16.11.2011 · Die Menschen lieben diesen Mythos: Das hässliche Entlein wird ein Schwan. Doch psychiatrische Langzeitstudien nehmen uns leider die Hoffnung auf Wunder in Biographien.
Von Christina HucklenbroichEs sind die Ausnahmen, die den Menschen in Erinnerung bleiben, wenn sie auf ihr Leben und das der Peergroup blicken: Jene alles überstrahlenden Einzelfälle, in denen ein Schicksal nicht vorhersehbar war und die ewigen Regeln außer Kraft gesetzt schienen. Die fade Sabine etwa, die im Kindergarten niemandem aufgefallen ist, die dann ins Nachbardorf zog und erst im Konfirmandenunterricht wieder auftaucht: märchenhaft schön, eine Erscheinung geradezu, plötzlich für alle interessant. Jeder hat ein paar dieser Bilder im Kopf, sie leuchten heller als andere Erinnerungen. Die Klassenqueen etwa, die seit der Krabbelgruppe der unangefochtene Star war, verblasst dagegen. Wir wollen, wenn wir zurückblicken, jene anderen Geschichten, die unsere Phantasien viel mehr beflügeln: Die unsichtbare Ute hatte in den Sommerferien das Epstein-Barr-Virus und kehrt als gertenschlanke Elfe zurück, inklusive eines aufsehenerregenden magentaroten Herbstmantels. Hochwasserhosen-Hilke trägt plötzlich auch Levi’s und sieht damit endlich aus wie alle – nur irgendwie besser. Der schüchterne Peter macht auf dem ersten Klassentreffen nach dem Abitur endlich den Mund auf und ist, wer hätte das gedacht, äußerst witzig.
Die brillentragende Streberin aus der ersten Hörsaalreihe verschwindet ins Erasmussemester nach Paris, wo ihr jemand zu Kontaktlinsen und Kaschmirtwinsets rät. Das hässliche Entlein wird ein Schwan: Das ist der Stoff, aus dem die ganz großen Bestseller und die Kinokassenschlager sind und die immer wieder erzählten Geschichten über spät erblühte Schulkameraden, die man auf dem Klassentreffen fünf Jahre nach dem Abitur nicht wiedererkannt hat. Wohlmeinende Tanten leiten gleich eine Regel ab und trösten unglückliche Wöchnerinnen: „Aus den unattraktivsten Kindern werden die schönsten Erwachsenen – das weiß man doch.“
Dem Schicksal kann immer noch ein Schnippchen geschlagen werden, denkt man voller Zuversicht. Das Leben ist eben unergründlich. Leider muss es allerdings inzwischen heißen: War. Das Leben war unergründlich. Inzwischen produzieren Mediziner und Psychologen weltweit Langzeitstudien, in denen die Entwicklung repräsentativer Gruppen über Jahre verfolgt wird – vom Kopfumfang des Fötus im Ultraschallbild und den Blutwerten der schwangeren Mutter bis hin zu den Ergebnissen von Schuleingangs- und Child-Behaviour-Tests. Manche dieser Studien haben eindrucksvolle Namen, die klingen, als wäre ein Geheimdienst am Werk, der eine in ihrer Bedeutung noch ungewisse Untergrundbewegung deuten will. „Generation X“ etwa heißt eine groß angelegte Untersuchung in den Niederlanden.
Von Zeit zu Zeit spucken diese Projekte verstörende und zugleich erhellende Zwischenergebnisse aus. Gerade etwa melden Forscher aus Montreal in den „Archives of Pediatric and Adolescent Medicine“, sie hätten in einer Gruppe von zweitausend seit dem fünften Lebensmonat beobachteten Kindern zwingende Faktoren für die Entstehung von Übergewicht gefunden. Diese Kinder stammten aus einer Untergruppe, die schon früh einen erhöhten und rasch wachsenden Body-Mass-Index aufwiestig werden.Die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei den leicht pummeligen Probanden im Verlauf des dritten Lebensjahres eine handfeste Adipositas ergeben würde, war signifikant erhöht, wenn die Mütter rund um den Geburtszeitpunkt übergewichtig gewesen waren und während der Schwangerschaft geraucht hatten. Für derartige Studien ist das eine typische Erkenntnis; andere beziehen sich auf Zusammenhänge zwischen Verhaltensprofilen und Intelligenzquotient oder etwa auf die Abhängigkeit zwischen der psychischen Gesundheit der Mütter und den Chancen des Nachwuchses, zu einem ausgeglichenen und kompetenten Kind heranzuwachsen. Wer die in der eigenen Jugend erlebten biographischen Ausnahmen zu einer Regel verklärt hat, der wird durch solche Studien eines Besseren belehrt: Das Schicksal ist wohl doch um einiges vorherbestimmter, als wir es ersehnen.
Doch die Studienautoren sind auch soziale Mahner. Sie wollen nicht nur entzaubern, sondern vor allem verhindern, dass die Gesellschaft ausblendet, wo Chancengleichheit beginnt: nämlich schon bei den Lebensbedingungen der Eltern vor der Geburt. Es gibt sie also vielleicht doch, jene ausgleichende Gerechtigkeit in Lebensläufen. Nur kann man auf sie nicht hoffen wie auf ein Wunder, sondern man muss dafür eintreten, dass sie Möglichkeiten vorfindet, sich zu entfalten.
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Otto Kahn (O.Kahn)
- 16.11.2011, 16:56 Uhr
Christina Hucklenbroich Jahrgang 1978, Redakteurin im Ressort „Natur und Wissenschaft“
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