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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Glosse Gefährlich süß

 ·  Ich bin nicht aggressiv. Oder doch? Ich trinke süße Softdrinks, also bin ich potentiell aggressiv, sagt eine amerikanische Studie. Waffenträger mögens klebrig.

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Ich bin nicht aggressiv. Nie. Ich schreie, kratze, beiße und schlage nicht. Ich führe auch keine Waffen mit mir, kein Messer und keinen Revolver. Dieses Bekenntnis klingt wenig überraschend, oder? Trotzdem, ich will, nein, ich muss mich von diesen Dingen in aller Deutlichkeit distanzieren, denn neuerdings werde ich gemieden. Die ängstlichen Blicke der Kollegen, die Abwehrhaltung des Portiers, selbst die Freundin wagt sich nur noch selten in meine Nähe. Was soll das? Habe ich mich verändert? Das nicht, aber die Erkenntnislage zu Aggressionsursachen, steht in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Injury Response". Bezüglich Gewalt gehöre ich demnach zu einer Risikogruppe. Wie das? Meine Kindheit war glücklich, ich habe Arbeit, Freunde, trinke kaum und bin nicht geschieden. Ich hielt mich für harmlos. Die Ursache meiner potentiellen Gefährlichkeit scheint etwas völlig anderes zu sein. Es ist der Genuss klebriger Prickelgetränke. Ich trinke gerne Softdrinks, nicht nur, aber ein, zwei Dosen am Tag. Das ist mein täglicher Aufstand gegen den mich umgebenden Gesundheitswahn. Doch dieser Genuss macht mich zum potentiellen Gewalttäter, sagen Wissenschaftler um Sara Solnick von der University of Vermont. In ihrer Studie zeigen sie, dass der Konsum von süßen, kohlensäurehaltigen Erfrischungsgetränken und der Hang zur Gewalt korrelierbar sind. Das bedeutet konkret: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Waffe am Halfter trage oder meine Partnerin misshandle, verdoppelt sich durch meinen Genuss von zwei Dosen Cola am Tag. Ich beginne mich vor mir selbst zu fürchten. Die vorliegende Untersuchung untermauert die "Twinkie Defense". Diese Verteidigungsstrategie führte 1979 im Prozess gegen den Mörder von Harvey Milk und George Moscone, dem Bürgermeister von San Francisco, zu einer Milderung des Strafmaßes von Mord zu Totschlag. Dabei wurde argumentiert, der Angeklagte sei nur beschränkt schuldfähig, da er an einer durch hohen Fast Food und Softdrinkkonsum ausgelösten Depression leide. Ein solches Scheusal schlummert also in mir. Ich sollte aufhören. Aber ich kann nicht. Weiterhin schütte ich koffeinhaltige Limonade in mich hinein, Schluck für Schluck, Liter um Liter. Sperren Sie mich weg, bevor es zu spät ist.

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