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Glosse Stradivaris Pleite

03.01.2012 ·  Auf einer Stradivari zu spielen, gilt im Klassikbetrieb als höchstes Prädikat. Doch in einem Blindtest schnitten die 300 Jahre alten Geigen schlechter ab als moderne Violinen.

Von Christian Wildhagen
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Anne-Sophie Mutter hat eine, der Schmachtgeiger André Rieu selbstredend auch. Eugène Ysaye und David Oistrach hat man ihre einst gestohlen - sie blieben bis heute verschollen. Der orchestrale Glanz der Wiener Philharmoniker soll zu einem Gutteil auf ihrem Klangzauber beruhen, und noch immer gilt es im Klassikbetrieb als höchstes Prädikat, auf einer Guarneri, besser noch: auf einer echten Stradivari zu spielen. Seit rund drei Jahrhunderten versuchen deshalb Instrumentenbaumeister und Wissenschaftler, hinter das Geheimnis der beiden legendären Cremoneser Geigenschöpfer Antonio Stradivari und Giuseppe Guarneri zu kommen - bislang vergeblich.

Da rückten Physiker den Instrumenten mit Rasterelektronenmikroskopen und Spektrometern auf den kostbaren Lack - und doch sind die nach ihren Messdaten erstellten Kopien bislang nach Expertenmeinung immer bloß Annäherungen an ein angeblich unerreichbares Klangideal geblieben. Dementsprechend werden noch immer Millionensummen von Stiftungen und musikbegeisterten Privatleuten aufgebracht, wann immer eines der gut zweihundert erhaltenen und für echt befundenen Instrumentenkleinode Stradivaris zum Verkauf steht.

Keine klangliche Überlegenheit?

Auch kapitalmarktverdrossene Investoren entdecken diese Musenschätzchen zunehmend als wertbeständige Anlageform, geadelt obendrein durch das denkbar untadeligste Image. Nun aber schlägt folgende Nachricht allen Geigenfreunden buchstäblich den Bogen aus der Hand: In Blindtests, durchgeführt an der Pariser Universität, konnten einundzwanzig hauptberufliche Geiger bei einem Klangvergleich überhaupt keine prinzipielle klangliche oder spieltechnische Überlegenheit der teuren alten Instrumente feststellen.

Zwei der sechs Geigen bei dem Vergleich stammten von Stradivari, eine von Guarneri - geschätzter Gesamtwert: knapp acht Millionen Euro. Die übrigen drei waren hochwertige, maximal zwei Jahre alte Violinen im Gesamtwert von etwa achtzigtausend Euro. Wie die Tests zeigten, konnten die Musiker die alten Geigen nicht eindeutig von den neuen unterscheiden. Zudem schnitten die neuen Instrumente bei der Beurteilung von Spielbarkeit und Klang tendenziell besser ab; eine der beiden Stradivaris wurde hingegen als das schlechteste Instrument in dem Test bewertet. Sollte sich hier ein Mythos buchstäblich in Töne aufgelöst haben?

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