisengeschüttelten Europa zu erkennen. Oder an dem Hochmut deutscher Liberaler, die es in ihrer virulenten Selbstüberschätzung inzwischen bis zum kollektiven Selbstbetrug gebracht haben.

Wie man sich selbst zerstört

Hier zeigt sich besonders drastisch: Das selbstverliebte Gehabe trägt durchaus selbstzerstörerische Züge. Und tatsächlich haben Freundschaften von Narzissten, auch dies ein gesicherter Psychologenbefund, selten über den anfänglichen Austausch von Nettigkeiten hinaus Bestand. Irgendwann geht jedem halbwegs normalen Menschen die penetrante Überheblichkeit gehörig gegen den Strich. Dann steht er da, der kranke Narzisst, allein und isoliert. Denken wir. Und im Vertrauen auf die gestalterische Kraft Evolution haben wir natürlich immer gehofft, dass diese gestörten Typen irgendwann von der Bildfläche verschwinden.

Guter Narzissmus

Falsch gedacht. Nach den beunruhigenden empirischen Befunden an amerikanischen Hochschulen erklären uns jetzt auch noch britische und amerikanische Spieltheoretiker in "Nature", dass Narzissmus sehr wohl zur psychischen Grundausstattung in menschlichen Populationen gehören kann. Dann nämlich, wenn besonders riskantes Verhalten gefragt und die Belohnung nach einem Erfolg besonders groß ist. Die Selbstgefälligen riskieren viel und gewinnen alles. Mathematisch gesehen. Der Biologe sagt dazu: Theoretisch ist vieles möglich. Gefallen muss es einem trotzdem nicht.

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