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Glosse Sterneküche?

 ·  Rezepte von Fernsehköchen sollen ungesünder sein als Fertiggerichte aus dem Supermarkt, schreiben britische Wissenschaftler, nachdem sie Hunderte Mahlzeiten auswerteten.

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Vielleicht wird ja bald ein ähnlich empörter Aufschrei zu hören sein wie damals, vor vier Jahren, als der spanische Drei-Sterne-Koch Ferran Adrià in einem Interview über die Schnellrestaurantkette „McDonald’s“ sagte, auch er könne zu diesem Preis keinen besseren Hamburger herstellen. Wochenlang befasste man sich danach mit diesem kulinarischen Sakrileg, längst nicht nur in Spanien, auch in Deutschland, wo das Brötchen mit Bulette von der Fast-Food-Kette traditionell argwöhnisch beäugt wird. Dass es von einem Küchenmeister derartig geadelt werden sollte, provozierte damals zahllose Kommentare und Gegen-Interviews ebenso ausgewiesener Geschmacksexperten.

Jetzt könnte es zu einem ähnlichen Eklat kommen: Britische Wissenschaftler haben den Nährwert von hundert Rezepten prominenter Fernsehköche wie Jamie Oliver und Lorraine Pascale analysiert und ihn mit dem von hundert gängigen Fertigmenüs aus dem Supermarkt verglichen. Das überraschende Ergebnis: Zwar zeigten beide Parteien schwerwiegende Schwächen, waren etwa zu fett- und zu salzreich. Die Mahlzeiten der Promiköche waren aber sogar noch ungesünder als die Fertigpackungen: Zu viel gesättigte Fettsäuren, zu viel Eiweiß, zu viele Kalorien insgesamt, wie die Forscher von der New Castle University im „British Medical Journal“ schreiben. Zu einem Zeitpunkt, zu dem Tausende von Menschen die ästhetisch bebilderten Kochbuch-Bestseller der Küchenstars unter dem Weihnachtsbaum vorgefunden haben, zugleich aber nach Gans, Klößen, Raclette, Fondue und Mousse au Chocolat mit guten Vorsätzen ins neue Jahr gestartet sind, dürfte eine solche Nachricht viele verunsichern.

Gute Vorsätze?

Das desillusionierende Fazit von Martin White und seinen Kollegen lautet nun sogar, man solle beides meiden: Promi-Rezepte und Fertiggerichte. Außerdem sei eine engere Zusammenarbeit von Wissenschaftlern mit den kochenden Fernsehstars anzuraten, ebenso wie mit den Herstellern der Fertiggerichte. Denn schließlich erfüllten beide Mahlzeit-Typen nicht die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation für ein gesundes und vollwertiges Essen, das langfristig nicht zu Erkrankungen führt. Jamie Oliver und die anderen Stars, die schließlich einen Gutteil ihrer Berühmtheit auch darauf zurückführen können, dass sie medienwirksam mit fehlernährten Grundschülern rote Beete schneiden und Vollwertnudeln herstellen, haben sich noch nicht zu diesem Urteil geäußert. Wer sich in seinen Vorsätzen für 2013 erst einmal nicht beirren lassen möchte, sollte vielleicht zunächst eine einfache Regel befolgen: Weniger fernsehen. Vor allem weniger Kochsendungen.

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02.01.2013, 21:17 Uhr

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