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Gentherapie Mit Viren gegen Aids

06.11.2006 ·  Nach jahrelanger Behandlung mit virushemmenden Medikamenten sprechen manche Aidspatienten auf keines der zur Verfügung stehenden Mittel mehr an. In Zukunft kann den HIV-Patienten möglicherweise mit einer Gentherapie geholfen werden.

Von Barbara Hobom
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Nach jahrelanger Behandlung mit virushemmenden Medikamenten sprechen manche Aidspatienten auf keines der zur Verfügung stehenden Mittel mehr an. Das Virus vermehrt sich dann ungehemmt. Diesen Betroffenen könnte in Zunkunft möglicherweise mit einer Gentherapie geholfen werden.

Darauf läßt eine seit nunmehr dreizehn Jahren laufende klinische Studie schließen, die Carl June von der University of Pennsylvania in Pittsburg und seine Kollegen nun in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Early Edition) vorstellen. Ihre Gentherapie beruht auf dem Prinzip der RNS-Interferenz, bei der die Botennukleinsäure für einen wichtigen Virusbaustein enzymatisch zerstückelt wird. Eine „Antisense-RNS“ sorgt dabei dafür, daß keine neuen HIV-Partikeln mehr entstehen können.

Charakteristische Immunschwäche

Die Virologen haben ein recht langes Stück von Ribonukleinsäure (RNS), dessen Basenfolge komplementär zum Gen für das wichtigste Hüllprotein (env) des Aidsvirus ist, in einen Gentransporter verpackt. Diesen haben sie anschließend in weiße Blutzellen der Patienten, sogenannte CD4-T-Lymphozyten, eingeschleust. Der Aidserreger bevorzugt diese Abwehrzellen für seine Vermehrung und zerstört sie, was die charakteristische Immunschwäche zur Folge hat.

Der Gentransporter bestand im Wesentlichen aus einem stark verstümmelten Aidsvirus, das sich nicht mehr aus eigener Kraft in einer Wirtszelle vermehren konnte. Dessen Genom hatten die Forscher in die Hülle eines für den Menschen harmlosen Erregers, des Vesicular Stomatitis Virus, verpackt. Sie beließen im Virusgenom unter anderem die flankierenden Enden, die helfen, die Aktivität des eingebauten Antisense-Gens zu steuern.

Keine Nachkommen mehr gebildet

Zu einer Aktivierung des therapeutischen Gens kam es in Reagenzglasversuchen nur dann, wenn infektiöse Aidsviren die mit dem Gentransporter beschickten T-Lymphozyten befielen. Diese stellten all jene Funktionen zur Verfügung, die für die Aktivierung des Antisense-Gens notwendig waren. Durch die Infektion der Abwehrzellen leiteten die Aidserreger damit ihren eigenen Untergang ein, denn sie vermochten in diesen Zellen keine Nachkommen mehr zu bilden.

Durch diese Beobachtungen ermutigt, erprobten die Forscher aus Pittsburgh das Verfahren in Form einer Gentherapie bei insgesamt fünf Patienten, die seit zehn bis fünfzehn Jahren HIV-positiv waren und auf mindestens zwei der üblichen antiviralen Medikamente nicht mehr ansprachen. Die Kranken wiesen hohe Viruskonzentrationen im Blut auf und besaßen nur noch wenige Abwehrzellen.

Gentherapeutisch behandelte Abwehrzellen

Die Ärzte spritzten ihnen einmalig CD4-T-Zellen, die sie den Patienten zuvor entnommen und mit dem Gentransporter beschickt hatten. Bei allen derart Behandelten fiel die Viruslast innerhalb weniger Monate stark ab, stieg bei drei von ihnen später aber wieder an. Bei zwei Aidspatienten war der Virustiter bei der Nachuntersuchung nach mehr als einem Jahr immer noch niedrig und schien weiter zu fallen.

Es ist indessen nicht ganz sicher, ob dieser Erfolg allein auf die Gentherapie zurückgeht oder auf die Tatsache, daß die Patienten nach einem Jahr neue Aidsmedikamente erhalten hatten. Daß der Virustiter bei den anderen Kranken nach einigen Monaten wieder anstieg, könnte nach Ansicht der Forscher auf einer ungenügenden Vermehrung der gentherapeutisch behandelten Abwehrzellen beruhen. Wiederholte Injektionen der therapeutischen Zellen könnten in diesen Fällen möglicherweise einen Ausweg darstellen, spekulieren die Ärzte.

Kein krebserregendes Retrovirus

Ein verwandter Gentransporter hat bei der Gentherapie angeborener Immunschwächen bei Kindern vor einigen Jahren zu großen Schwierigkeiten geführt, weil er bei mehreren Patienten Blutkrebs hervorrief. Diese Gefahr dürfte nach Ansicht von June bei dem Antisense-Gentransporter kaum bestehen, weil es sich bei HIV nicht um ein krebserregendes Retrovirus handelt.

Bei ihren bisherigen Analysen haben die Forscher keine durch den Gentransporter verursachten Mutationen im Erbgut der Abwehrzellen nachweisen können. Doch weil sich auch der neue Gentransporter in das Erbgut seiner Wirtszelle einbaut, sind nachteilige Wirkungen nicht auszuschließen. Man will die behandelten Aidspatienten nun mehrere Jahre genau beobachten, um mögliche Spätfolgen zu erkennen.

Vorbeugende antivirale Behandlung

Auch an anderer Forscherfront bahnen sich Fortschritte im Kampf gegen Aids an. Wissenschaftler um Inge Derdelinckx vom University Medical Center in Utrecht haben Hinweise gewonnen, daß sich eine vorbeugende antivirale Behandlung von Personen, die einem hohen Ansteckungsrisiko durch HIV ausgesetzt sind, lohnen könnte. Ihren Überlegungen zufolge käme dafür besonders das Aidsmittel Lamivudine in Betracht. Dies will man nun in klinischen Studien mit Hochrisikopersonen untersuchen, heißt es in einem aktuellen Bericht in der Online-Zeitschrift „Public Library of Science“.

In der Novemberausgabe dieses frei zugänglichen Publikationsorgans berichten Wissenschaftler vom Aidsforschungszentrum am Massachusetts General Hospital der Harvard University in Boston gemeinsam mit Aidsspezialisten aus Berlin und Bonn außerdem, daß offenbar ein Zusammenhang besteht zwischen der erblich festgelegten Struktur jener Oberflächenmoleküle (HLA Klasse I), die dem Abwehrsystem eine Infektion mit HIV zu erkennen geben, und der Stärke der Immunabwehr. Diese Erkenntnis könnte bei der Suche nach einem wirksamen Impfstoff gegen den Aidserreger stark weiterhelfen.

Quelle: F.A.Z., 07.11.2006, Nr. 259 / Seite 36
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