Home
http://www.faz.net/-gx5-vbqh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gentherapie Tod nach Kniebeschwerden

10.08.2007 ·  Sie war 36 Jahre alt, Mutter einer kleinen Tochter, und hatte Arthritis im Knie. Ansonsten fehlte ihr nichts. Dann nahm Jolee Mohr an einer Gentherapie-Studie teil, um ihre quälenden Gelenkschmerzen loszuwerden. Kurz darauf starb sie an inneren Blutungen und Leberversagen.

Von Joachim Müller-Jung
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

Sie war sechsunddreißig Jahre, hatte eine fünfjährige Tochter und bis auf ihre Kniebeschwerden, die einer Arthritis zuzuschreiben waren, schienen Jolee Mohr offensichtlich keine schwerwiegenden Gesundheitsprobleme zu plagen. Doch am 24. Juli, wenige Tage nachdem sie mit inneren Blutungen und Leberversagen in eine Chicagoer Klinik eingewiesen worden war, verstarb die junge Frau an Multiorganversagen.

Zwei Tage danach machte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA den Todesfall öffentlich. Denn Jolee Mohr hatte an einer Gentherapie-Studie der Firma „Targeted Gentics“ teilgenommen, und ihre ersten Symptome, Erbrechen und Fieber, waren schon einen Tag nach der zweiten Injektion eines sogenannten AAV-Vektors – gentechnisch veränderte „Adenoassoziierte Viren“ - in ihr krankes Knie aufgetreten. Der Gentherapie-Versuch ist seitdem auf Eis gelegt.

„Voreilige“ Zusammenhänge

Die FDA stellte in ihrer Mitteilung klar, dass ein Zusammenhang mit dem verwendeten Genvektor oder mit der Arthritis-Behandlung der Patientin völlig unklar ist. Die „Washington Post“ allerdings, die dem Fall nachging und die Familie der Toten aufsuchte, witterte, zumindest was die Meldung der Nebenwirkung und die Rolle des behandelnden Arztes angeht, Verstöße gegen die Regeln klinischer Studien.

Einen direkten Zusammenhang zu dem verwendeten Genkonstrukt stellte der Reporter nicht her. Dennoch reagierte die Firma, die sogleich einen Einbruch ihres Aktienkurses zu verschmerzen hatte, harsch und warf dem Journalisten vor, „unverantwortliche“ und „voreilige“ Zusammenhänge mit der AAV-Genstudie herzustellen.

Beliebtes Vehikel zum Einschleusen fremder Gene

Medizinisch geklärt wird die Sache frühestens im kommenden Monat, wenn die FDA, wie von ihr angekündigt, auf einem regulären Treffen des Gentechnik-Beratungsgremiums der National Institutes of Health berichtet. Dann werden auch die ausländischen Gentherapeuten mithören und auf jedes Detail der Analyse achten.

In Europa läuft nach bisherigem Feedback an die Gentherapie-Arbeitsgruppe der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA zwar derzeit keine klinische Studie, die mit der amerikanischen direkt vergleichbar ist, so Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen, der für Gentherapie-Studien zuständigen deutschen Genehmigungsbehörde. Aber der verwendete AAV-Vektor ist längst ein durchaus gängiges und beliebtes Vehikel, wenn es um das Einschleusen fremder Gene geht.

In Deutschland noch nicht verwendet worden

Bei Jolee Mohr und mindestens fünfzig weiteren Arthritis-Patienten, die seit 2004 das AAV-Produkt in der ersten oder in der zweiten und damit ihrer letzten Injektion erhalten haben, war das Vehikel mit dem Gen für den Tumornekrosefaktor-Rezeptor aufgerüstet worden.

Das Einschalten dieser Erbanlage und die Produktion des entsprechenden Proteins soll im Körper die fehlgeleitete Entzündungsreaktion in den Gelenken blockieren und damit die Arthritis lindern. Ein solches Konstrukt war nach Angaben Cichuteks in den drei bereits abgeschlossenen deutschen Gentherapie-Studien mit AAV-Vektoren nicht verwendet worden.

Kaum jemand rechnete mit Nebenwirkungen

Am 26. Februar hatte Jolee Mohr, die sich offenbar schnellentschlossen auf Anraten ihres Arztes für die Studie angemeldet hatte, die erste Spritze erhalten. Ob es sich dabei um das Genmedikament oder wie bei der Hälfte der Studienteilnehmer bei der ersten Injektion um ein Placebo handelte, ist noch unklar.

Beschwerden hatte sie jedenfalls keine. Auch viele andere, womöglich medizinisch wichtige Details der Untersuchung sind nicht bekannt. Fest steht, dass es sich um eine frühe klinische Studie der Phase I gehandelt hat, in der es ausschließlich um die Sicherheit der experimentellen Genarznei ging.

Dass die Spritze die Beschwerden der Patienten womöglich gar nicht zu lindern imstande ist, war den Studienteilnehmern ausdrücklich mitgeteilt worden. Kaum einer, die Wissenschaftler von Targeted Genetics eingeschlossen, rechnete aber auch mit ernsthaften Nebenwirkungen.

Regulierungsbehörden weltweit sind gewarnt

Schwellungen an den behandelten Gelenken wurden wie Fieber oder kurzzeitige und eingeschränkte Immunreaktionen als durchaus zu erwartende Reaktionen auf die Injektion angesehen. Deshalb hat man wohl bisher auch dem zweiten Patienten, der mit solchen eher leichteren Nebenwirkungen ins Krankenhaus kam, keine große Beachtung geschenkt.

Dieser Patient jedenfalls erholte sich wieder. Auch die Frage, ob statt des Genkonstrukts möglicherweise andere Begleittherapien ursächlich an den inneren Blutungen und dem Leberversagen verantwortlich sind, bleibt einstweilen unbeantwortet.

Angeblich soll mindestens ein Teil der Studienteilnehmer auch andere Medikamente, unter anderem auch Tumornekrosefaktor-Antagonisten, erhalten haben. Die Regulierungsbehörden weltweit sind jedenfalls gewarnt. Einen Grund, andere klinische Genstudien mit AAV-Vektoren zu unterbrechen, sieht man aber bisher nicht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

Jüngste Beiträge

Kaffeesatz

Von Christina Hucklenbroich

Koffein und Schwangerschaft: In Amerika schaut man werdende Mütter mit Cappucino-to-go schief an, in Deutschland nicht. Doch was sagen wissenschaftliche Studien? Mehr 1 19