Der Deutsche Ethikrat hat sich vor wenigen Tagen bei einer Expertenanhörung ein Urteil darüber bilden können, inwiefern sich Gentests eignen, den Ausbruch einer der großen Volkskrankheiten vorherzusagen. Die Idee dahinter ist klar: Gegen Herzinfarkt, Krebs oder Schlaganfall soll vorgegangen werden, bevor die Krankheit ausbricht und Kosten ebenso wie Leid verursacht. Präventive Gesundheitspolitik nennt der Fachmann das. Die sieben Gutachter hatten in der Hinsicht allerdings wenig Erfreuliches mitgebracht: Unmöglich derzeit - und zweifelhaft, ob es auf absehbare Zeit seriös möglich wird. Der Grund: Den großen Volksleiden liegen selten einfache Gründe, geschweige denn einzelne Gendefekte zugrunde. Vielmehr tragen viele Gene mit vielen kleinen Beiträgen zum Krankheitsgeschehen bei. Wenig Neues also. Die Frustration hält an. Bemerkenswert erscheint die allgemeine Ernüchterung heute vor allem vor dem Hintergrund einer seit Jahren wachsenden Euphorie von molekular arbeitenden Sozialwissenschaftlern, die sich der fixen Idee ausgeliefert haben, menschliches Verhalten, mithin sogar politische Einstellungen und Zockerei an den Börsen, aus der individuellen Genkonstellation eines Menschen ableiten zu können. Und auch damit wird jetzt aufgeräumt. Eine amerikanisch-schwedische Gruppe hat ein schwedisches Zwillingsregister mit fast zehntausend Zwillingspaaren ausgewertet und mit einem neuen Verfahren, einer Art molekularer Rasterfahndung, nach Einzelmutationen gesucht, die mit bestimmten ökonomischen oder politischen Haltungen korrelieren. Wie sie in den aktuellen „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, waren Eigenschaften wie Geduld, Risikofreude, Fairness, die Einstellung zu Umweltschutz, Feminismus, Kriminalität oder Ausländerpolitik abgefragt worden.
Die Bilanz der anschließenden Gentests fiel verheerend aus: Der genetische Beitrag zu keinem der Merkmale erreicht auch nur annähernd das Ausmaß und die Qualität, die nötig wäre, um seriöse Wahrscheinlichkeitsaussagen über die politischen Präferenzen oder das ökonomische Gebaren eines Menschen anzustellen. Keine von Dutzenden Studien über vermeintliche Persönlichkeitsgene hatte mehr als dreitausend Probanden eingeschlossen, meistens waren es nur wenige hundert. Alles für den Papierkorb. Um seriöse Prognosen über Dispositionen für bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltensmuster machen zu können, müssten Studien mit einer Teilnehmerzahl her, die „um mehreren Größenordnungen“ darüber liegt. Es stimmt schon, Prävention ist das Gebot der Stunde, aber jetzt vor allem auf Seiten der Förderer und Vermittler: Keine Studien finanzieren und nichts mehr glauben, das nicht den Mindestanforderungen aussagekräftiger Statistik genügt. Die Zeit kostspieliger Spekulationen muss ein Ende haben.
Gut so.
Michael Rudert (MichaelRudert)
- 14.05.2012, 13:21 Uhr
Anstatt die Biologie ...
Andreas Neubert (Citizen_Kane)
- 12.05.2012, 14:57 Uhr
