26.04.2010 · Wie oft jemand zum Glimmstengel greift, ist - auch - eine Sache der Anlagen. Aber bis zu einem Gentest, der die Anfälligkeit fürs Qualmen ermittelt, ist es noch weit. Die neuen Ergebnisse großer internationaler Genomkonsortien sind da eher ernüchternd.
Von Joachim Müller-Jung
Island wieder, immer wieder Island. Die kleine Insel lässt es noch mal qualmen. Nur sind es diesmal nicht Vulkane, sondern die Genomforscher des Landes, die mächtig viel Rauch erzeugen. Die um ein Haar Pleite gegangene Firma DeCode, ansässig in der Hauptstadt Reykjavik und bekannt geworden vor vielen Jahren mit ihrem umstrittenen Vorhaben, die Genome des isländischen Volkes zu entschlüsseln, hat die Raucherpersönlichkeit ins Visier genommen. Ihr Ziel: Jeder soll irgendwann per Gentest erfahren, ob man schon mit den ersten Zügen dem Laster und der Sucht zu verfallen droht, oder ob man eben jederzeit auch wieder aufhören kann. Geschätzte sechs Millionen Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen des Tabakkonsums, 140.000 davon allein in Deutschland.
Island auf Gensuche
Schon seit Jahren scannen die Firmenforscher um Kari Stefansson, dem Genetiker und charismatischen DeCode-Chef, die Chromosomen vieler Patienten ab - immer auf der Suche nach auffälligen Varianten in der Gensequenz, die mit den Krankheiten oder bestimmten Merkmalen möglichst aller Betroffenen Hand in Hand gehen. Die Wissenschaftler sprechen von Assoziationsstudien. Auf die Weise hat man bei DeCode schon verdächtige Genvarianten für Schlaganfall, Typ-2-Diabetes, Grüner Star und verschiedene Krebsarten lokalisiert. Jedenfalls hat man starke Hinweise, dass die jeweiligen Genmerkmale an der Ausprägung der Krankheiten bei vielen Menschen zumindest Mittäter sind - was allerdings nicht bedeutet, dass man damit die entscheidenden Genmutationen kennt und auch nicht die entsprechenden Krankheitsmechanismen im Detail; denn tatsächlich sind in der Regel viele - und individuell durchaus unterschiedliche - Gene bei der Entstehung komplexer Störungen beteiligt.
Was nun die „Störung“ Raucherpersönlichkeit angeht, waren die isländischen Forscher schon vor zwei Jahren auf eine heisse Spur gekommen. Und dort sogar recht weit gekommen in ihrer genomischen Detektivarbeit. Auf dem langen Arm von Chromosom 15 hat man einen Genort ausgemacht, der bei ausgeprägten Kettenrauchern gehäuft zu finden ist. Es geht um den Austausch nur eines einzelnen Buchstaben. Diese Mutation betrifft das Gen, das eine Untereinheit des nikotinischen Acetylcholinrezeptors und damit die wichtigste Bindungsstelle für das Nikotin auf den Nervenzellen bereitstellt.
Damit hat man sich allerdings nicht zufrieden gegeben. Nach der Theorie der Forscher sollen nicht nur die Raucherintensität, sondern schon die Suchtanfälligkeit und auch die Schwierigkeiten mit dem Aufhören starke genetische Wurzeln haben.
„Verdächtige“ auf drei Chromosomen
Wie weit die Isländer und andere Forscher inzwischen bei der Suche nach diesen Wurzeln gekommen sind, ist jetzt in der Zeitschrift „Nature Genetics“ nachzulesen. Drei umfangreiche Veröffentlichungen werden dort publiziert mit insgesamt weit mehr als hundert Forschern aus einem Dutzend Länder - darunter auch deutsche Genforscher. Internationale Forschungskonsortien, die Daten, Fragebögen und Krankheitsakten von nicht weniger als 140.000 Patienten analysiert haben. Die Sammlungen stammen von diversen nationalen Genomdatenbanken. Wichtigstes Ergebnis dieser Metastudien: Die stärkste genetische Verwurzelung findet man offenbar bei der Stärke der Tabakabhängigkeit: Wie viele Zigaretten man täglich raucht, scheint am ehesten mit einer bestimmten genetischen Konstitution zusammen zu hängen. Ob man - erst einmal mit dem Qualmen angefangen - Genussraucher bleibt, Gelegenheitsraucher oder gar Kettenraucher wird, soll demnach entscheidend von der Konstellation von Genen abhängen. Im Fokus dabei wieder: Chromosom 15. Ein Konsortium unter britischer Führung, an dem Hans-Jörgen Grabe und seine Kollegen von der Universität Greifswald beteiligt war, ist bei der Analyse von allein knapp 41.000 Menschen aus zwanzig Bevölkerungsgruppen abermals über den verdächtigen Genort auf dem langen Arm von Chromosom 15 gestolpert. Erstmals, so Grabe, sei nachgewiesen w0rden, dass die Anzahl der gerauchten Zigaretten pro Tag durch bestimmte Variationen in exakt diesen Genen der Nikotinrezeptoren beeinflusst wird. Bislang glaubte man, dass das Suchtverhalten hauptsächlich durch einen unterschiedlichen Abbau von Nikotin durch Enzyme in der Leber beeinflusst werde.
Auch in der von DeCode angeführten Studiengruppe waren es abweichende Varianten auf Chromosom 15 sowie zwei neue Genorte auf Chromosom 8 und 19, die - wenn auch die beiden Neufunde deutlich schwächer - mit entscheiden, wie oft man täglich zum Glimmstengel greift. Beide neuen Genvarianten findet man auch entsprechend gehäuft bei Lungenkrebspatienten. Und wie bei dem verdächtigen Gen auf dem langen Arm von Chromsom 15 sind an diesen Chromosomenorten ganz bestimmte Gene zu finden, deren Produkte ganz entscheidend den Nikotinstoffwechsel beeinflussen. Es gibt also tatsächlich neue Verdächtige im Genom.
Raucherpersönlichkeit mit vielen Fragezeichen
Bedenkt man allerdings den Aufwand für die drei Assoziationsstudien, überrascht schon eher, wie wenig man am Ende doch gefunden hat. Zwei zusätzliche, noch dazu deutlich schwächere Kandidaten für die Tabakabhängigkeit - das ist nicht viel. Dem steht gegenüber: Kein einziger Hinweis bisher trotz Auswertung von sechzehn der weltgrößten Genomdatenbanken, dass auch der Einstieg in das gefährliche Laster sowie der Ausstieg genetisch mit verursacht sein könnten. Schließlich wissen die Forscher auch darüber, wie die verdächtigten Gene das Raucherverhalten beeinflussen könnten, recht wenig bis gar nichts - zumindest was die neu beschriebenen Genkandidaten angeht. Zu wenig also, um daraus kommerzielle Gentests für Rauchertypen zu entwickeln. Das genetische Phantombild der Raucherpersönlichkeit ist bisher wenig mehr als eine grobe Skizze.
Ein Rückschlag für alle, besonders für mich.
Detlef Wolf (dewo)
- 26.04.2010, 16:52 Uhr
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Kai Pieritz (kaipieritz)
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Gerhard Bandorf (MAGNIFIER)
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Mächtiger als der Geist ?
Franz Josef Neffe (F.J.Neffe)
- 27.04.2010, 14:47 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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